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Augsburg

10.09.2017

Sie helfen Hinterbliebenen von Suizidopfern

Ursula Mai (links) und Regina Ellinger-Kiss betreuen Hinterbliebene von Suizidopfern.
Bild: Annette Zoepf

Ursula Mai und Regina Ellinger-Kiss unterstützen Hinterbliebene nach dem Suizid eines nahestehenden Menschen. Sie selbst mussten auch Schicksalsschläge verkraften.

Sie glaubte, irgendwann kriegt er die Kurve. Aber das war nicht so. Eines Tages wurde der Arbeitskollege von Regina Ellinger-Kiss tot im Wald gefunden. Er hatte sich umgebracht, weil sie seine Liebe nicht erwidert hatte. Für die Frau war das damals ein schwerer Schlag. Schon lange kümmert sich Ellinger-Kiss inzwischen selbst um Hinterbliebene von Suizidopfern. Wie auch Ursula Mai, die einen ähnlichen Schicksalsschlag erlitten hatte.

Vor 17 Jahren gründeten die beiden Frauen in Augsburg die Selbsthilfegruppe AGUS (Angehörige um Suizid). Sie ist damit ein weiterer regionaler Ableger, des bundesweiten AGUS-Selbsthilfevereins. Am Sonntag zum Weltsuizidpräventionstag lädt der Augsburger Verein zu einem ökumenischen Gottesdienst in der Moritzkirche ein „Im Moment kommen zwischen 15 bis 20 Leute zu unseren monatlichen Treffen“, berichtet Ursula Mai. Sie leitet und moderiert die Sitzungen im Haus Tobias, dem Bildungs- und Begegnungszentrum der katholischen Klinikseelsorge im Bistum Augsburg. Kollegin Ellinger-Kiss führt inzwischen eine eigene AGUS-Gruppe in Schongau. Ziel der Treffen ist es, nach einem Suizid den Trauernden eine Anlaufstelle zu geben und sie zu unterstützen. Beide wissen nämlich, wie es ist, nach so einem unfassbaren Ereignis allein gelassen zu werden.

Vor 20 Jahren verlor sie ihren Bruder

Im Dezember werden es 20 Jahre, dass Mai ihren Bruder verlor. Er hatte mit einer Überdosis Medikamente seinem Leben ein Ende gesetzt. Der Anfang 20-Jährige litt an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung. „Wenn ich überlege, was ich damals hätte anders machen können, finde ich keine Antwort“, sagt Mai. Die Frage nach den „Warum“ hänge untrennbar mit Schuldgefühlen zusammen. „Man fragt sich, ob man es hätte verhindern können.“ Längst weiß sie, dass sie es nicht konnte. Ellinger-Kiss bestätigt das. Als ihr Bekannter sich damals wegen ihr umbrachte, plagten sie große Schuldgefühle. Hinzu kam, dass zur damaligen Zeit, es war anfang der 60er Jahre, der Suizid noch ein absolutes Tabuthema war.

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„Das ging so weit, dass Angehörige den Arzt baten, Suizid nicht als Todesursache anzugeben, weil sonst die Lebensversicherung nicht gezahlt hätte“, erzählt die 80-Jährige. Sie selbst, damals eine junge Frau in seelischer Not, vertraute sich schließlich einem Pfarrer an. „Er sagte, mich träfe keine Schuld, aber ich konnte es nicht glauben.“ Sie schaffte es erst, als sie von dem Geistlichen die Absolution erteilt bekam. “Das brauchte ich für mich, trotzdem begleitete mich der Tod des Kollegen immer weiter.“

Auch Angehörige werden verantwortlich gemacht

Hinterbliebene plagten nicht nur die eigenen Schuldgefühle, hat Mai die Erfahrung gemacht. „Unterschwellig werden auch Angehörige für einen Suizid verantwortlich gemacht.“ Der Mensch suche eben nach einer Erklärung für das Unbegreifliche. „Bei einer Selbsttötung kann man nun mal nicht sagen, das lag an einem Autounfall oder an einer Krebserkrankung.“ Bei der Selbsthilfegruppe weiß man, dass für jeden Suizid die Gründe und Anlässe einzigartig sind. Manche seien für Hinterbliebene nachvollziehbar, andere hingegen blieben ein Rätsel. Aber niemand habe das Recht, Hinterbliebenen die Schuld zu geben, wird betont.

Manchmal fühlten sich diese aber wie Trauernde zweiter Klasse, beschreibt es Mai. Gerade im Umgang mit Hinterbliebenen müsse noch viel passieren, finden beide Frauen. Sie wünschten sich mehr Offenheit und weniger Berührungsängste. „Dass die Leute es auch einfach mal aushalten können, wenn man einen Heulkrampf bekommt.“ In der Selbsthilfegruppe finden die Angehörigen Verständnis für ihre Situation, auf das sie im persönlichen Umfeld nicht unbedingt stoßen. Sie tauschen sich untereinander aus, hören einander zu. Jeder einzelne ziehe für sich dabei etwas heraus, erzählt Mai. Auch der Leiterin selbst helfen die Treffen nach wie vor. „Manchmal bricht bei den Gesprächen auch bei mir wieder etwas auf oder ich sehe etwas plötzlich aus einem anderen Blickwinkel“, sagt sie. „Es ist ein ständiges Weiterwandern und mein Bruder ist immer dabei.“

Verarbeiten könne man einen Suizid nie, sind Mai und Ellinger-Kiss der Überzeugung. Weil verarbeiten auch vergessen bedeute. „Vergessen kann man nicht. Aber es geht darum, wie man das Geschehene in sein Leben integrieren und damit weiter leben kann.“

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