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Eröffnungskonzert

29.10.2012

Soundfeuer aus allen Richtungen

Der neue Jazzclub Augsburg stellt sich und 64 Musiker im Tim vor

Man kennt sich, hat zusammen gespielt oder voneinander gehört, aber noch keinen Kontakt gehabt. Da gibt es die Stars, die automatisch für Qualität stehen, da sind die Newcomer, auf die schon viele schwören, deren Namen man raunt. Doch (fast) alle mal auf eine Bühne zu holen, die Szene leibhaftig zu sehen, zu hören – das ist jetzt erst passiert, so als hätte man die ganze Zeit aufeinander gewartet. Der Jazzclub Augsburg, der vor über einem Jahr gegründet worden ist, hat bei seinem Auftaktkonzert bis weit nach Mitternacht so ziemlich alles versammelt, was hier an Stilrichtungen floriert. Siehe da – Augsburg ist kein „weißer Fleck“ auf der Landkarte des Jazz, eher ein erstaunliches Jazz-Biotop.

Ute Legner, Dramaturgin am Theater, innovativer „Mehr Musik!“-Motor, Jazzsängerin, und Saxophonist Alex Schmid präsentierten in ihren Moderationen diese Vielfalt. Sie schienen immer noch überrascht, wie viele Musiker sich dem Netzwerk anzuschließen bereit waren, und überwältigt vom Hörhunger des ins Tim strömenden Publikums.

Die Big Musikwerkstatt Band als eine Art „Orchestra in Residence“, die „Talentschmiede“, in der Arrivierte den Neuen in die Jazz-Spur helfen, eröffnete und beschloss den Abend: Kerniger Sound, mit funkigem Treibstoff, gestochen scharfen Bläsersätzen – eine Jazz-Fusion-Demonstration. Wenn dann Größen wie Wolfgang Lackerschmid und Daniel Eberhard eingebunden sind, weitet sich die pauschale Festlegung auf Jazzrock-Fusion, gibt es sofort Nuancen (Lackerschmids „Waltz for Berlin“, „Walking Tip Toe“ mit Eberhards Akkordeon-Flair).

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Tolle Klangfantastereien für neue Hörabenteuer

Nach Lackerschmids und Sängerin Stefanie Schlesingers Duo-Preziosen und Fred Brunners weiträumigen Ausflügen zwischen Sakral, Blues und Weltmusik mit Artrio & Friends wurde es besonders spannend: Das Quartett Batallion Modern sorgt mit präzis hämmernden Metrik-Mustern in metallischen Ganz-Ton-Folgen wie auch tollen Klangfantastereien (Josef Reiters Tuba) für neue Hörabenteuer, allen voran die schon phänomenale Sax-Präsenz des jungen Jan Kiesewetter. Er, wie auch Gitarrist Andreas Rosskopf und Drummer Harry Alt, waren in weiteren Formationen eindrucksvoll zur Stelle. So zauberte Kiesewetter mit dem Sax-Kollegen „Altmeister“ Stephan Holstein in der Ochsenbauer/Herpichböhm Dreamband: „Chamber Mates“ und das umwerfende „Kasperle im Land der Differenzialgleichungen“ sind bizarre Szenen, worin boogiegepeitschte Sequenzen zu geheimnisvoll flüsternden Klangräumen mutieren, in denen Tilmann Herpichböhm mit seinen Schlägern die Drums auch von außen einkreist.

Holstein gehört auch zum Quintett Alexandrina Simeon, in dem geballte Jazz-Kompetenz versammelt ist: Daniel Eberhard (Piano), Uli Fiedlers Bass, Drummer Tom Steppich. „Dove over Black Sea“ ist für Alexandrina Simeon eine imaginäre Klangbühne, auf der die aus Bulgarien stammende Sängerin mit einer Mischung aus archaisch-orientalischen Vokalisen und Jazz-Power ihre Stimme wie ein schönes Raubtier einsetzt.

Mit Transparenz und harmonischem Raffinement

Die Stilpalette umfasste hinreißend swingende Gypsy-Gitarren (Buddy Brudzinski, Stefan Sonntag, Fabian Wünsch), brasilianische Rhythmen ( Apperaring Nightly, Valéu), mediterrane Poesie mit dem Fiedler Trio (Holstein, Fiedler, Josef Holzhausers Gitarre), dazu die freche, nach Whisky und kalter Asche riechende Dean-Martin-Sinatra-Camouflage, die Sänger Christopher Kochs mit Mufuti Four (Eberhard/Fiedler/Alt) vorführte. Mit diesen Instrumentalisten ließen es Ute Legner und ihre Vokalkolleginnen von „Swing tanzen verboten“ krachen – „Hit that jive, Jack!“ war schon mal Kernstück einer tollen Theatershow. Besten Swing bot auch die All Swing Band mit Urgestein Hal Bauerfeind am Piano. Krönung vor dem turbulenten Big-Band-Finale war der Auftritt von Superstar Tim Allhoff, u.a. Echo-Preisträger 2011. In seinem Klaviersolo schien er mit Transparenz, harmonischem Raffinement und Virtuosität die Musikgeschichte von Bach und Romantik bis zum explodierenden Jazz einzufangen. Und im Hempels Quintett präsentierte er sich als charismatischer Teamplayer. Fazit: Augsburg hat sich zur Jazz-Stadt ausgerufen.

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