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Krisenintervention in Augsburg

01.10.2009

"Sie sehen immer das Grauen"

Gerhard Schöffel hilft Menschen in deren schwersten Stunden.

Gerhard Schöffel leitet das Kriseninterventionsteam der Malteser in Augsburg. Er versucht zu helfen, wenn Menschen eine Tragödie erleben. Dabei hat er selbst mit einem schweren Schicksal zu kämpfen. Von Gerlinde Knoller

"Ich glaube, ich bin in einem schlechten Film." Diesen Satz sagen Menschen oft in den ersten Momenten, nachdem sich vor ihren Augen ein schreckliches Unglück abgespielt hat.

Bei dem sie womöglich hautnah miterleben mussten, wie ein Mensch zu Tode kam. Das kann ein Verkehrsunfall sein oder ein Suizid, ein Amoklauf wie erst vor kurzem in Ansbach oder eine andere Gewalttat. Gerhard Schöffel ist einer, der Betroffenen hilft, "in diesen schlechten Film hineinzutauchen und zu versuchen, wieder in die Realität zu finden". Der 49-Jährige leitet die Krisenintervention beim Malteser Hilfsdienst.

Gleichzeitig erfährt Schöffel selbst jeden Tag neu, was es heißt, mit Grenzen zu leben. "Ich müsste eigentlich schon längst tot sein", sagt er. Seit 30 Jahren hängt er an der Dialyse und "guckt, dass er am Leben bleibt". Montag, Mittwoch und Freitag für jeweils acht Stunden. Seine Nieren funktionieren beide nicht mehr. Mit 19, als die Krankheit auftrat, gab man ihm noch drei Jahre Lebenserwartung, später dann zehn.

"Sie sehen immer das Grauen"

"Mehr tot als lebendig" sei er in den Anfangsjahren, als auch die Medizintechnik noch nicht so fortgeschritten war, nach der Dialyse gewesen. Ohne Kraft, ohne Perspektiven. Seinen erlernten Beruf als Pharmakaufmann musste er aufgeben. "Ich war körperlich dazu nicht mehr in der Lage." Mit 25 wurde er - nach 130 erfolglosen Bewerbungen - in Rente geschickt.

Was in dieser für ihn "schlimmen Zeit" jedoch bei Gerhard Schöffel gekeimt ist, trägt heute Früchte. Er hat einen anderen Blickwinkel eingenommen: den Blick auf den Menschen mit all seinen Bedürfnissen. "Wir schauen oft zu sehr auf die Medizintechnik", meint Schöffel, "wenn's EKG wunderbar ist, geht's dem Menschen gut." So eine Sichtweise könne täuschen. Er hingegen hat sich den Leitsatz der Malteser "Bezeugung des Glaubens und Hilfe den Bedürftigen" zu eigen gemacht. Seit 2002 füllt Schöffel diesen im Kriseninterventionsteam mit Leben, tut hier seinen Dienst - übrigens wie seine Kollegen auch - ehrenamtlich. Die Jahre zuvor wirkte er im Notarztdienst.

"Tiefer und näher kommen Sie an die Menschen gar nicht ran", beschreibt Schöffel sein Tun und schildert manche Situation, in die er gerufen wird: zum schweren Unglück mit dem Lkw-Fahrer, der beim Abbiegen einen Fußgänger übersieht; von Menschen, die sich vor einen Zug werfen; von Eltern, deren Kind am plötzlichen Kindstod stirbt; vom jungen Mann, der vor den Augen der Hinzugeeilten von der Feuerwehr aus dem Auto geschnitten wird …

Schwer zu ertragen. Bei denen, die unmittelbar dabei sind, kann das ein seelisches Trauma auslösen. "Wir fahren hin, sind zunächst einfach nur da", berichtet Gerhard Schöffel. Die Betroffenen werden erst einmal "weg vom Grauen, weg von der Hektik der Rettungsdienste" genommen, hin zu einem ruhigen Ort, sei es in der Wohnung, sei es im Fahrzeug des Kriseninterventionsteams. "Wir können nicht die Trösterbären sein", räumt er ein, "aber wir können zeigen, dass es über diese Schlucht, die sich aufgetan hat, eine Brücke gibt." Die "ersten beiden Schritte über diese Brücke" gehe er mit, um beim Betroffenen wieder so etwas wie eine "Struktur" und "Handlungsfähigkeit" zu erreichen. Um auch aufzuzeigen, dass das Leben bei allem Schrecklichen, das passiert ist, sinnhaft bleibt und seine Möglichkeiten bereithält.

Wer im Kriseninterventionsteam arbeitet, muss seelisch sehr stabil sein. "Sie sehen immer das Grauen", sagt Schöffel. Die meisten halten diesen Dienst nur wenige Jahre durch. Warum gelingt ihm dies so lange schon, seit sieben Jahren? Weil er sich "den Glauben bewahrt hat", antwortet Schöffel, "den Glauben an die Zukunft, den Glauben an die Kraft und an das Gute."

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