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Gedenken

26.10.2019

Sie ließen ihr Leben während des NS-Regimes

In Oberhausen wurde vor Kurzem ein Erinnerungsband für den kommunistischen Arbeiter und Widerstandskämpfer Josef Graf angebracht.
Bild: Hochgemuth

Anfang November werden wieder Stolpersteine verlegt. Erstmals erinnert einer an einen Zeugen Jehova

In den nationalsozialistischen Konzentrationslagern trugen sie den lila Winkel. Ernste Bibelforscher, wie damals die Zeugen Jehovas genannt wurden, galten im Dritten Reich als Feinde der „Volksgemeinschaft“. An einen Augsburger Zeugen Jehovas, der seine Standhaftigkeit im Glauben mit dem Leben bezahlte, wird nun erstmals mit einem Stolperstein erinnert. Am Montag, 4. November, wird der Stein am Haus Theresienstraße 1 im Viertel Rechts der Wertach verlegt.

Georg Halder, am 30. Mai 1882 in Gruibingen bei Göppingen geboren, Vater von drei Buben und fünf Mädchen, arbeitete als Stuckateur und Schlosser und kam 1929 mit seiner Familie nach Augsburg. Bereits 1927 konvertierte er zu den Zeugen Jehovas, die den Nationalsozialisten wegen ihrer kompromisslos nonkonformistischen Haltung von Anfang an ein Dorn im Auge waren. Denn sie lehnten sowohl den Dienst an der Waffe als auch den Hitlergruß ab. Wie seine Glaubensgeschwister verweigerten sich auch Georg und seine Frau Friederike dem Nazi-Regime und versuchten, ihren Glauben im Untergrund zu leben. 1935 wurde Georg Halder zu zwei Monaten Haft verurteilt, danach kam er in U-Haft und dann für weitere zehn Monate ins Gefängnis. Im Frühjahr 1937 wurde Halder ins Konzentrationslager Dachau verlegt. Vorübergehend kam er 1941 frei und am 27. Januar 1943 erneut in Haft in München-Stadelheim.

Ein Jahr später, am 18. Februar 1944, wurde er zum Tod durch Enthaupten verurteilt. Am 4. April sollte Halder zusammen mit dreißig anderen Häftlingen hingerichtet werden, doch er wurde einfach vergessen. Ein Wärter, der ihn fand, löste seine Fesseln, und Georg Halder sprach mit ihm mehrere Stunden über seine christliche Überzeugung. Erst am 8. April gegen 22 Uhr bemerkte man, dass einer der Todeskandidaten vergessen wurde. Wenige Minuten später wurde auch Georg Halder hingerichtet.

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Erstmals gewürdigt wird auch ein Mann, der wegen seiner sexuellen Orientierung von den Nazis ermordet wurde. Johann Holzheu, geboren am 23. Februar 1895, ließ nach fortgesetzten Quälereien im KZ Dachau am 5. Mai 1939 sein Leben. Ab 1923 war er als Buchhalter tätig. Er arbeitete am Arbeitsamt und vermittelte in der Zeit der Inflation Arbeit. Am 30. November 1935 kam er wegen Homosexualität zum ersten Mal für ein halbes Jahr in Untersuchungshaft und am 6. Mai 1936 erneut. Am 18. Juli wurde er ins KZ verlegt. Er ist dort zahllosen Demütigungen und Qualen ausgesetzt, er wird eiskalt abgespritzt, muss stundenlang bei schlimmster Kälte im Freien zubringen. Johann Holzheu starb an einer Lungenentzündung. Der Stein wird an seinem letzten Wohnort Frauentorstraße 4 gesetzt.

Insgesamt werden am 4. November sieben Stolpersteine in Augsburg verlegt. Die Aktion wird vom Programm „Demokratie leben!“ des Bundesfamilienministeriums gefördert. Sie erinnern vor allem an Opfer der NS-Krankenmorde, beschönigend Euthanasie genannt. Dazu zählen Maria Pfaffenzeller (Reisch-lestraße 31-33), Aloysia Kempter (Fuggerei, Ochsengasse 49) sowie Franz und Josef Eiter (Schwalbenstraße 6). Erinnert wird auch an das jüdische Ehepaar Rudolf und Rosa Hirschmann. Mit ihrer Heirat übernahmen sie die Metzgerei in der Katharinengasse von Rudolfs Eltern.

Ab 1933 Demütigungen und Entrechtung ausgesetzt, wurde er 1939 gezwungen, seinen Betrieb an einen „Arier“ zu verkaufen. Als Rudolf Fleisch auf dem Stadtmarkt zu kaufen versuchte, kam er am 8. August 1941 ins KZ Dachau. Mit einem sogenannten Invalidentransport wurde er nach Hartheim deportiert und am 20. Januar 1942 mit Gas getötet. Seine Frau Rosa wurde am 4. April 1942 gemeinsam mit 986 jüdischen Bürgern, davon 430 aus Augsburg, ins Getto von Piaski deportiert. Wahrscheinlich wurde sie dort ermordet.

Augsburg gedenkt den Opfern des NS-Regimes nicht nur mit Stolpersteinen, sondern auch mit Erinnerungsbändern. In der Kurzen Wertachstraße wurde diese Woche ein Band für den Widerstandskämpfer Josef Graf angebracht.

Die Biografien der Opfer finden sich unter: gedenkbuch.erinnerungswerkstatt-augsburg.de.

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