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24.01.2020

So (un)zufrieden sind die Augsburger mit ihrer Stadt

Die Kulperhütte an der Wertach ist bei Augsburgern ein beliebtes Ausflugsziel. Die Bewohner der Stadt empfinden die Lebensqualität als hoch - aber es gibt auch Kritikpunkte.
Bild: Michael Hochgemuth

Plus Augsburg ist längst keine verschlafene Stadt mehr. Augsburg bietet viel Lebensqualität. Wie vier unterschiedliche Menschen auf die Stadt schauen.

Stefan Schwab lebt seit ein paar Jahren in Millionenmetropolen. Im australischen Melbourne etwa, oder in Singapur. Jetzt gerade ist das Silicon Valley südlich von San Francisco sein Zuhause. Dort, wo die ganz großen Technologieunternehmen sitzen. Facebook , Google , Apple , und wie sie alle heißen. Näher am Puls der Zeit geht wohl nicht. Und der Puls schlägt dort schnell. Umso überraschter ist der 40-Jährige immer, wenn er wieder in seine Heimatstadt Augsburg zurückkehrt.

Stefan Schwab ist gebürtiger Augsburger und arbeitet in Silicon Valley.
Bild: Schwab


Auch wenn die Uhren am Perlachturm ab und an nachgehen, in der von ihm 9401 Kilometer entfernten Fuggerstadt bleibt die Zeit freilich auch nicht stehen. Das stellt der Geschäftsführer eines Start-up-Unternehmens jedes Mal aufs Neue fest, wenn er hier Familie und Freunde besucht. „ Augsburg wird über die Jahre immer jünger. Ständig gibt es etwas Neues, egal ob neue Restaurants, Shoppingmöglichkeiten oder kulturelle Angebote.“ Stefan Schwab hat schon einige Städte kennengelernt. Doch Augsburg bleibt sein Lieblingsdomizil. Warum? „Weil es die richtige Größe hat und unglaublich viel Lebensqualität bietet“, sagt Schwab. Lebensqualität – ein schwammiger Begriff, der von vielen subjektiven Eindrücken zusammengehalten wird. Was macht die Lebensqualität aus und wie ist es um sie in Augsburg bestellt? Begeben wir uns auf Spurensuche.

Hilpert: In Augsburg ging die Mär vom Grantler um

Wir starten bei Markus Hilpert. Der 49-Jährige ist als Privatdozent an der Augsburger Universität am Lehrstuhl für Humangeografie und Transformationsforschung tätig. Hilperts Steckenpferd ist die Stadtentwicklung. Dazu zählt er auch die Lebensqualität , die eine Stadt bietet. Wie es sich in Augsburg und im Landkreis lebt, haben der Dozent und Studenten vor einigen Jahren mit aufwendigen Bürgerbefragungen untersucht. Die Ergebnisse erschienen 2013 in einem sogenannten Wohlfühlatlas. „Das war damals interessant“, sagt er rückblickend. „Es ging die Mär um, dass der Augsburger ein unzufriedener Grantler sei. Dabei kam bei der großen Untersuchung heraus, dass die Augsburger sehr glücklich sind und gerne in ihrer Stadt leben.“

Markus Hilpert ist als Privatdozent an der Universität Augsburg tätig.
Bild: privat


Für Lebensqualität , sagt er allerdings, „gibt es bislang keine allgemein anerkannte Definition“. Durchgesetzt habe sich das Begriffsverständnis der Weltgesundheitsorganisation ( WHO ). Demnach handelt es sich bei der Lebensqualität um die subjektive Wahrnehmung eines Menschen, über seine Stellung im Leben in Relation zur Kultur und zu den Wertesystemen, in denen er lebt – und in Bezug auf seine Ziele, Erwartungen, Standards und Anliegen. „ Lebensqualität “, so ist es auch im 2013 erschienenen Wohlfühlatlas zu lesen, „ist ein komplexes Produkt, das durch eine Vielzahl harter und weicher Faktoren beeinflusst wird.“

Das bewerten die Augsburger als negativ

Das städtische Amt für Statistik führt alle zwei Jahre in seiner Bürgerumfrage , in Kooperation mit der Uni, den Augsburgern auf den Zahn. Dabei werden eher die harten Faktoren abgeklappert. Wie etwa die Zufriedenheit mit Angeboten und Einrichtungen der Stadt. Die Untersuchung aus 2019 muss noch ausgewertet werden. Die aktuellste Bürgerumfrage , die vorliegt, ist aus dem Jahr 2017. Sie gibt einen guten Überblick, was die Augsburger an ihrer Stadt schätzen und was sie stört. 4532 Bürger nahmen daran teil. Befragt nach den Stärken und Schwächen der Stadt gibt es zwei Ausreißer nach oben und zwei nach unten. Beginnen wir mit denen nach unten. Sie überraschen kaum.

Am negativsten bewerten die Bürgerinnen und Bürger die Grundstücks- und Immobilienpreise sowie die Mietpreise. Das ist kein Wunder. Schließlich sind die Immobilienpreise in den vergangenen vier Jahren um 60 Prozent gestiegen. Die Kaufpreise gehen sogar noch steiler nach oben als die Mieten. Bezahlbarer Wohnraum wird in der Stadt demnach immer knapper. Das merken auch Neu-Augsburger, wie Kate Allen.

Opernsängerin Kate Allen singt am Staatstheater Augsburg.
Bild: Klaus Rainer Krieger


Die ausgebildete Opernsängerin aus dem irischen Dublin wohnt erst seit dem vergangenen Juli in Augsburg. Aus beruflichen Gründen kam sie hierher. Die 34-Jährige singt am Augsburger Staatstheater. Schwer sei es gewesen, in Augsburg eine Wohnung zu bekommen, meint sie. In Lechhausen wurde die Künstlerin schließlich fündig. „Kein Wunder, dass die Wohnungssuche so schwierig ist“, sagt Allen und lacht. „ Augsburg ist einfach so schön.“ Und damit wären wir bei den Vorzügen der Stadt. Als die größte Stärke Augsburgs gilt bei den Bürgern laut zuletzt veröffentlichter Umfrage die Geschichte der Stadt, wie übrigens die Jahre zuvor auch schon. Die Geschichte? Moment – was hat die mit Lebensqualität zu tun?

Wissenschaftler: Augsburger sind stolz auf die Geschichte der Stadt

Wissenschaftler Hilpert erklärt es. „Diese außergewöhnliche Geschichte der Stadt ist etwas, worauf die Augsburger stolz sind. Sie hat einfach so viele Facetten von den Römern über die Fugger und Leopold Mozart bis hin zu Bertolt Brecht und Rudolf Diesel.“ Wahl-Amerikaner Stefan Schwab etwa ist ein Augsburger, der sich damit identifiziert. Er schätzt die Geschichte seiner Heimatstadt. „Wenn ich im Ausland bin, kennt man dort meist nur München , aber nicht Augsburg.“ Er erkläre dann umgehend, dass Augsburg viel älter sei und eine über 2000 Jahre alte Geschichte habe. „Das finden viele interessant. Einige meiner Kollegen sind schon nach Deutschland gereist, um sich Augsburg anzuschauen.“ So kann er sich anhören, der Stolz der Augsburger auf ihre Stadt. Was die Bürger noch sehr positiv bewerten? Das, worum es hier geht: die Lebensqualität ihrer Stadt. Schließlich ist es wichtig, was die Stadt bietet. Am besten schneiden bei der Bürgerumfrage die Naherholungsmöglichkeiten ab.

Die Decke des Goldenen Saals im Augsburger Rathaus. Die Stadtgeschichte sehen vielen Augsburger als ein großes Plus.
Bild: Alexander Kaya


Hier fällt die jüngste Bewertung sogar noch positiver aus als in den Jahren zuvor. Sicherlich auch, weil die Menschen immer mehr Wert auf Freizeit und Natur legen. Denn, wie Humangeograf Markus Hilpert betont, die Werte der Gesellschaft haben sich in den vergangenen Jahren massiv verschoben – weg von den materiellen Dingen hin zu den immateriellen. Dazu zählt freilich die Umgebung mit ihrer Natur. Von der ist die irische Opernsängerin Allen besonders angetan. Die 34-Jährige schätzt an der Stadt die Naherholungsmöglichkeiten. „Man ist schnell in den Alpen oder am Starnberger See. Außerdem ist Augsburg selbst so eine grüne Stadt. Ich liebe zum Beispiel den Kuhsee“ schwärmt sie.

Auch in der Augsburger Naherholung habe sich in den vergangenen Jahren einiges getan, bekräftigt Hilpert. Er denkt etwa an die Wertach. „Früher war die Wertach mit ihrem Hochwasser ein Schreckgespenst. Mit Wertach vital hat sie sich vom Angstraum zu etwas Schönem entwickelt.“ Allein die Kulperhütte sei ein schönes und beliebtes Ausflugsziel. Ähnliche Anziehungskraft verspricht er sich von der geplanten Gastronomie am Lechhauser Flößerpark, direkt am Lech. „Solche Dinge sind gute Ansätze.“

Was die Bürger laut der Umfrage ebenso schätzen, ist das Angebot der Büchereien und Bibliotheken in der Stadt. Hier dürfte die Zufriedenheit künftig weiter steigen. Schließlich werden die Stadtteilbüchereien in Göggingen und Lechhausen nicht nur größer, sondern auch modernisiert. Die Lechhauser Bücherei soll sogar eine der modernsten Deutschlands werden. Unzufriedener zeigen sich die Augsburger mit den Schwimmbädern. Gut schneiden die allgemeinen Einkaufsmöglichkeiten ab. 88,5 Prozent der Befragten sind demnach mit den Shopping-Angeboten zufrieden, wobei sich die jüngeren Altersgruppen positiver zeigen als die älteren. Über ein Drittel der 60- bis 70-Jährigen bemängeln das Angebot an Fachgeschäften.

Die Angebotsvielfalt der Sportvereine wird ebenfalls als ein Vorzug Augsburgs betrachtet. Stefan Schwab , selbst sportbegeistert, bestätigt das. Was Sportmöglichkeiten anbelange, sei er durch die großen Metropolen in der Welt zwar verwöhnt. „Aber auch in Augsburg hat man viele Sportmöglichkeiten“, stellt er fest. Tatsächlich ist neben den klassischen Vereinssportarten das Angebot in den vergangenen Jahren vielfältiger geworden.

Das sogenannte Lederhosentraining gibt es inzwischen auch in Augsburg.
Bild: Lederhosentraining


Klettern in Hallen, Yoga im Freien oder das sogenannte Lederhosentraining auf der Perzheimwiese etwa – Augsburg hat hier nachgelegt. Wie sicherlich auch andere Städte. Denn was sagte Markus Hilpert ? Die Bedeutung der immateriellen Dinge habe zugenommen. Das liege daran, erklärt der Wissenschaftler, dass die meisten Menschen an der Spitze der sogenannten Bedürfnispyramide angelangt seien. In der Regel habe man ein Einkommen, ein Dach über dem Kopf – was zusätzlich komme, sei der Hunger nach Selbstverwirklichung. „Und der ist unendlich.“ Die Möglichkeiten, ihn stillen zu können, haben auch etwas mit Lebensqualität zu tun.

Apropos Hunger. Elmar Reichhart ist das, was man einen alteingesessenen Augsburger nennt. „Ich bin ein Kriegshaberer“, sagt der 57-Jährige von sich. Der stellvertretende Schulleiter der Kapellenschule in Oberhausen ist ein aufmerksamer Beobachter der Entwicklung Augsburgs. In Sachen Lebensqualität , findet er, habe sich viel getan. Allein, wenn Reichhart an die gastronomischen Angebote denkt. Diese werden übrigens in der Umfrage auch positiv bewertet.

Elmar Reichart, ist alteingesessener Augsburger, der die Veränderung der Stadt beobachtet.
Bild: Silvio Wyszengrad


„Die Augsburger Gastroszene ist in den letzten Jahren sehr gut geworden. Es gibt tolle Steakhäuser, Burger-Läden, Restaurants mit verschiedenen Nationalitäten.“ Auch hier habe Augsburg an Selbstbewusstsein zugelegt. Reichhart kann sich nämlich noch an andere Zeiten erinnern, als ein Burger auf hiesigen Speisekarten noch ein Fremdwort war. Nur über die in Augsburg stationierten amerikanischen Soldaten sei man früher in den Genuss von den gegrillten Fleischpads zwischen zwei Brötchenscheiben gekommen, erzählt er.

Gastronomie , Museen, Theater, Festivals – es gibt so viele Faktoren, die die Lebensqualität beeinflussen. Als ein Plus betrachten die Augsburger übrigens den öffentlichen Nahverkehr. Im Gegensatz zum sonstigen Verkehr. Der kommt bei der Bürgerumfrage eher schlecht weg. Die Anzahl der Parkplätze für Autos oder die Abstellplätze für Fahrräder reichen demnach nicht aus. Die Mehrheit der Befragten ist auch unzufrieden mit dem Zustand des Radwegenetzes. Es sind schon fast Klassiker auf der Mängelliste. Vor allem die Unzufriedenheit der Fahrradfahrer kann Neu-Augsburgerin Kate Allen gar nicht nachvollziehen.

"In Dublin hatte ich gar kein Fahrrad, aber in Augsburg fahre ich alles damit"

„Was? Man ist hier unzufrieden mit den Radwegen?“, fragt sie ungläubig. In der Innenstadt ihrer Heimatstadt Dublin gebe es überhaupt kein Radwegenetz. Dort sei es gefährlich, Fahrrad zu fahren. „In Dublin hatte ich gar kein Fahrrad , aber hier in Augsburg fahre ich alles damit. Die Radwege sind toll und super organisiert“, sagt die Opernsängerin. Sie finde den Verkehr in Augsburg sowieso sehr entspannt. Wie bitte? Das mögen sich an dieser Stelle einige Leser fragen. Wissenschaftler Hilpert erklärt, warum Meinungen so extrem divergieren können.

Entscheidend sei immer das Verhältnis zu anderen, in dem man sich selbst oder seine Situation beurteile. Oder um es mit anderen Worten zu sagen: Es kommt darauf an, ob man Augsburgs Radwegenetz mit dem perfekt ausgebauten in Amsterdam oder mit jenem gar nicht vorhandenen in Dublin vergleichen möchte. Wie auch immer – allzu lange braucht man nicht, um Augsburg mit dem Fahrrad zu durchqueren. Denn Augsburg ist für eine Großstadt nicht riesig. Und das wird bei vielen Bürgern auch als ein großes Stück Lebensqualität betrachtet. Hilpert spricht von einer Größe, bei der sich die Einwohner wohlfühlen.

„ Augsburg bietet alles einer Großstadt. Und trotzdem zerfällt es nicht in viele verschiedene Stadtzentren. Jemand, der aus Bergheim stammt, kennt auch etwas von Lechhausen.“ Der Wissenschaftler spricht von einem „menschengerechten Maßstab“. „Wenn man jemanden treffen will, weiß man, wohin man gehen muss. Andererseits ist Augsburg aber auch so groß, dass man anonym bleiben kann.“

Die Größe der Stadt schätzen auch Neu-Augsburgerin Kate Allen , der gebürtige Augsburger Elmar Reichhart und der aus seiner Heimat weggezogene Stefan Schwab. Die Opernsängerin bringt es auf den Punkt: „Hier in Augsburg hat man beides – das Gefühl von einem Dorf mit seinen kleinen schönen Ecken, wie den Stadtmarkt. Aber auch das Gefühl einer Großstadt mit seinem öffentlichen Nahverkehr und mit den vielen Nationalitäten, die hier leben. Auch Kate Allen hat schon einige Städte gesehen. Sie lebte etwa sechs Jahre lang in San Francisco. „Aber aus Augsburg “, sagt die fröhliche Frau mit dem irischen Akzent, „will ich nicht mehr weg.“

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