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Brechtfestival

01.03.2018

Sie kennen keine andere Sprache als die des Krieges

Vier Deserteure, die des Kämpfens überdrüssig sind: Szene aus „Fatzernation“, einer Aufführung des Ensembles „theter“ beim Brechtfestival.
Bild: Wolfgang Diekamp

Das Ensemble „theter“ liefert die zweite Inszenierung des „Fatzer“-Fragments. Sie fordert und fasziniert.

Endzeitstimmung. Vier Menschen im Nirgendwo. Wie es weitergeht, wissen sie nicht. Nur, dass sie nicht mehr Teil sein wollen im Wahnsinn eines Krieges. Hungrig und geschädigt warten die Deserteure auf bessere Zeiten, entzünden revolutionäre Ideale und detonieren dabei ganz real im Miteinander.

So in etwa der greifbare Handlungskern des Fragments „Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer“, das Bertolt Brecht als 500-seitige ungestüme Sammlung von Dialogen und Skizzen hinterlassen hat. Er selbst sah es als unaufführbar an, auf dem diesjährigen Brechtfestival ist es gleich zwei Mal vertreten: in einer Inszenierung des Theaters Augsburg und mit einem Wurf aus der freien Szene. Unter dem Titel „Fatzernation“ zeigt das Augsburger Ensemble „theter“ seine spannende Bearbeitung im City Club.

Ein schneller und kompakter Abend mit hartem Beat

Dort sitzen die Zuschauer einander gegenüber, zwischen ihnen leerer Bretterboden. Die Szenerie wird durch vier Schauspielende bestritten. Regisseur Leif Eric Young holt die im Ersten Weltkrieg angesiedelte Fabel in ein nicht näher bestimmtes Jetzt. Seine vier Deserteure, Frauen und Männer (spielerisch stark und durchdringend präsent Lieselotte Fischer, Jonas Graber, Larissa Pfau und Sabah Zora) lassen in schwarzen, eng anliegenden Kampfuniformen Assoziationen zu SEK, Matrix und Terrormiliz aufblitzen: Es liegen Angst, Kampfgehabe und Egogepluster, Gruppenkuscheln und Verlorenheit in der Luft.

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Das Team geht sehr innovativ mit der Textvorlage und ihrer Aufteilung um. Dialog oder Prosa, ich oder du – Young lässt Brecht brüchig, löst das Szenische noch weiter auf. Jeder ist hier mal Fatzer. In chorischen Partien, Wortteppichen und Erzählschleifen hört sich das Publikum durch ein Gemisch von Kampfreden, geläuterter Kriegserschöpfung und proklamierten Thesen zu einer neuen Welt, oft gestochen scharf und in artistischer Schnelligkeit.

Es ist ein schneller, kompakter Abend, mit klarem Rhythmus und hartem Beat, auch szenisch. In fast tänzerischer Choreografie mit präzisem Raumgefühl wird das Brechtsche Kopftheater plastisch. Youngs Kampftiere peitschen über die Bühne, formieren sich, fallen um und sprengen auseinander. Und pumpen sich immer wieder martialisch auf, auch voreinander. Hier klammern sich vier Menschen aneinander, die des Kämpfens überdrüssig sind, aber keine andere Sprache kennen als die des Krieges. Es wird erstaunlich nachvollziehbar, wie Krieg, Uniform und martialisches Gehabe zur Ich-Entfremdung führen. Da haben vier viel Kampf geschluckt, wenig zu essen und keine Kraft mehr. Für den Zuschauer ist es eine Herausforderung, dem Text in seiner Dichte zu folgen. Es bleibt aber die Faszination für die Qualität dieser Aufführung, der es gelingt, die Sinnlosigkeit des Zerstörerischen im Mark zu erwischen.

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