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Analyse

28.04.2019

Sind die Augsburger wirklich so arm, wie Studien behaupten?

Die Augsburger Bürger haben im Vergleich zu den Bürgern anderer bayerischer Städte ein vergleichsweise niedriges Pro-Kopf-Einkommen.
Bild: Silvio Wyszengrad (Symbolbild)

Plus Ein niedriges Pro-Kopf-Einkommen und kleine Renten lassen Augsburg schlecht dastehen. Doch es gibt auch positive Signale. Eine Analyse.

Ist Augsburg Bayerns Armenhaus? Es gibt zumindest einige Studien, die dieses Bild vermittelten. Der DGB veröffentlichte im Dezember eine Analyse, der zufolge Augsburgs Männer die niedrigsten Renteneinnahmen im Freistaat haben: 662 Euro sind es im Monat und damit über 400 Euro weniger als im Bayernschnitt.

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Diese Woche nun erschien eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung. Sie hat das Pro-Kopf-Einkommen in Deutschland untersucht – auch da ist Augsburg bayernweit Schlusslicht. 19.203 Euro bleiben den Menschen pro Jahr zum Ausgeben oder Sparen. Ein Münchner verfügt über 10.000 Euro mehr, ein Memminger über 7700 Euro mehr und auch die Bürger in den Landkreisen Augsburg (24.043 Euro pro Kopf) und Aichach-Friedberg (24.748 Euro) sind besser dran.

Manchmal reicht eine Kleinigkeit, um die Statistik zu verfälschen

Was ist los in Bayerns drittgrößter Stadt? Geht es den Augsburgern finanziell wirklich so viel schlechter als Menschen in anderen bayerischen Kommunen? Eine Frage, die sich nicht einfach mit Ja oder Nein zu beantworten ist, da Zahlen – auch die der beiden genannten Studien – unterschiedlich ausgelegt werden können.

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Und dann genügt oft ja schon eine Besonderheit, um eine Statistik zu verfälschen. In Heilbronn wird dies an einem Fall deutlich: Die Stadt, in der die Bürger angeblich das höchste Pro-Kopf-Einkommen Deutschlands haben (32.366 Euro), ist Wohnsitz von Dieter Schwarz, dem Eigentümer des Supermarktkonzerns, zu dem Lidl und Kaufland gehören. Einer der reichsten Männer Deutschlands treibt Heilbronns statistisches Pro-Kopf-Einkommen nach oben.

Augsburg dagegen war – wenn man von Zeiten eines Jakob Fugger absieht – nie eine Stadt der Superreichen, es war Produktionsstandort. In der Textilindustrie arbeiteten in den 50er Jahren 20.000 Menschen, ihre Löhne jedoch waren niedrig. Dies wirkt sich bis heute aus, sagt Prof. Erik Lehmann vom Lehrstuhl für Unternehmensführung und Organisation an der Universität Augsburg – zum Beispiel im vergleichsweise niedrigen Rentenniveau.

 

Und Augsburg ist eine Arbeiterstadt geblieben: Es gibt weniger hoch qualifizierte Arbeitnehmer als in München, die das Einkommen spürbar anheben würden. Der Anteil der Leiharbeiter ist in Augsburg vergleichsweise hoch; auch dies wirkt sich negativ aufs Pro-Kopf-Einkommen aus. Ein weiterer Punkt ist, dass Augsburg zwar wächst, dieses Wachstum sich aber vor allem durch den Zuzug von Arbeitnehmern aus osteuropäischen Nachbarländern speist. Viele dieser Neubürger sind eher geringqualifiziert und verfügen nur über ein niedriges Einkommen.

Was ist mit Augsburgs Lehrern, Ärzten und Ingenieuren?

Und was ist mit den Lehrern, Professoren, Ingenieuren und Ärzten, die in der Stadt arbeiten? Hier zeige sich laut Erik Lehmann ein anderes Problem: Augsburg stößt im wahrsten Sinn des Wortes zu schnell an seine Grenzen. Der Stadt fehlt Land, das für die Menschen mit besserem Einkommen als Bauland dienen könnte.

Die Folge: Wer in der Stadt arbeitet und sich ein Eigenheim leisten kann, baut oder kauft es im Umland, das davon nicht nur in den Statistiken profitiert. „Die Stadt hat durch die enge Grenzziehung einfach Pech gehabt“, argumentiert Lehmann.

Die Zahlen, die der Studie der Hans-Böckler-Stiftung zugrunde liegen, stammen aus dem Jahr 2016. Seitdem hat sich die Situation in Augsburg bereits wieder verändert. Das Pro-Kopf-Einkommen in der Stadt ist in den vergangenen Jahren gestiegen, nur eben nicht so stark wie in anderen Kommunen. Die Arbeitslosenquote dagegen ist gesunken – trotz mancher Hiobsbotschaft aus großen Unternehmen.

 

Was ebenfalls steigt, ist die Quote der Arbeitnehmer mit hoher Qualifikation. Augsburg, sagt Wirtschaftsprofessor Lehmann, entwickelt sich gut, es hat kein tendenzielles Strukturproblem. Und: Vergleicht man es nicht allein mit bayerischen Städten sondern mit Kommunen deutschlandweit, sieht die Lage auch schon besser aus. Dann liegt Augsburg mit seinem Pro-Kopf-Einkommen im Mittelfeld und nicht am Ende der Aufzählung.

Der Strukturwandel lässt sich nicht herbei zwingen

Die Stadt versucht seit Jahren, einen Strukturwandel herbeizuführen. Auch wenn sie große Unternehmen nicht zwingen kann, keine Arbeitnehmer zu entlassen oder unrentable Standorte zu behalten, auch wenn sie nicht steuern kann, wer sich in der Stadt niederlässt und wer sie verlässt – es gibt Instrumente, die Situation des „armen Augsburg“ zu verändern.

Eines ist die Förderung von Firmenansiedlungen und Start-Ups, also Kleinstunternehmen, die neue Geschäftsideen ausprobieren. Viele begannen mit zwei Mitarbeitern – und beschäftigen heute hundert. Innovationspark und Uniklinik werden aus Sicht der Industrie- und Handelskammer bewirken, dass es künftig mehr Beschäftigte im Sektor unternehmensnahe Dienstleistungen geben wird. Im Bereich Forschung und Technik ist Augsburg zudem überdurchschnittlich gut aufgestellt. Ein Fakt, von dem die ganze Region profitiert.

Ein weiteres Instrument, um einen Strukturwandel herbeizuführen, ist der Wohnungsbau: Auch wenn die Stadt für ihre Zustimmung zu hochpreisigen Wohnungen oft Kritik einstecken muss, so ist ein solches Angebot doch Voraussetzung dafür, dass sich hier auch Menschen mit besserem Einkommen ansiedeln. Eine Großstadt muss beides bieten: Wohnraum für sozial Schwache und Wohnraum für gut situierte Bürger.

Ist Augsburg eine arme Stadt? Alle Fakten zusammengenommen, lautet die Antwort eher: Nein. Auch in die Infrastruktur (Hauptbahnhof, Theater, Straßen...) wird ja investiert, wenn dadurch auch neue Schulden gemacht werden. Erik Lehmann sieht die Stadt gut aufgestellt. Vor kurzem habe er einen Anruf des Radiosenders Deutschlandfunk bekommen, so der Uniprofessor. Der Sender wollte ihn interviewen und hatte vor allem eine Frage: Warum steht Augsburg besser da als andere Städte in Deutschland?

Lesen Sie dazu auch diesen Artikel: Wer verdient wie viel in der Region? Hier gibt's die Antwort.

In unserem neuen Podcast "Augsburg, meine Stadt" hören Sie, wie sich Einzelhandel und Gastronomie in Augsburg entwickeln:

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