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Martinstage

13.10.2017

So ein Braus in den Worten

Feridun Zaimoglu glänzte als Vorleser im Rokokosaal.
Bild: Fred Schöllhorn

Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu schlägt als Vorleser seine Zuhörer in Bann. Und eine Runde im Rokokosaal klärt, in wie vielen Spielarten das Deutsche doch klingen kann

Diese Stimme! Wenn Schriftsteller Feridun Zaimoglu zu lesen beginnt, rinnt seinem Zuhörer ein wohliger Schauer über die Haut. Unwillkürlich dirigiert er beim Lesen seinen Singsang. Eine archaische, raue Sprache hat er für seinen Luther-Roman „Evangelio“ erfunden. Wie ein Landsknecht spricht, der schon viel Blut vergossen und Narben hingenommen hat. „Ich habe Hund fressen müssen, und Ratte und Pferdemaul und Klumpen Erde. Krieg ist Mannfresser. Bin in Fehden zerrieben worden. Hab etliches Volk gelöscht.“ Dieser vierschrötige Kerl also bewacht den „Ketzer“ auf der Wartburg, der unterm Kleid des Junkers den Mönch verbirgt.

Am ersten Abend der „Martinstage“ war Zaimoglu im leider mäßig besetzten Rokokosaal im Fronhof zu erleben. In einer Runde mit dem Sprachforscher Dieter Borchmeyer und dem Autor Pascal Richmann dachte er über Luther und die Deutschen nach. Dass der Reformator die Bibel in einem gängigen Deutsch populär machte, steht fest. Aber sonst, wie steht es um die „deutsche Nation“? Borchmeyer zitierte Schiller: „Wo das politische Deutschland aufhört, fängt das gelehrte Deutschland an.“ Das Deutsche drängte immer über die Grenzen der Nation hinaus ins Weltbürgerliche. Für die Kulturnation habe dies den Vorzug gehabt, dass sie Fremdes amalgieren konnte. „Das Deutsche stellt die große Synthese her und wird dadurch eine Weltsprache“, sagte der Heidelberger Professor. Mit der Kehrseite, dass am deutschen Wesen die Welt genesen sollte.

Pascal Richmann fand allerdings ein anderes Deutschland, als er sich in Eisenach in die Welt der Burschenschaften begab. Sie hatten sich den Kampf gegen alles Undeutsche auf die Fahnen geschrieben und auf ihrem Wartburg-Fest 1817 undeutsche Bücher dem Feuer übergeben. In derselben Haltung legen Verehrer ihre Briefe auf Heinrich Heines Grab am Montmartre in Paris ab – dem Dichter der „Loreley“ zu Ehren, den doch die Heimat ins französische Exil vertrieben hatte.

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Moderator Matthias Göritz, selber ein erfolgreicher Lyriker, fühlte dem Trio in alle möglichen Richtungen auf den Zahn. Hat Richmann ein „Schimpfessay“ über die Landsleute verfasst? Er sei „weder vorwurfsvoll noch verharmlosend“ mit den Menschen umgegangen, denen er auf seinen Reisen zu den Deutschen begegnet ist. Freilich erlaubte er sich, dort in die literarische Fiktion auszuweichen, wo eine Reportage jemanden erkennbar bloßgestellt hätte – es sei denn, sie taten es selbst wie jener stramm deutsche Barmann auf Mallorca. Muss man das Deutsche mit anderen Völkern kontrastieren, etwa gegen „das Welsche“, um es kenntlich zu machen? Borchmeyer nahm zum Zeugen ausgerechnet Richard Wagner, dass deutsche Musik alle möglichen Einflüsse Europas in sich aufnahm, um ihren typischen Klang zu entfalten.

Feridun Zaimoglu ist gewissermaßen sogar Person gewordenes deutsches Wesen. Er habe als Kind die Erfahrung gemacht, dass es draußen in der Welt des Deutschen viel spannender war als bei seinen türkischen Eltern. „Die Entfremdung der Fremde hat dazu geführt, dass ich ein gut gelaunter Deutscher wurde“, sagte er. So tief ist Zaimoglu ins Deutsche eingetaucht, dass er sich in Art der Imitatio Christi in die apokalyptische Geisteshaltung der Lutherzeit versetzte. Seine besten Freunde hätten ihn für verrückt gehalten, weil er wie Luther auf der Wartburg um drei Uhr aufgestanden sei, um den Roman in der rechten Stimmung zu schreiben. „Da ist so ein Braus in den Worten!“, sagt er über Luthers Bibelübersetzung.

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