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Reportage

10.12.2019

Sie machen Augsburg für uns sauber

Abfalleimer werden zum Teil mehrmals am Tag geleert.
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Abfalleimer werden zum Teil mehrmals am Tag geleert.

Jeden Tag sind die Menschen in Orange im Einsatz, um Abfall und Schmutz zu beseitigen. Sie erzählen, wieso ihr Beruf Spaß macht und was Müll über unsere Gesellschaft verrät

Montagmorgen, 6.30 Uhr. Der Rathausplatz ruht noch im Schein der Laternen. Man sieht ihn kaum, den Schmutz der vergangenen Nacht. Müll auf den Straßen, in Müllkörben, zwischen Pflastersteinen und Bordsteinkanten. Aber jetzt beginnt die Arbeit. Fahrzeugkolonnen in Orange rollen heran. Männer steigen aus, gekleidet in orangen Hosen und Jacken, mit leuchtenden Silberstreifen. Hiseyn Kurtul begrüßt mich und nimmt mich mit.

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Im Cockpit seiner Kehrmaschine baumeln ein Duftbäumchen und eine kleine Türkei-Flagge von der Decke. Unsere Köpfe stoßen beinahe dagegen – mit jedem Holpern übers Kopfsteinpflaster. Hiseyn Kurtul eröffnet das Besenballett. Während er mit der Rechten lässig am Lenkrad seiner Kehrmaschine dreht, drückt er mit der Linken ein paar schwarze Knöpfe auf einer Armatur. So lässt Kurtul die Besen wirbeln. Lehnt man sich vor bis zur Frontscheibe, sieht man unten am Boden, wie der Tanz vor dem Wagen beginnt. Besen runter, zur Seite, rauf, wieder zur Mitte. Und diese Bürsten kehren nicht nur, sie saugen vor allem. Scherben, Laub, Müll. „Sie staubsaugen doch manchmal, oder?“, fragt Kurtul mich. Klar. „Und das hier ist mein Staubsauger, der ist nur etwas größer.“ Wenn er seine Kehrmaschine erklärt, dann sprudeln die Sätze nur so aus ihm heraus. Augsburgs Gassen nennt er sein „Wohnzimmer“, seit sechzehn Jahren kurvt er hier herum. Und sein Wohnzimmer möchte er sauber halten. Er ist stolz auf seinen Job.

An fast jedem Arbeitstag fährt er durch Augsburgs Straßen. „In unserer Arbeit sehen wir so vieles“, sagt er. Wache Augen braucht er für seinen Job unbedingt. Hindernisse und Gefahren drohen alle paar Meter auf seinen Wegen: Betrunkene, Radfahrer, Fußgänger, Drängler, gelegentlich auch in Kombination. Und seit Neuestem: E-Scooter. Kurtul sagt: „Du musst acht Augen haben, vorne, hinten, an den Seiten. Aber toi, toi, toi, ...“, dreimal klopft er gegen die Fensterscheibe, „... bisher ist nie etwas Schlimmes passiert.“

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Kurtul biegt verkehrt herum in eine Einbahnstraße ein. Darf er. Er fährt mit der Kehrmaschine auf dem Radweg. Darf er auch. „Wir haben Sonderrechte“, erklärt der Mann mit dem grauen Bürstenschnitt. Wenn Kurtul mit maximal fünfzehn Kilometern pro Stunde und rotierenden Bodenbesen durch Augsburgs Zentrum zuckelt, verordnet er dem Stadtverkehr manchmal eine Zwangspause. „Manche Autofahrer stellen sich stur und schimpfen“, sagt Kurtul. Stur? Kann er auch. „Lern etwas Vernünftiges, sonst wird man Müllmann. Das sagen sie doch immer“, sagt Kurtul und lacht. Aber er ist stolz auf seinen Job. Außerdem: Viele kleine Kinder seien begeistert, wenn sie auf dem Schulweg seiner Maschine begegnen.

Jetzt wird es eng. Die Kehrmaschine biegt ein auf einen Radweg. Verkehrt herum. Der linke Außenspiegel sollte nicht gegen die Bäume am Wegrand stoßen, der rechte nicht gegen die parkenden Autos. Knapp 1,50 Meter. So breit sei der Weg, schätzt Kurtul. Immer wieder klingelt sein Diensthandy, spontane Absprachen mit Kollegen. Die Kollegen von der Fußtruppe sind mit einem Handwagen schon vorangegangen. Sie haben für Kurtul das Laub zu Spuren und Häufchen zusammengekehrt, die sein fahrender Staubsauger nun gefräßig schluckt.

Das Bürstenballett ist beendet, der Mülltank voll. Jetzt schnallen wir uns an und fahren ins Depot des Abfallwirtschafts- und Stadtreinigungsbetriebs (AWS) der Stadt. Dort lagert in großen Hallen fast alles, was Augsburg sauber hält. Ein Fuhrpark mit Schneeräum- und Kehrmaschinen steht dort. Haufenweise Besen und Tonnen. Weiße Hügel, Berge von Streugut. Es erklingt ein schrilles Piepsen, das ist Kurtuls Kehrwagen, der jetzt den gesammelten Müll wieder auskippt.

Es wird hell und ich wechsle zur nächsten Straßenreinigungsgruppe. „Ich habe noch nie einen Grund zum Jammern gehabt“, erzählt Erhard Pressl. Seit 1986 arbeitet er für die Straßenreinigung, mit Begeisterung. Dabei erledigt er die Sisyphos-Arbeit unter den Straßenreinigungsaufgaben: Müllkörbe leeren.

Pressl lenkt den Kleinlaster, ein junger Kollege steigt alle paar Meter aus dem Wagen aus, mit einer hölzernen Müllzange und einem Schlüssel in der Hand. Müllkorb abmontieren, mit einem Ruck und viel Krach den Unrat auf die Ladefläche schütten, Müllkorb wieder dranmontieren. Auf zum nächsten. Zwei oder drei lange Runden geht das so. Wenn sie gegen Mittag erneut am selben Korb halten, ist er wieder voll. Es nimmt kein Ende.

Rathaus, Fußgängerzone, Fuggerstraße, zum Bahnhof, so geht ihr Rundkurs. Am Königsplatz müssen sie fast dreimal täglich die Papierkörbe leeren. Was Pressl an seinem Job mag? „Ich bin so gut wie mein eigener Herr. Niemand sitzt mir im Nacken“, sagt er. Hinter ihm auf der Rückbank sitzt nun ein Kollege mit Laubbläser. Der junge Mann erzählt, was seine Arbeit mit ihm macht: Als er im Sommer im Urlaub verreist war, da habe es ihm bei der Fahrt durch fremde Gassen in den Händen gekribbelt. „Da wollte ich gleich aussteigen, um den Müll am Straßenrand zu beseitigen.“

Straßen sauber zu halten, das scheint bei der Straßenreinigung Männersache zu sein. Wenige bis gar keine Frauen arbeiten bei den Reinigungstrupps, sagt Pressl. In den Sommerferien, da half eine Biologie-Studentin in seiner Truppe mit, und wenn er von ihr erzählt, gerät er schon fast ins Schwärmen. „Die war auf Zack. Die ist für diese Arbeit auch Feuer und Flamme gewesen.“ Es gibt auch andere schöne Momente für ihn bei der Arbeit. Letztens hätten ihn Passanten „schwer gelobt“, sagt er. Aber öfter noch beschweren sich die Menschen. „Es sieht für manche so aus, als würden wir spazieren fahren. Ihr habt es ja schön, sagen viele“, sagt er und schüttelt den Kopf. „Eine saubere, freie Straße. Die Menschen sehen das als eine Selbstverständlichkeit, die keine ist.“

Pressl erzählt von einer Begegnung. Er fuhr einmal auf eine Bushaltestelle zu. Pressl stieg aus, schritt zum Mülleimer. Ein junger Mann beobachtete ihn dabei, er stand nur wenige Zentimeter neben dem Korb. Er nippte an einer Coladose, blickte Pressl in die Augen. Und warf die Dose auf den Boden. Pressl sagt, er habe es kaum fassen können. „Der wollte provozieren.“ Dem jungen Mann habe er dann aber eine Standpauke erteilt.

Der Job als Straßenreiniger kann hart sein. Wie kam Pressl eigentlich dazu? „Wie die Jungfrau zum Kinde“, sagt er. Sein alter Arbeitgeber ging in Konkurs, Pressl suchte und fand, wenn man so will, den Weg auf die Straße. Pressl sagt, er habe einen ausgeprägten Sinn für Ordnung und Sauberkeit. „Mein Bruder sagt, ich sei ein Pedant. Dann antworte ich: Nein. Ich bin nur ziemlich ordentlich.“ Reich wird er in diesem Beruf nicht. Aber die Stadtreinigung bietet ihm eine solide Anstellung und einen gesicherten Ruhestand. „Es ist ein krisensicherer Arbeitsplatz.“

Was Pressl ärgert, sind nicht nur die großen Müllberge, sondern auch die kleinen. Jene, die sich auf überfüllten Papierkörben wie Häubchen türmen. „Plastikbecher, Pizzakartons, Deckel, Trinkhalme“, Pressl zählt auf. „Und der allerletzte versucht es doch noch, seinen halb vollen Pappbecher auf den Gipfel des Müllturms abzustellen.“ Wahre Künstler seien das, sagt Pressl spöttisch. Dabei könnte alles so simpel sein: Pizzakartons, Becher, Tüten einfach zusammenfalten.

Der Wagen stoppt wieder einmal. Pressl bittet seinen Kollegen: „Holst du das bitte?“, fragt Pressl. Sein Kollege nickt und steigt aus. Nur – was soll er denn holen? Da: Eine kleine, leere Schnapsflasche ist unter den Sitz einer Bushaltestelle gerollt. Sie sehen es. Sonst wahrscheinlich niemand. Die Straßenreiniger haben den Blick für Müll.

Ecke Volkhart-/Klinkertorstraße. „Die Bushaltestelle hier wird zur Plärrer-Zeit manchmal von Betrunkenen dekoriert“, sagt Pressl und meint damit: Erbrochenes. „Den Ekelfaktor muss man hinnehmen. Man muss schon aufgeschlossen sein, allem, was auf einen zukommt.“ So wachsam ihre Augen sein müssen, ihre Nase darf nicht empfindlich sein. Zeit und Erfahrung haben Pressl abgehärtet. Dabei geht es nicht allein um Gestank und saubere Straßen. „Es geht um Gesundheit, um Bakterien. Sauberkeit bewirkt, dass Krankheiten sich weniger verbreiten.“

Wer den Beruf des Straßenreinigers ergreift, muss mit den Jahreszeiten leben. Im Sommer hinterlassen die Menschen ihren Müll. Im Herbst fällt bald schon das Laub und im Winter müssen die Stadtreiniger mit Räummaschinen und Streusalz ausschwärmen. Jedes Jahr beginnt das Spiel von vorne. Wenn Pressl dem Müll hinterherfährt, kommen ihm Gedanken, was der Abfall über unsere Gesellschaft verrät. Für ihn steht fest: Wir werfen mehr weg als früher, immer noch produzieren wir viel unnötigen Plastikmüll. Obwohl die Debatten lauter werden. „Einerseits treffen sich Studenten, die für saubere Umwelt auf die Straße gehen. Dann sind sich manche aber zu fein, ihren Müll zu entsorgen.“

2021 wird Pressl auf 35 Jahre bei der Stadtreinigung zurückblicken. „Ich bin zufrieden mit meiner Arbeit, ich muss nicht von mehr träumen. Und im Ruhestand will ich dann auch meine Ruhe haben.“ Doch eines scheint klar: Auch im Ruhestand soll für ihn alles sauber sein. Unbedingt.

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