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Augsburg

10.09.2018

Sozialkaufhäuser: Hier gibt's Mode für wenig Geld

Aline Weyel leitet den Vinty’s Shop im Oberen Graben. Neben Jeans, Shirts, Röcken und Hemden gibt es auch jahreszeitliche Mode.
Bild: Bernd Hohlen

Sozialkaufhäuser haben ihr staubiges Image abgelegt und sind nicht mehr nur Anlaufstelle für sozial Schwache. Umsatz und Gewinnmaximierung sind hier Nebensache.

"Kleider für zwei Euro" steht in bunten Neonbuchstaben auf einem Aufsteller. Und dieser wiederum ist vor dem Eingang des Vinty’s platziert – einem Kaufhaus für Second Hand-Mode im Oberen Graben 4.

Wer sich von dem Schild in den Laden ziehen lässt, betritt eine große, 300 Quadratmeter große und lichtdurchflutete Verkaufsfläche, aufgeteilt auf zwei Ebenen. Von klein, stickig und dem Geruch von Mottenkugeln, was dem Image eines Second-Hand-Ladens oft noch anhaftet, keine Spur. Die Kleidungsstücke sind getrennt nach Kategorien auf großen Ständern platziert. Links Mode für Kinder, rechts Blusen und Shirts, im Untergeschoss Sport-, Herren- und Trachtenmode. Alles ansprechend dekoriert, wie in einem Kaufhaus auch.

Im Shop "Vinty’s" von Aktion Hoffnung arbeiten 15 Ehrenamtliche

Wesentlicher Unterschied sind die Preise und die Ausrichtung der Häuser. "Bei uns können auch sozial schwache Menschen gute Kleider kaufen", erklärt Shopleiterin Aline Weyel. Ab einem Euro sind Kleidungsstücke zu haben. Die Preise richten sich nach der Qualität der Ware und ob es sich um eine Marke handelt oder nicht. "Manchmal haben wir auch Sachen von Dolce & Gabbana, Gaultier oder Prada im Sortiment. Das ist natürlich dann etwas teurer", erzählt Weyel.

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Vinty’s ist ein Shop-Konzept von Aktion Hoffnung. Gesammelt werden die Klamotten über Kleidercontainer oder sie werden als Spende direkt im Laden abgegeben. Längst sind aber nicht mehr nur Menschen Kunden, die sich teure Klamotten nicht leisten können. Auch Schülerinnen, Studenten und junge Mütter kaufen ein. "Der Nachhaltigkeitsgedanke kommt immer mehr in Mode. Das merken wir an einer steigenden Kundenzahl", so Shopleiterin Weyel.

Bei Vinty’s geht es also darum, einem guten Zweck zu dienen und nicht um Gewinnmaximierung. Erwirtschaftet werden müssen laut Weyel die laufenden Kosten sowie das Gehalt für die beiden festangestellten Mitarbeiterinnen. 15 weitere Helfer arbeiten ehrenamtlich. Im Schnitt macht der Shop im Monat einen Umsatz von um die 18.000 Euro. Was abzüglich der Ausgaben übrig bleibt, geht an verschiedene Hilfsprojekte des Trägers.

Bei "Zirbel 11" gibt es Kunstwerke von Langzeitarbeitslosen und Kleidung

Auch in der Klinkertorstraße 11 ist der Mensch wichtiger als die Finanzen. Hier betreibt der Katholische Verband für Soziale Dienste (SKM) den kleinen Laden "Zirbel 11". Neben Second-Hand-Kleidung und Schmuck stechen dem Kunden hier aber vor allem viele kleine, kreative Kunstwerke ins Auge, die Langzeitarbeitslose in dem Projekt "Zirbelwerkstatt" des SKM erstellt haben. Dazu gehören Schallplatten, die zu originellen Wandtattoos umfunktioniert worden sind, oder ein Stück einens Spazierstocks an den eine Gabel montiert wurde, um als Schlüsselbrettchen zu dienen. Auch originell Gefaltetes aus Papier, Schlüsselanhänger oder selbstgenähte Stofftaschen werden angeboten. Alles Produkte, denen nicht der Charme von Selbstgebasteltem anhaftet, sondern die künstlerisch ansprechend sind.

Im "Zirbel 11" gibt es Schallplatten, die zu originellen Wandtattoos umfunktioniert worden sind.
Bild: Bernd Hohlen

600 Euro Miete zahlt die SKM für die Räume, dazu fallen Personal- und Verwaltungskosten an. "Solange sich diese Summen über den Verkauf refinanzieren lassen, ist alles gut" sagt SKM-Sprecherin Pia Haertinger. Ziel ist es, Menschen, die seit mehreren Jahren arbeitslos sind, mit ihrem Einsatz für und im Laden wieder eine Tagesstruktur zu geben, Fähigkeiten zu schulen und sie zurück in den Alltag zu führen. "Wenn man sieht, dass diese Menschen wieder Freude am Leben haben, ist das mehr wert als ein guter Umsatz", sagt Haertinger. Zirbel 11 soll daher so lange bestehen bleiben, wie sich der Laden selbst trägt.

Sozialkaufhäuser ermöglichen Kunden statt Spenden einen realen Kaufprozess

Viele der bereits genannten Aspekte treffen auch auf andere Sozialkaufhäuser zu, die es über die Stadt verteilt gibt. "Uns geht es um die drei Säulen Umweltschutz durch Wiederverwertung, Soforthilfe für Bedürftige und Beschäftigung von Langzeitarbeitslosen", erzählt beispielsweise Gabriela Hoffmann, Geschäftsführerin des Caritasverbands der Stadt. Nach dem Großbrand des Hauptsitzes ist das bisherige Sozialkaufhaus aus der Depotstraße jetzt in der Hochfeldstraße 63 untergekommen. Dazu wird ein Laden in Königsbrunn und in Gersthofen betrieben.

"Wir brauchen die Umsätze der Kunden nicht, weil wir Profit machen wollen, sondern um solche Projekte wie die Kaufhäuser am Laufen zu halten", erzählt sie. Gibt es einen Überschuss, wird er in Weihnachts- und Urlaubsgeld für die Mitarbeiter oder in ein neues Kassensystem investiert. "Damit können wir die Langzeitarbeitslosen, die wir beschäftigen, an neue Techniken heranführen und wieder auf den Arbeitsmarkt vorbereiten", so Hoffmann. Der symbolische Preis von einem Euro für Kleidung und Haushaltswaren dient nicht nur dazu, den Spendern eine Wertschätzung auszudrücken, sondern auch dem Kunden einen realen Kaufprozess zu ermöglichen.

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