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Augsburg

21.06.2020

So sahen die imposanten Vorläufer des Augsburger Stadtwerkehauses aus

Gescanntes Glasnegativ von 1910: August Riedinger junior um 1910 im überglasten Lichthof des „Riedingerhauses“.
Bild: Sammlung Häußler

Plus Die neue Stadtwerke-Zentrale am Hohen Weg war anfangs umstritten. Ein Vorgänger war das Imhofhaus, Augsburgs letzter spätmittelalterlicher Stadtpalast.

Die Zentrale der Stadtwerke am Hohen Weg ist ein fester Begriff in Augsburg. Als architektonisches Vorzeigeobjekt gilt es allerdings nicht. Es steht seit der Planung und dem Bau bei Architekten und Stadtplanern in der Diskussion. Bereits der 1864 fertiggestellte Vorgängerbau an dieser Stelle, das Riedingerhaus, wurde als Fremdkörper in der Stadtarchitektur bezeichnet. Ungewöhnlich war auch das 1862 abgebrochene „Imhofhaus“, das zuvor jahrhundertelang die städtebaulich herausragende Stelle am Hohen Weg in Dom-Nähe prägte. Das „Imhofhaus“ war beim Abbruch Augsburgs letzter spätmittelalterlicher Stadtpalast.

Die Ruine des „Riedingerhauses“ wurde noch 1944 von einem Sprengkommando abgerissen. Im Hof befand sich ein Bunker.
Bild: Sammlung Häußler

An die Vorgängerbauten des Stadtwerkehauses erinnern zahlreiche Bilder. 1862 kaufte der Augsburger Großindustrielle Ludwig August Riedinger den Gebäudekomplex des „Imhofhauses“ und ließ ihn abbrechen. Der erfolgreiche Multiunternehmer stand um diese Zeit im Zenit seines Ansehens. Die ungewöhnliche Unternehmerpersönlichkeit mit ausgeprägtem Selbstbewusstsein würde man heute als Industrieboss oder Konzernchef bezeichnen. Seinem Aufstieg und Reichtum wollte er mit einem neuen „Stadtpalast“ an der historischen Kaisermeile Ausdruck verleihen. Um dafür Platz zu schaffen, scheute er den Abriss des geschichtsbeladenen „Imhofhauses“ nicht.

Architektur orientierte sich an italienische Renaissance-Stadtpaläste

Nicht an Alt-Augsburger Architektur orientiert, sondern an italienische Renaissance-Stadtpaläste angelehnt, errichtete von 1863 bis 1866 der Architekt Gottfried von Neureuther (1811-1887) das mächtige „Riedingerhaus“ am Hohen Weg. Neureuther war ein Vertreter der Neo-Renaissance und hatte zuvor Bahnhöfe gebaut. Ab 1868 wirkte er als Professor für Zivilbaukunde am Polytechnikum in München. Das von ihm konzipierte „Riedingerhaus“ war außen ein ungewöhnlicher Bau aus Quadern, Granit und Sandstein – ein Fremdkörper an dieser Stelle. Bewundert wurde der Innenhof. Von Arkaden umschlossen, schmückte ihn ein „Germania“-Brunnen.

„Germania“-Brunnen im „Riedingerhaus“.
Bild: Sammlung Häußler

Der Großindustrielle Ludwig August Riedinger verleugnete auch bei seinem „Stadthaus“ seinen Geschäftssinn nicht: Das Parterre nutzte er kommerziell, indem er eine Ladenzone mit den ersten Großschaufenstern Augsburgs einrichtete. Zu den frühen Nutzern zählte Friedrich Hessing. Er hatte im November 1866 in Augsburg die Gewerbelizenz als Orgelbauer erhalten. Im neuen „Riedingerhaus“ präsentierte er seine Tasteninstrumente. Zwei Jahre später verlegte sich Friedrich Hessing auf orthopädische Hilfsgeräte und siedelte 1869 nach Göggingen über.

Am 20. April 1879 verstarb Ludwig August Riedinger. Ein Sohn übernahm das Firmenimperium und den Stadtpalast. Er nutzte ihn als Geschäftshaus. Der Festsaal im ersten Stockwerk wandelte sich 1913 in Augsburgs vornehmstes Kino, die „Kammerlichtspiele“. 1921 ging das „Riedingerhaus“ in Stadtbesitz über. 1928 zog das städtische Betriebsamt ein. Es war ein Vorläufer der Stadtwerke, die 1938 im Großbau am Hohen Weg ihre Zentrale einrichteten.

Brunnenfiguren sind erhalten und werden im tim gezeigt

Zahlreiche Fotos überliefern das „Riedingerhaus“. Stimmungsvoll wirken inzwischen über 100 Jahre alte schwarz-weiß-Glasnegative. Die chemischen Veränderungen der Beschichtung ergeben beim Digitalisieren im Durchlicht-Scanner zarte Farbtöne. Ein besonderes Fotomotiv war der „Germania“-Brunnen unter dem Glasdach des Lichthofs. Die Brunnenfiguren sind erhalten und im Textil- und Industriemuseum (tim) in der Augsburger Kammgarn-Spinnerei zu sehen.

10. Mai 1948: Bei der Trümmerräumung kommt der Bunker zum Vorschein. Im Hintergrund ist der zerfallende „Königsturm“ letztmals dokumentiert.
Bild: Sammlung Häußler

Das „Riedingerhaus“ stand ab 1944 auch als Ruine im Blick von Fotografen. Sie dokumentierten sie ebenso wie die Sprengung und die Freilegung des Bunkers bei der Trümmerräumung. Mit dem Bunker hatte die NS-Stadtregierung den Hof überbauen lassen. Er sollte als Befehlszentrale dienen. Bomben konnten ihm nichts anhaben. Sie trafen im Februar 1944 auch das „Riedingerhaus“. Die Ruine legte ein Sprengkommando nieder. Der Schutt überdeckte den Bunker. Er spielte beim Kriegsende für Augsburg eine besondere Rolle: Darin konnte am 28. April 1945 der NS-Stadtkommandant von Amerikanern mithilfe besonnener Augsburger gefangen gesetzt werden. Eine Schrifttafel erinnert am Stadtwerkehaus daran.

Nach Sprengung wurde der Königsturm freigestellt

Bei der Sprengung der Ruine war nördlich davon der von Uraltgebäuden umschlossene „Königsturm“ freigestellt worden, ein 21 Meter hoher Wohnturm aus dem zwölften Jahrhundert. Im Juli 1945 brachen erste Mauerteile heraus, im Mai 1948 weitere. Der Turmrest wurde abgetragen. Das mittelalterliche Relikt hätte die bereits 1947 geplante Bebauung mit einer neuen Stadtwerke-Zentrale behindert. Der Neubau verzögerte sich. Erst 1952 fiel der Beschluss zum Bau des jetzigen Stadtwerkehauses durch Stadtbaurat Walther Schmidt.

1954: Die Rohbauten des Stadtwerke-Bautenkomplexes am Hohen Weg stehen bereits. Im Hintergrund rechts ist der Dom zu erkennen.
Bild: Sammlung Häußler

Er wollte mit diesem Großprojekt demonstrieren, wie er sich das ihm propagierte „neue Bauen“ in den 1950er Jahren vorstellte. Er setzte sich damit heftiger Kritik aus. Er erklärte sein Konzept so: Den langen Trakt am Hohen Weg habe er in der Baulinie gegenüber den Vorgängerbauten zurückgesetzt und niedrig gehalten, um den früher behinderten Blick auf den Dom freizugeben. Dahinter stellte er das acht Stockwerke hohe Bürohaus mit Flachdach.

Mehr historische Berichte aus Augsburg lesen Sie in der Augsburger Geschichte.

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