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Selbsthilfe

15.04.2018

Sie wollen Transsexuellen in Augsburg helfen

Yasmine Weber (links) und Ann-Kathrin Bürger sind als Männer geboren, fühlen sich aber als Frau. Jetzt haben sie eine Selbsthilfegruppe für Transsexuelle gegründet.
Bild: Silvio Wyzsengrad

Jasmine Weber und Ann-Kathrin Bürger sprechen offen darüber, wie steinig der Weg zum anderen Geschlecht ist. Die beiden haben eine Selbsthilfegruppe gegründet.

Wenn Ann-Kathrin Bürger durch Augsburg geht, kommt sie sich oft vor wie ein Tier im Zoo. Menschen drehen sich nach ihr um, starren sie an, tuscheln. Sie sehen nämlich einen Mann vor sich, der weibliche Züge hat und geschminkt ist. Als Mann wurde Ann-Kathrin Bürger auch geboren. Michael nannten ihre Eltern sie. Aber als Mann hat sich die 30-Jährige nie gefühlt, sondern als Frau im falschen Körper. Weil Ann-Kathrin weiß, wie steinig der Weg zu einem anderen Geschlecht ist, hat sie nun mit einer Freundin in Augsburg eine Selbsthilfegruppe für Transsexuelle gegründet.

Zehn Teilnehmer besuchten das erste offene Treffen in der „Ganzen Bäckerei“ in der Frauentorstraße. Für Ann-Kathrin Bürger und Yasmine Weber, die vor 41 Jahren als Andreas auf die Welt kam, war der erste Abend damit ein Erfolg. Sie wollen mit dem nun regelmäßigen Treffen den Menschen ein Forum bieten, die im falschen Körper geboren wurden. Beide sind Mitglied bei der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität, kurz dgti genannt. Die Selbsthilfegruppe wird unter dem Dach der dgti angeboten. „Die Leute sollen sich dort gegenseitig austauschen können“, erklärt Ann-Kathrin Bürger den Zweck. „Ein Therapeut kann nie so gut helfen wie wahre Freunde.“

Vor allem geht es um das Weitergeben persönlicher Erfahrungen. „Viele bedenken gar nicht, was zum Beispiel eine Hormonbehandlung mit sich bringt“, berichtet Yasmine Weber. Sie selbst weiß es. „Wenn man als 41-jähriger Mann in die Pubertät eines 14-jährigen Mädchens zurückgeworfen wird, ist das nicht einfach.“ Erst neulich habe sie sich drei Kuscheltiere gekauft.

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Einmal wurde sie beschimpft und angegriffen

Es ist nicht nur die Umstellung des Körpers, mit der Betroffene konfrontiert werden. In der Öffentlichkeit stoßen sie häufig auf Vorurteile, Spott oder gar Anfeindungen. Ann-Kathrin Bürger muss sich immer wieder blöde Sprüche anhören oder sich eben anstarren lassen. Einmal, so erzählt die gebürtige Bobingerin, wurde sie sogar angegriffen.

Es passierte auf dem Heimweg von der Arbeit als Köchin in einem Wirtshaus in der Innenstadt. Bürger stieg an der Tramhaltestelle an der Sportanlage-Süd aus. Drei Männer verließen mit ihr die Straßenbahn. „Sie beschimpften mich als Drecks-transe und wollten zuschlagen. Zum Glück mache ich Kampfsport und konnte mich wehren.“

Wichtig ist es Bürger und Weber vor allem, den Besuchern der Selbsthilfegruppe Tipps zu geben. Ratschläge etwa im Umgang mit dem medizinischen Dienst der Krankenkassen und mit Gerichten. Oder bei der Wahl von Ärzten und Psychologen. Schließlich gebe es da noch nicht so viele, die sich auf das Thema Transsexualität spezialisiert haben. Die beiden wollen außerdem auf die Möglichkeit hinweisen, beim Verein dgti einen Ergänzungsausweis beantragen zu können. Auf diesem wird nicht nur der aktuelle Personenstand dargelegt. Dort ist auch ausdrücklich vermerkt, dass die vorliegenden Angaben zu respektieren sind. Das ist vor allem sinnvoll, wenn der Personenstand im Personalausweis offiziell noch nicht geändert wurde. Der Ergänzungsausweis hat Yasmine Weber schon in der ein oder anderen Situation geholfen, wie sie erzählt.

Der Ergänzungsausweis hilft manchmal, etwa bei einer Verkehrskontrolle

Etwa als sie in eine Verkehrskontrolle geriet und die Polizisten kurz verwirrt waren. „Mein Führerschein ist halt noch sehr männlich“, sagt sie und zieht ihn aus dem Geldbeutel. Das Bild auf dem Ausweis zeigt einen jungen Mann mit kurzen Haaren und Bart. Die 41-Jährige rasiert sich längst, trägt eine Langhaarperücke, Frauenkleider, Schuhe mit Absatz und ist geschminkt. „Mit der Ergänzungskarte konnte ich mich ausweisen.“ Diese zückte sie auch, als sie sich in einem Münchner Café in die Warteschlange vor der Damentoilette einreihte. Eine Frau, die vom WC kam, habe laut gesagt: „Kein Wunder, dass die Schlange so lang ist, wenn die Transen anstehen.“ Auch hier zeigte Weber der meckernden Frau einfach ihren Ausweis. Die Anträge dafür legen die beiden Veranstalterinnen bei dem monatlichen Treffen der Selbsthilfegruppe in der „Ganzen Bäckerei“ aus, eigentlich ein Treff für die Linke Szene. Willkommen seien auch Angehörige. „Manche Eltern würden bei sich eine Schuld suchen, dass das Kind so geworden ist“, berichtet Weber. „Aber das ist Quatsch und immer zu verneinen.“

Weitere Infos: Ann-Kathrin Bürger von der Selbsthilfegruppe Augsburg der dgti ist zu erreichen unter akb.shg.augsburg@gmail.com. Das Treffen findet jeden zweiten Dienstag im Monat ab 20 Uhr in der „Ganzen Bäckerei“, Frauentorstraße 34, statt.

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