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Zeitgeschichte

31.10.2016

Sie waren die Nazi-Jäger von Augsburg

US-Militärs bei einem Faschingsumzug am 28. Februar 1954 in Augsburg – einer von ihnen als als Adolf Hitler verkleidet. Bei der Jagd nach Nazi-Schergen kannten sie keinen Humor.
Bild: Amerika in Augsburg

Vor 70 Jahren baute das US-Militär in der Region eine Spezialeinheit auf, die Schergen des NS-Regimes aufspüren sollte. Nun hat ein Verein ein spannendes Dokument entdeckt.

Ein trotziges „Nicht schuldig“. Ein lautes „Nein!“ – hineingebellt in den Saal des Nürnberger Justizpalastes und damit hinaus in die Welt. Die Arroganz, mit der das Gros der Nazi-Größen im ersten und spektakulärsten Kriegsverbrecherprozess der Geschichte die Verantwortung von sich wies, hallt bis heute nach. Knapp 70 Jahre später sind die Schwarz-Weiß-Bilder noch immer allgegenwärtig: der betont lässige Reichsmarschall Hermann Göring mit Sonnenbrille, der herrische Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, der verwirrte England-Flieger Rudolf Heß.

Weit weniger oft wird über die unteren und mittleren Chargen gesprochen. Fanatisierte NSDAP-Funktionäre, brutale KZ-Aufseher, Denunzianten oder Verbrecher in Uniform. Doch auch sie wurden nach 1945 im ganzen Land gesucht. Mit besonderer Hartnäckigkeit von den amerikanischen Besatzern. Für viele, die hofften, dass sie und ihre Untaten im Nachkriegschaos unentdeckt bleiben würden, war der 1.November 1946 kein guter Tag. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt nahm an jenem Donnerstag in Augsburg eine neue Einheit ihre Arbeit auf: die „7708 War Crimes Group“ – später nur „die Nazi-Jäger“ genannt.

Für einige Monate schlug also das Herz des beispiellosen Programms der US-Regierung zur Verfolgung deutscher Kriegsverbrechen in der früheren Arras-Kaserne im Augsburger Stadtteil Kriegshaber. Und dennoch war über die Tätigkeit der 7708er – insbesondere in Deutschland – nicht viel bekannt. Die Quellenlage war dürftig.

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Augsburger stößt im Internet auf US-Bericht mit 249 Seiten

Es ist dem Verein „Amerika in Augsburg“ zu verdanken, dass sich das jetzt ändern dürfte. Dabei spielte – wie so oft – der Zufall eine Rolle. Als das Vereinsmitglied Thomas Dollrieß auf der Suche nach Dokumenten zur Geschichte der US-Armee in Schwaben im Internet surfte, stieß er auf einen Bericht, der ihn elektrisierte. Er hatte in dem gigantischen Online-Archiv der Library of Congress, der Forschungsbibliothek des US-Kongresses in Washington, den „Report of the Deputy Judge Advocate for War Crimes“ entdeckt – der bis in die 90er Jahre unter Verschluss gehaltene Bericht der zuständigen Justizinstanz der US-Streitkräfte über die Verfolgung von Nazi-Verbrechern in der Zeit von Juni 1944 bis Juli 1948. Viele der 249 Seiten befassen sich mit der Arbeit der 7708er, bei der rund 600 Juristen, Dolmetscher und Verwaltungsexperten tätig waren.

Gerhard Rankl, Wirtschaftsjurist aus Bobingen, hat sich daran gemacht, den Bericht für den Verein Amerika in Augsburg zu sichten und einzuordnen. Er suchte alte Fotos, las sich in das Konzept der US-Administration zur Entnazifizierung ein, beschäftigte sich mit den Dachauer Prozessen gegen Nazi-Verbrecher. Je tiefer er in das Thema eintauchte, desto größer wurde sein Respekt, mit welcher Hartnäckigkeit die US Army ihr Projekt verfolgte: „Was da umgesetzt wurde, ist eine riesige Leistung und ein unschätzbarer Beitrag zur Demokratisierung Deutschlands.“

Ein Urteil, das die Münchner Historikerin Edith Raim teilt: „Man hätte ja auch einfach Rache nehmen können, aber genau diesen Weg wollten die USA bei den Militärtribunalen eben nicht gehen. Die Verfahren wurden trotz der schwierigen Umstände meist fair und nach rechtsstaatlichen Standards geführt.“ Die Expertin für die juristische Aufarbeitung der NS-Verbrechen nennt ein weiteres Indiz für die Ernsthaftigkeit, mit der die USA vorgingen: „Die Amerikaner betrauten nicht etwa unerfahrene junge Anwälte mit dieser gewaltigen Aufgabe, sondern die besten und versiertesten Juristen und Fachleute – darunter auch deutsche Emigranten, die bis ins Detail wussten, wie die Behörden im Dritten Reich strukturiert waren.“

Nazi-Jagd: 1946 reift die Entscheidung, eine Spezialeinheit zu gründen

Doch zunächst musste Washington einen schmerzhaften Lernprozess durchlaufen. Als die US-Truppen am 6. Juni 1944 zusammen mit den Alliierten in der Normandie landeten, verfügte jede Einheit über einen Juristen, dem wiederum ein Techniker, ein Übersetzer, ein Fotograf sowie ein Fahrer nebst Jeep unterstellt wurden. Diese kleine Mannschaft hatte die Aufgabe, Verbrechen der Feinde an den Kameraden zu dokumentieren. Da ging es um Massenerschießungen von gefangenen US-Soldaten wie im belgischen Malmedy, oder Fälle, in denen Piloten, die einen Absturz überlebt hatten, von der aufgepeitschten Zivilbevölkerung gelyncht wurden. Doch in den letzten Wochen des Krieges, insbesondere nach der Befreiung der ersten Konzentrationslager, dämmerte Washington, dass es damit nicht getan sein würde. „Als immer deutlicher wurde, dass von Deutschen systematische Verbrechen begangen worden waren, reagierten die USA mit grundlegenden Umstrukturierungen“, sagt Gerhard Rankl.

Wurden die Ermittlungen zunächst zentral von Washington aus gesteuert, liefen die Fäden nach der Befreiung von den Nazis in Paris zusammen. 1946 reifte die Entscheidung: Die Ermittler und Juristen sollen in eine eigene Einheit mit eigenem Budget zusammengefasst werden. Und: Diese gehört nach Deutschland. „Ehrliches Entsetzen über das Ausmaß der deutschen Verbrechen hatte letztlich zu diesem Schritt geführt“, sagt Edith Raim.

In der früheren Arras-Kaserne bezog die „7708 War Crimes Group“ Quartier.
Bild: Sammlung Häußler

Warum aber wählte die US-Justiz ausgerechnet Augsburg als Domizil für ihre War Crimes Group? Ganz einfach: Die Stadt verfügte über weitgehend intakte und beheizbare Kasernen und lag nicht allzuweit entfernt von Dachau. Im Osten der Kleinstadt betrieben die Nazis ein berüchtigtes KZ, das die Amerikaner nach der Befreiung kurzerhand als Internierungslager für mutmaßliche deutsche Kriegsverbrecher nutzten. Zudem fanden sich in Dachau drei intakte Gerichtssäle, in denen das US-Militär 460 Verfahren durchführte. 1600 Kriegsverbrecher wurden dort verurteilt.

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