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Augsburg

12.03.2020

Sieben Augsburger mit Coronavirus infiziert: Kritik an Tests

In Haunstetten haben Stadt Augsburg sowie die Landkreise Augsburg und Aichach-Friedberg eine Diagnosestelle eingerichtet. Dort werden Personen, die als Verdachtsfälle eingestuft werden, auf das Coronavirus getestet.
Bild: Silvio Wyszengrad

Sieben Augsburger wurden bislang positiv auf Covid-19 getestet. Fünf von ihnen zählten zu einer Gruppe, die gemeinsam in Israel war. Haben Behörden zu langsam reagiert?

Carola P.s* Mann und Tochter sind am Coronavirus erkrankt. Die Familie gehört zu einer Reisegruppe, die in den Faschingsferien eine Woche in Israel Urlaub gemacht hatte. 17 Augsburger zählten zu der Gruppe. Wie die Stadt Augsburg am Donnerstag bekannt gab, sind davon inzwischen fünf Menschen auf Covid-19 positiv getestet worden. Insgesamt sind es damit aktuell sieben Fälle in Augsburg. Weitere Ergebnisse stehen aus.

Augsburg: Tests auf Coronavirus liefen nicht optimal

Carola P. weiß jetzt Bescheid. Doch mit der Art, wie die Tests abliefen, ist sie unzufrieden. Man hätte, kritisiert sie, ihre Familie schon viel früher untersuchen müssen. Doch bei Behörden und Ärzten in Augsburg ist die Situation angespannt: Anfragen besorgter Bürger häufen sich, Praxen sind überlastet, auch Corona-Hotlines sind ständig belegt. Beim Bürgertelefon der Stadt stieg die Zahl der Anfragen stark an. Gingen bis vor Kurzem noch um die hundert Anrufe am Tag ein, waren es am Mittwoch 450.

Markus Beck vom ärztlichen Kreisverband spricht von einer Ausnahmesituation. „Alle geben sich fürchterliche Mühe.“ Er appelliert an Bürger, Geduld zu haben, wenn eine Telefonleitung belegt sei. Ein Hausarzt, der namentlich nicht genannt werden will, benennt noch ein ganz anderes Problem: Er bekomme für sein Team und sich keine Atemschutzmasken mehr, was die Untersuchung von Patienten erschwere. „Wir werden komplett allein gelassen“, klagt er.

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Betroffene erzählt: Im Bus in Israel wurde gehustet und geniest

So ähnlich fühlten sich wohl Carola P. und ihre Familie. Eine Woche waren Eltern und Tochter mit einer Gruppe auf einer Rundreise in Israel. Die letzten drei Nächte verbrachten sie in einem Hotel in Betlehem. Wie Carola P. schildert, wurde bei der Abreise im Bus gehustet und geniest. „Wir dachten uns nichts dabei. Während des Urlaubes hatte es immer wieder mal geregnet.“ Am Samstag, 29. Februar, kehrten die Augsburger nach Hause zurück. Das Alltagsleben in Augsburg ging normal weiter – bis die Familie am vergangenen Freitag eine beunruhigende Meldung fand. „Darin stand, dass Betlehem abgeriegelt worden war, weil 14 Mitarbeiter eines Hotels am Coronavirus erkrankt seien“, berichtet die 46-Jährige.

Es war ausgerechnet das Hotel, in dem sich die Augsburger aufgehalten hatten. Carola P. rief beim Bürgertelefon der Stadt Augsburg an. Dort werden seit dem 3. März auch Verdachtsfälle durch einen Arzt abgeklärt. P. schilderte ihre Situation. Eine Dame am anderen Ende der Leitung habe mit einem Arzt Rücksprache gehalten. „Uns wurde dann gesagt, wir kämen aus keinem Risikogebiet.“ Die Augsburgerin war erschüttert. „Schließlich war das Hotel in Betlehem nicht besonders groß. Man hatte Kontakt zu den Angestellten.“ Zudem sei eine griechische Reisegruppe, die dort ebenfalls untergebracht war, inzwischen auch positiv getestet worden.

 

Carola P. wollte die Auskunft der Hotline nicht auf sich beruhen lassen und rief bei der Notfallnummer der Bezirksstelle Schwaben der Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB) unter 116117 an. Der Arzt am Telefon sei hellhörig geworden, sagt die 46-Jährige. Er habe der Familie geraten, ab sofort in Quarantäne zu bleiben. Er werde jemanden für einen Test vorbeischicken. Familie P. informierte ihre Arbeitgeber. Die Tochter arbeitet als Erzieherin im Hessing Kinderhaus – eben jene Einrichtung, die diese Woche nun wegen eines Corona-Verdachtsfalls schließen musste.

Zudem informierte Carola P. weitere Reiseteilnehmer, sagte Besuche und Treffen mit Freunden und Familie ab. „Wir haben in der Familie einen Fall mit einer Chemotherapie und eine Herzerkrankung. Um diese Menschen machen wir uns Sorgen, nicht um uns selbst.“ In der Nacht auf Sonntag, morgens um vier Uhr, klingelte dann ein Arzt an der Tür der Familie P., um den Test vorzunehmen. „Das zeigt auch, wie viel die gerade zu tun haben.“

Das Hessing-Kinderhaus in Augsburg bleibt vorerst geschlossen

Der Arzt habe zunächst einen Mundschutz getragen, den er irgendwann abnahm, so Carola P. Er habe gesagt, er habe „keine Angst vor dem Coronavirus“. Am Dienstag bekam die Familie dann das Testergebnis: Vater und Tochter hatten sich tatsächlich auf der Israel-Reise angesteckt, sie waren an Covid-19 erkrankt.

Das Hessing-Kinderhaus, in dem P.s Tochter arbeitet, bleibt nun bis zum 19. März geschlossen. 178 Kinder sind betroffen. Wie das Augsburger Gesundheitsamt auf Nachfrage berichtet, sind die Menschen, mit denen die Erzieherin zu tun hatte, ermittelt, Tests werden durchgeführt. Carola P. kritisiert, dass man viel früher hätte reagieren können. Auch hätten alle Teilnehmer der Reisegruppe zeitiger untersucht werden müssen, den tatsächlich gab es mehr Kranke: Am Donnerstag gab die Stadt drei weitere Coronafälle aus der Reisegruppe bekannt. Weitere Ergebnisse stehen aus.

 

Sind Stadt und Gesundheitsamt mit den zahlreichen Anfragen überfordert? Ein Sprecher verneint und erklärt das Vorgehen am Bürgertelefon. Demnach fragen Telefonisten nach dem Wohnort des Anrufers und ob er oder sie sich in einem Risikogebiet oder einem besonders betroffenen Gebiet aufgehalten habe. Noch ein Kriterium sei, ob der Anrufer Kontakt zu einer an Covid-19 erkrankten Person hatte. Dabei richte man sich nach den aktuellsten Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI). „Ist eines der beiden Kriterien erfüllt, ruft stets ein Arzt des Gesundheitsamtes zurück und leitet entsprechend des RKI-Schemas für Ärzte weitere Maßnahmen ein“, so die Stadt. Ulrich Storr, Leiter des Gesundheitsamtes, sagt, dass Krankheitsverläufe unspezifisch und vielfältig seien und stark variieren können. „Allgemeingültige Aussagen zum Krankheitsverlauf sind deshalb schwierig.“

Laut der Richtlinien des Robert-Koch-Instituts sei Israel akut nicht als Risikogebiet ausgewiesen, betont Storr. Die Mitarbeiter der Hotline hätten sich damit richtig verhalten. Nach Bekanntwerden eines Erkrankungsfalles, der vom Gesundheitsamt der Stadt Augsburg getestet worden war, seien sofort sämtliche engere Kontaktpersonen entsprechend der bestehenden Richtlinien kategorisiert und kontaktiert worden.

Carola P.s Familie geht es inzwischen besser, sagt die Augsburgerin. Wobei die Symptome der Krankheit bei beiden Patienten nicht schlimm gewesen seien. (*Name geändert)

Alle Meldungen zum Coronavirus in Augsburg finden Sie bei uns im Live-Blog: Coronavirus in Augsburg: Fünf Erkrankte gehörten Israel-Reisegruppe an

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Die Diskussion ist geschlossen.

13.03.2020

Leider wurden noch immer nicht alle Teilnehmer dieser Reisegruppe trotz vieler positiver Testungen abgestrichen.

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13.03.2020

Dass nicht alle getestet werden können, ist vollkommen nachvollziehbar. Dennoch denke ich, dass die Ämter von den Vorgaben bzgl. der Risikoabschätzung ( Risikogebiet etc.) in manchen Fällen absehen sollten. In anderen Situationen werden ganze Hotels unter Quarantäne gestellt und in diesem Fall wurde so getan, als sei die Möglichkeit für eine Ansteckung nicht vorhanden gewesen (so klingt es zumindest laut Artikel)
Was der Arzt sich geleistet hat, ist absolut nicht nachzuvollziehen. Ich hoffe inständig, dass dieser für sein Verhalten Konsequenzen erfährt!!

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13.03.2020

Dass alles nicht so rund und schnell läuft mit den Testungen war ja fast vorauszusehen; dass an diesem Mi mit 450 Leuten viel mehr als sonst beim Gesundheitsamt angerufen haben, lag daran, dass alle Eltern der Hessing-Kita (178 Kinder) die inzwischen geschlossen ist, Informationen haben wollten, da sie ohne solche im Regen standen. Der Gipfel aber ist, dass der Arzt, der dann die Abstriche abnahm, laut Bericht seine Schutz-Maske abnahm, weil er ja keine Angst vor dem Coronavirus habe. Und geht dann zu den nächsten Patienten vermutlich auch ohne Maske. So kann man das Virus bestens verbreiten. Das ist unglaublich und im Prinzip grob fahrlässig. Dieser Sache sollte sich die Kassenärztliche Vereinigung annehmen.

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