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Gesellschaft

26.08.2014

Sozial-Buchladen profitiert von Kritik an Amazon

Sie wachsen mit ihren guten Taten: Das Team von buch7.de betreibt einen Online-Buchandel mit dem sozialen Anspruch, 75 Prozent des Gewinns aus dem Buchverkauf zu spenden, von links Christian Otto, Carmen Gleich mit Leopold, Benedikt Gleich, Janna Conrad, Johann Seitz und Martin Luy.
Bild: Foto: Marcus Merk

Warum Augsburger Studenten mit einem Online-Buchhandel zur „Weltverbesserung“ starteten, damit fast untergingen und nun sehr erfolgreich sind

Der weltweit größte Onlinehändler Amazon steht immer wieder in der Kritik. Zuletzt waren es Autoren, die dem Unternehmen vorwarfen, es manipuliere Empfehlungslisten und liefere Bücher bestimmter Verlage verlangsamt aus, um höhere Rabatte durchzusetzen. Von den Protesten gegen den Onlineriesen profitiert nun ein kleines soziales Buchprojekt im Internet. Es wurde von Augsburger Studenten gegründet und läuft unter dem Namen buch7.de. Laut Gründer und Geschäftsführer Benedikt Gleich gehen die Umsätze extrem stark nach oben.

„Man muss kein Wissenschaftler sein, um einen Zusammenhang zu erkennen“, sagt Benedikt Gleich, der gerade seinen Doktor an der Uni Augsburg macht. Im Februar 2013 wurde die TV-Dokumentation „Ausgeliefert“ ausgestrahlt, die sich kritisch mit der damaligen Ausbeutung von Leiharbeitern bei Amazon auseinandersetzte. Der Bericht löste einen öffentlichen Sturm der Entrüstung aus. Unmittelbar danach sei bei buch7.de der Umsatz geradezu nach oben geschossen und bis jetzt um das Dreißigfache gestiegen, sagt Gleich.

Konkret bedeutet das, dass buch7.de Anfang Januar 2013 Bücher im Wert von 1000 Euro im Monat verkaufte. Heute seien es Bücher für rund 1000 Euro pro Tag, so der Geschäftsführer. Einen ähnlichen Schub im Verkauf, wenn auch kleiner, habe es nach den jüngsten Autorenprotesten gegen Amazon gegeben. Innerhalb von vier Wochen seien rund 600 Neukunden zu buch7.de gekommen – rund doppelt so viele wie sonst in vergleichbaren Monaten.

Gleich und sein Team sind sehr froh über diese Geschäftsentwicklung. Denn vor zwei Jahren kämpfte das studentische „Weltverbesserungsprojekt“ noch ums Überleben. „Jetzt sind wir zu einem erfolgreichen Unternehmen geworden und können eine Reihe von sozialen Projekten fördern“, sagt der Geschäftsführer.

Geld fließt beispielsweise für Kinderheime, Gewaltopfer, Integrationsprojekte oder anonyme Geburten. Auch in den Erhalt alter Tier- und Pflanzenarten oder in die Anlage von Streuobstwiesen wird investiert.

Generell gilt bei buch7.de das Prinzip, dass 75 Prozent des Gewinns aus dem Buchverkauf gespendet werden. Aktuell sind das pro Monat rund 1000 Euro. Diese Beträge sind zwar gering im Vergleich mit den Milliardenumsätzen von Amazon. Für die Spendenempfänger machen die unerwarteten Geldgeschenke aber einen großen Unterschied, sagt Gleich.

Er hat sich mit dem Sozialprojekt einen großen Traum verwirklicht: „Unser Geschäftsmodell ist es, Gutes zu tun, und damit sind wir immer erfolgreicher.“ Auch Masterstudentin Nicola Hauptmann arbeitet im Team mit und fühlt sich durch die Verbindung von Wirtschaft und Idealismus sehr motiviert. „Für meine Arbeit werde ich doppelt belohnt“, sagt sie. Bei buch7.de werde den Beschäftigten nicht nur ein fairer Stundenlohn bezahlt, es werde auch noch regelmäßig Geld für soziale, kulturelle und ökologische Projekte verschenkt.

Aktuell hat der kleine Online-Buchhändler fünf (Teilzeit-)Mitarbeiter und zahlreiche ehrenamtliche Unterstützer. Gleich ist im „Hauptberuf“ inzwischen wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Forschergruppe von Professor Andreas Rathgeber. Diese ist bei den Ressourcen-Forschern der Uni Augsburg angesiedelt, am „Institute of Materials Resource Management“. Dort hat Gleich kürzlich auch seine Doktorarbeit zum Thema gerechte Märkte eingereicht.

Auch fast alle anderen im Team sind Studenten oder ehemalige Studenten der Universität Augsburg. Gründungsmitglied Martin Luy beispielsweise arbeitet heute als Programmierer. Nach wie vor ist er aber der zuständige Mann für den Internetauftritt des Sozialprojekts. Johann Seitz, der Experte für Finanzen, ist bei einer Bank tätig.

Inzwischen hat der kleine soziale Online-Buchhändler auch eine Position erreicht, mit der er sich besser auf dem hart umkämpften Markt behaupten kann. Für sein Engagement wurde er von verschiedenen Medien weiterempfohlen. Auch die Mundpropaganda klappt: Internet-Communitys mit sozial orientierten Menschen erreiche man ganz gut, sagt Gleich.

Der soziale Online-Buchhandel funktioniert aber vor allem auch durch die Buchpreisbindung. Sie schreibt für fast alle deutschen Bücher die gleichen Preise vor. „Dadurch gibt es keinen Preiswettbewerb im Buchhandel“, sagt Gleich. Kunden können jedoch bei gleichen Preisen als „Mehrwert“ soziale oder ökologische Projekte fördern.

Auf Eines legt die Mannschaft von buch7.de allerdings großen Wert: Dem ortsansässigen Buchhandel will man möglichst keine Konkurrenz machen. Auf seiner Webseite wirbt der Online-Anbieter deshalb mit dem Slogan: „Ich kaufe beim Buchhändler um die Ecke. Aber wenn schon online, dann bitte bei buch7.de.“

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