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Augsburg

14.01.2019

So läuft der Kampf um den Erhalt des Fujitsu-Werks

„Ohne Augsburg kein Fujitsu“: Mit solchen Slogans kämpfen Mitarbeiter und Gewerkschafter um den Erhalt des Augsburger Werks.
Bild: Silvio Wyszengrad

Plus Das Augsburger Fujitsu-Werk soll 2020 geschlossen werden, 1850 Mitarbeiter bangen um ihre Jobs. Aktuell laufen Verhandlungen. Gibt es einen Plan B?

Die schlechten Nachrichten aus dem Wirtschaftsraum Augsburg reißen nicht ab: Der Lampenhersteller Ledvance hat den Standort aufgegeben, Roboterbauer Kuka kündigte am Freitag einen Abbau von Arbeitsplätzen an und auch bei Fujitsu bangen rund 1850 Mitarbeiter weiter um ihre Jobs.

Die Fujitsu-Konzernleitung in Japan hält an ihrem Entschluss fest, den Standort bis 2020 zu schließen. Proteste in München und Augsburg haben daran bislang nichts geändert, Arbeitnehmervertreter kämpfen jedoch weiter um den Erhalt des Werks und haben einen unabhängigen Gutachter mit einem Alternativkonzept beauftragt. Parallel laufen Gespräche mit den Unternehmensvertretern, in denen Zahlen und Fakten rund um den Standort auf den Tisch kommen.

Diese Woche soll der Austausch fortgesetzt werden. „Es ist ein formalisierter Prozess“, erklärt Fujitsu-Sprecher Michael Erhard. Erst wenn alles offengelegt und die Rahmenbedingungen klar seien, könne man in Verhandlungen um einen Interessensausgleich und Sozialplan einsteigen. Dann könnten auch Details geklärt werden – zum Beispiel die Frage, wie mögliche Vorruhestandsregelungen aussehen werden oder welchen Anspruch ein Mitarbeiter auf Zahlungen hat, wenn er frühzeitig das Unternehmen verlässt.

Um das Verfahren nicht in die Länge zu ziehen, hat sich Fujitsu das unverbindliche Ziel gesetzt, die Verhandlungen zum Sozialplan bis zum 31. März, dem Geschäftsjahresende, abgeschlossen zu haben. Bis dahin seien seitens des Unternehmens keine Auskünfte über die weiteren Entwicklungen möglich. Auch IG Metall-Sprecherin Angela Steinecker hält sich mit Bezug auf die noch nicht gestarteten Verhandlungen mit Aussagen zurück.

Bei den Fujitsu-Mitarbeitern herrscht Unsicherheit

Bis die Ergebnisse vorliegen, herrscht bei den Mitarbeitern also weiter Unsicherheit. Dennoch geht im Werk alles seinen gewohnten Gang. „Die Produktion läuft bislang reibungslos weiter. Das Engagement der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist wirklich herausragend“, sagt Standortleiterin Vera Schneevoigt. Alle Abteilungen, auch die Entwicklung, seien in ständigem Austausch mit den Kollegen in Japan. Schließlich müssten in den kommenden zwei Jahren schrittweise Aufgaben dorthin abgegeben werden. Die Stimmung beschreiben Schneevoigt und Sprecher Erhard als gedämpft, aber nicht als ausschließlich schlecht. Das hänge auch mit den unterschiedlichen Situationen der Mitarbeiter zusammen. Während laut Schneevoigt etliche Beschäftigte die Lage als Gelegenheit sehen, einen neuen Job zu suchen und auch aktiv nachgefragt werden, wollen andere ihre Aufgabe vernünftig zu Ende bringen und in Ruhe über ihre Zukunft nachdenken. Es gebe aber auch Mitarbeiter, die es schwerer haben werden, neue Stellen zu finden, gibt Schneevoigt ehrlich zu.

Dafür, dass am Ende möglichst alle Arbeitnehmer bei neuen Arbeitgebern unterkommen, will die Stadt Augsburg sorgen. Die Augsburger Allianz für Arbeitsplätze bündelt daher alle Möglichkeiten und Instrumente, die den Beschäftigten weiterhelfen könnten. Das reicht von Beratungsleistungen der Arbeitsagentur und Stellenbörsen bis zu anderen Maßnahmen, die zu gegebener Zeit zum Zug kommen werden.

In den vergangenen Wochen gab es viele Spekulationen um die Zukunft der Augsburger Fujitsu-Mitarbeiter. Eine ist, dass es für rund 500 Mitarbeiter aus Forschung- und Entwicklung hier doch weitergehen könnte. Von einem konkreten „Plan B“ ist derzeit aber weder Gewerkschaftsvertretern noch Augsburgs Wirtschaftsreferentin Eva Weber oder der Augsburger Standortleitung etwas bekannt. „Dazu liegen uns keine Informationen vor“, heißt es auf Anfrage unserer Redaktion von allen Seiten. Ein ehemaliger Fujitsu-Mitarbeiter stützt sich allerdings auf ein Vorgehen, das es bei der Standortschließung von Fujitsu in Paderborn gab: Dort kamen Mitarbeiter offenbar bei einem anderen Unternehmen unter, von dem Fujitsu dann wiederum entsprechende Dienstleistungen eingekauft hat. Andere Kollegen machten sich selbstständig gemacht und schlossen danach Beraterverträge mit Fujitsu ab, heißt es.

Fujitsu in Augsburg: Es gibt Spekulationen über Verkäufe und Übernahmen

Ob ein solches Modell auch in Augsburg kommen kann, ist bislang unklar. Und Möglichkeiten, neue Arbeitsplätze für Mitarbeiter zu schaffen, gibt es neben der genannten Variante offenbar noch andere. Zur Diskussion steht Insidern zufolge unter anderem der Kauf einzelner Teile durch andere Unternehmen, die dann auch die Mitarbeiter übernehmen würden. Und auch der Wechsel von Mitarbeitern an den Fujitsu-Standort in München gilt als Option.

Warum der Standort Augsburg überhaupt komplett geschlossen werden soll, obwohl laut Kennern der Branche weiter Bedarf an Mitarbeitern mit speziellen Kompetenzen besteht, könnte einen juristischen Hintergrund haben. Anwalt Peter Härtl, Partner der Kanzlei Seitz, Weckbach, Fackler & Partner, erklärt, was dahinter stecken könnte: „Unabhängig vom Fall Fujitsu ist eine sogenannte Sozialauswahl unter vergleichbaren Mitarbeitern zu treffen, wenn ein Betrieb nicht vollständig geschlossen wird. Bei dieser Sozialauswahl sind die Dauer der Betriebszugehörigkeit, das Lebensalter, die Unterhaltspflichten und die Schwerbehinderung eines Arbeitnehmers zu berücksichtigen.“

Anders formuliert: Das betroffene Unternehmen kann nicht frei darüber entscheiden, welche Mitarbeiter es behält. Es muss gewisse Kriterien berücksichtigen. „Zwar kann der Arbeitgeber aus der Sozialauswahl einzelne Mitarbeiter herausnehmen, wenn dies aus betriebstechnischen oder aus wirtschaftlichen Interessen gerechtfertigt ist. Dies ist jedoch nur in Ausnahmefällen und nicht bei einer größeren Zahl von Arbeitnehmern möglich“, weiß Härtl.

Steckt Fujitsu in einer Zwickmühle?

Im Klartext bedeutet dies, dass Fujitsu rechtlich gesehen womöglich in einer Zwickmühle steckt. Aus Sicht des Unternehmens käme man damit gar nicht um eine Standortschließung herum, will man nur bestimmte Mitarbeiter halten. Welche Auswirkungen das am Ende auf die Beschäftigten haben wird, müssen jetzt die anstehenden Verhandlungen zeigen. Ob 500 Arbeitnehmer tatsächlich noch eine Perspektive in Augsburg haben, bleibt ebenso offen. Insider und Branchenkenner nennen hier unterschiedliche Zahlen, die teils deutlich voneinander abweichen.

Lesen Sie hier unseren großen Schwaben-Check: Wie stark ist unsere Region wirklich?

Hier finden Sie einen Kommentar von Andrea Wenzel: Spekulationen um das Augsburger Fujitsu-Werk helfen nicht

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