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Augsburg

21.02.2020

So stemmt sich Augsburg gegen den Klimawandel

Bei neuen Bussen werden die Stadtwerke weiterhin auf Biogas setzen.
Bild: Silvio Wyszengrad

Plus Auch in Augsburg leidet die Natur, immer mehr Menschen sind betroffen. Was geschieht, um die Stadt an den schnellen Wandel anzupassen?

Der Winter in Augsburg blieb fast ohne Schnee. Dann kam der Orkan „Sabine“ und richtete weit reichende Schäden an. Im Sturm fielen so viele Bäume, dass unterm Strich ein kleiner Wald verloren ging. In der Bahnhofsstraße wurde ein Geschäftsgebäude derart beschädigt, dass tagelang der Zugang für Kunden gesichert werden musste und der öffentliche Nahverkehr gestört war. „So wie wir es gerade erleben, wird es häufiger sein“, sagt Jens Soentgen , Sprecher des Wissenschaftszentrums Umwelt der Universität.

Mit dem Klimawandel muss sich das städtische Grün ändern

Der Klimawandel ist in Augsburg angekommen. Dass es immer häufiger Wetterextreme gibt, ist Fakt. „Sogenannte Jahrhundertsommer gab es in Bayern zuletzt 2003, 2015, 2018 und 2019“, sagt Professorin Annette Menzel. Die Spezialistin für Ökoklimatologie an der TU München sagt auch, dass diese Sommer mit extremer Hitze und Dürre nicht mehr spurlos an der heimischen Natur vorübergehen. Das bringt die Fachleute der Stadt in Zugzwang, die das öffentliche Grün an den Klimawandel anpassen müssen. Was nicht einfach ist, aber enorm wichtig.

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Rund ein Viertel des Augsburger Stadtgebietes ist Wald. Der Stadtwald hat einen wichtigen Kühleffekt für die bebauten Gebiete, die Temperatur ist dort rund fünf Grad kälter als in der City, wo sich versiegelte Flächen schnell aufheizen. Bäume binden zudem das klimaschädliche Gas Kohlendioxid (CO2). Etliche heimische Baumarten kommen mit den langen Trockenperioden aber nicht mehr zurecht, beispielsweise Fichten.

Ein "sprechender Baum" liefert ständig seine Vitaldaten

Um den Wald widerstandsfähig zu halten, setzt die Forstverwaltung inzwischen auf Arten, die mit Klimaveränderungen besser zurechtkommen. In großem Umfang werden im Stadtwald Bäume neu gepflanzt. In welche Richtung es geht, zeigt der Exotenwald in Diedorf. Dort wachsen Himalaya-Zedern und Türkentannen. In Augsburg liefert nun auch eine „sprechende Rotbuche“ am Eiskanal über Sensoren ständig ihre Vitaldaten ins Internet. Professorin Menzel sagt: „Wir hoffen auf einen spannenden Witterungsverlauf in diesem Jahr, damit wir erkennen können, wie Bäume auf Hitze- und Dürrestress reagieren.“

Der Augsburger Stadtwald hat einen wichtigen Kühleffekt für die Stadt.
Bild: Klaus Rainer Krieger

Die Frischluftzufuhr für die Innenstadt erfolgt aus den Westlichen Wäldern, entlang der Flüsse Lech und Wertach und aus dem Süden. Die Stadt versucht sie über Bebauungspläne und gezielte Grünflächenplanung zu sichern. Auch die über 80.000 Stadtbäume in den Augsburger Parks und an Straßen spielen eine zentrale Rolle als natürliche Klimaanlage. Doch auch sie leiden zunehmend unter Hitze und Trockenstress. Ahorne, Birken, Linden oder Eschen werden so geschwächt, dass sie anfällig für Schädlinge und Krankheiten sind – und am Ende gefällt werden müssen. Im Amt für Grünordnung setzt man bei Neupflanzungen ebenfalls auf klimaresistente Arten. Aber auch dort gehen Experten davon aus, dass sich die Situation für die Stadtbäume mittelfristig noch verschärfen wird.

Das sagt die Selbstverpflichtung der Stadt zum Klimaschutz

Insgesamt geht es um Anpassungsstrategien an den Klimawandel und um Klimafolgenbewältigung. Es geht aber noch um mehr. Aktivisten der „ Fridays for Future “-Bewegung hatten gefordert, Augsburg solle den „Klimanotstand ausrufen, so wie eine Reihe anderer deutscher Städte. Dieser Symbolpolitik wollte der Stadtrat nicht folgen. Stadtregierung und Stadtverwaltung arbeiten aber an Strategien, um der globalen Erderwärmung auf lokaler Ebene aktiv etwas entgegenzusetzen.

Beim Klimaschutz ist Augsburg eine Selbstverpflichtung eingegangen. Seit 1998 ist die Stadt Mitglied im Klimabündnis europäischer Städte. Ein Ziel ist, den CO2-Ausstoß alle fünf Jahre um zehn Prozent zu verringern. Um zu ermitteln, wie sich die Lage entwickelt, gibt es hier ein Instrument: den städtischen Klimaschutzbericht, der regelmäßig im Umweltamt erstellt wird.

Laut Bericht kam es zwischen 2011 und 2016 erstmals zu einer deutlichen Reduktion der CO2-Ausstoßes um 12,7 Prozent pro Einwohner – und das trotz einer steigenden Einwohnerzahl und einer insgesamt guten Wirtschaftsentwicklung in diesem Zeitraum. Zuletzt entstanden in Augsburg pro Jahr und Einwohner 8,2 Tonnen Kohlendioxid. Im Jahr 2011 waren es noch 9,4 Tonnen. Insgesamt werden in der Stadt pro Jahr 2,3 Millionen Tonnen Kohlendioxid in die Luft geblasen. „Mit der Reduktion haben wir das Ziel des Klimabündnisses zum ersten Mal geschafft und übererfüllt“, sagte der Leiter des Umweltamtes , Hans Peter Koch , als er den Bericht vorstellte. Für die Bilanz wird der gesamte Energieverbrauch in Augsburg pro Jahr zusammengestellt. Daraus wird der CO2-Ausstoß berechnet. Er verteilt sich auf die Industrie mit 36,3 Prozent, auf Gewerbe, Handel, Dienstleistungen mit 20,3 Prozent und auf private Haushalte mit 25,7 Prozent. Der Verkehr hat einen Anteil von 17,7 Prozent.

Die Fotovoltaik bleibt hinter den Möglichkeiten zurück

Für diese Entwicklung sieht man im Umweltamt verschiedene Gründe: Danach ist im deutschen Strommix der Anteil an Erneuerbaren Energien gestiegen, was weniger Treibhausgase zur Folge hat. Auch Industriebetriebe in Augsburg stoßen weniger Treibhausgase aus. Sogar bei Privathaushalten sieht Koch einen positiven Trend. Die CO2-Einsparungen seien hier hoch, vor allem bei Strom und Wärme.

Wie geht es weiter mit den Einsparungen? Im Umweltamt sieht man auch problematische Entwicklungen. Koch sagt, der Aufschwung bei den Erneuerbaren Energien verlangsame sich deutlich. „Der Ausbau der Fotovoltaik bleibt hinter den Erwartungen und Möglichkeiten zurück.“ Dabei seien dort noch die größten Ausbaupotenziale in Augsburg.

Auf dem Dach des Technologiezentrums Augsburg gibt es beides bereits: Photovoltaik und Begrünung.
Bild: Silvio Wyszengrad

Weitere CO2-Einsparungen dürften schwieriger werden. „Die nächsten Etappen des Klimaschutzes werden auch in Augsburg sehr steinig“, sagt Umweltreferent Reiner Erben. Die Handlungsspielräume der Stadt sind beschränkt. Nach einer Untersuchung des Ökoinstituts Freiburg liegt nur ein Drittel der möglichen Einsparung in den Händen von Kommunen, zwei Drittel müssen auf allen Ebenen über Länder und Staaten bis hin zur Europäischen Union erreicht werden.

Energieberater gehen in die Stadtteile

Im Bereich klimaverträglicher Energieerzeugung gibt es dennoch Luft nach oben in Augsburg. Etwa beim Bau von Fotovoltaik-Anlagen auf städtischen Gebäuden. Von rund 210 städtischen Immobilien wie Schulen, Kindergärten, Verwaltung und Sportstätten sind derzeit 31 mit PV-Anlagen ausgestattet, wie das Hochbauamt mitteilt. Sieben weitere Anlagen sind in Arbeit. Bei allen größeren Baumaßnahmen werde geprüft, ob Fotovoltaik eingebaut werden kann. Dies sei jedoch auch eine Frage der Finanzierung. Hintergrund: Der Bund hat die Energie-Einspeisevergütungen für Solaranlagen abgeschmolzen. Die Folge ist, dass kaum neue PV-Anlagen entstehen. Einen Dämpfer gab es auch bei der kostenlosen Energieberatung von Bürgern. Seit der Auflösung der Regionalen Energieagentur Augsburg 2018 muss die Stadt ihre Beratungsangebote für Bürger in Eigenregie fortführen. Seither gab es rund 230 Beratungsgespräche. Ab Mitte dieses Jahres sollen Berater verstärkt in die Stadtteile gehen.

Die Stadtwerke sind inzwischen weit in Sachen klimafreundlicher Energie. Rund 40 Prozent des Stroms in den eigenen Anlagen werden regenerativ erzeugt – über Wasserkraft, Biomasse oder Windkraft, so Sprecher Jürgen Fergg. Das reiche für rund 33.000 Haushalte. Der Rest des selbst erzeugten Stroms stammt aus Gaskraftwerken mit umweltschonender Kraft-Wärme-Kopplung. Im Strommix, der von den Stadtwerken Augsburg verkauft wird, beträgt der regenerative Anteil rund 60 Prozent. Das ist besser als der Bundesdurchschnitt mit rund 43 Prozent.

Der menschliche Körper verträgt nur ein Temperaturfenster

Mit Blick auf die Treibhausgase gibt es aber noch einen anderen problematischen Trend. Der Bestand an Kraftfahrzeugen hat zugenommen und damit die Emissionen. Zwar sei der Verkehr in der Stadt hier nicht der größte Verursacher von Treibhausgasen, sagt der Leiter des Umweltamtes. Dennoch macht er sich in der Klimaschutzbilanz negativ bemerkbar. Die Stadtwerke können mit ihrer Flotte von umweltschonenden Gasbussen punkten. Beim Anteil des öffentlichen Nahverkehrs liegt Augsburg mit Blick auf vergleichbare Städte im oberen Mittelfeld. Was die Steigerung des Radverkehrs angeht, wurden die selbst gesteckten Ziel der Stadt bislang noch verfehlt.

Umweltwissenschaftler Soentgen sieht mit dem Klimawandel noch andere Probleme auf Augsburg zukommen: Man müsse gesundheitliche und gesellschaftliche Aspekte im Auge behalten: „Der menschliche Körper ist nur auf ein ganz geringes Temperaturfenster eingestellt.“ Im Hitzesommer 2003 habe es in Europa tausende zusätzliche Todesfälle gegeben. In Augsburg treffe die Hitze Anwohner am Wittelsbacher Park anders als an der Haunstetter Straße. Den neuen Schwerpunkt Umweltmedizin an der Uniklinik hält Soentgen für einen Gewinn. Er mahnt: „Wir müssen sehen, wie wir Umweltlasten für alle gerecht austarieren.“

Lesen Sie dazu auch: Die Stadt Augsburg verfehlt ihr selbst gestecktes Radlerziel

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21.02.2020

Wenn sich die Stadt wirklich gegen den Klimawandel stemmen würde, dann hätte sie einen Fahrradfahreranteil wie in Kopenhagen
(45%) und die ÖPNV wäre günstiger für die Bewohner.

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