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Augsburg

29.04.2015

Sozialkaufhaus in Haunstetten: Der Laden, der allen eine Chance gibt

Etwa jeder fünfte Mitarbeiter von Roswitha Kugelmannn muss mit Einschränkungen leben. Rollstuhlfahrer Yücel Yildirmis arbeitet seit viereinhalb Jahren im Sozialkaufhaus Contact.
Bild: Sivio Wyszengrad

Das Sozialkaufhaus Contact in Haunstetten erhält einen Preis, weil dort auch Menschen mit Behinderung ganz normal arbeiten können. Der Weg dorthin war nicht ohne Probleme.

Als Roswitha Kugelmann kürzlich nachrechnete, konnte sie es selber kaum glauben: Mehr als 20 Prozent ihrer Mitarbeiter im Sozialkaufhaus Contact in Haunstetten haben einen Behinderungsgrad. „Klar wusste ich es bei den einzelnen Mitarbeitern, aber die Gesamtzahl habe ich so nie wahrgenommen, weil es für uns keine Rolle spielt. Der Mitarbeiter muss ins Team passen und seine Aufgabe bewältigen“, sagt sie. Nachgerechnet hatte sie nur weil die Stadt ihr dieses Jahr den Preis als „Behindertenfreundlicher Augsburger Arbeitgeber“ verleiht.

Ein Mitarbeiter der davon profitiert ist Industriekaufmann Yücel Yildirmis. Er hat erlebt, wie schwierig es ist, als Rollstuhlfahrer einen Job zu finden: „Ich bekam bei vielen Bewerbungen ein Absage, in der die Firmen zwar ihr Interesse bekundeten, aber ablehnten, weil bei ihnen die baulichen Voraussetzungen nicht gegeben seien, um mit zu beschäftigen.“ Auch deswegen machte er sich zwischenzeitlich vier Jahre selbstständig mit dem Verkauf von Tickets für Konzerte und Fußballspiele und versuchte sich auch in anderen Geschäftsfeldern.

Dann wollte er sich verändern: „Bei mir kam dann der Wunsch auf, mein kaufmännisches Wissen im Sozialbereich sinnvoll einzubringen.“ Zunächst arbeitete er sechs Monate bei der Caritas als Ein-Euro-Jobber. Dort hatte er auch die „vage Aussicht“ auf eine Festanstellung. Yildirmis war das zu unsicher und er stellte sich im Sozialkaufhaus bei Kugelmann vor. Inzwischen arbeitet der 42-Jährige bereits seit viereinhalb Jahren dort, plant Touren und Lieferungen der Transporter, nimmt Anrufe von Kunden entgegen und hält die Homepage aktuell. „Das Arbeitsklima bei Contact ist außergewöhnlich gut. Ich arbeite sehr gerne hier“, sagt er.

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Dass er dort arbeiten kann, ist nach den Erfahrungen von Roswitha Kugelmann und ihrem Stellvertreter Mike Rühl nicht selbstverständlich. „Wir haben 2001 eine Frau mit Behinderung eingestellt, auch damit sie nicht in ihr Heimatland abgeschoben wird. Die Einzelhandelskrise 2004 hat auch uns getroffen und wir mussten sie entlassen. Sie hat uns dann wegen verschiedener Dinge dreimal vor das Arbeitsgericht gezerrt und war nur auf Konfrontation aus. Danach war das Thema, Menschen mit Behinderung zu beschäftigen, erst mal durch“, so Kugelmann.

Jeder hat sein eigenes Tempo

Danach arbeiteten sie vor allem mit ehemaligen Alkohol- und Drogenabhängigen. Die Arbeitsagentur empfahl dem Sozialkaufhaus aber immer wieder Menschen mit Behinderung als Ein-Euro-Jobber an. „Wir haben uns dann doch wieder darauf eingelassen und erkannt, wie wichtig es ihnen ist, eine solche Chance zu bekommen“, so Kugelmann. Viele arbeiten heute bei Contact in sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnissen.

Begeistert vom Sozialkaufhaus ist auch Roland Rösch, Sprecher des Fachbereichs Arbeit und Beruf, im Behindertenbeirat der Stadt. „Die Inklusion von so vielen Menschen mit Behinderung ist absolut außergewöhnlich. Es zahlen immer noch zu viele Arbeitnehmer lieber eine Ausgleichsabgabe, statt die gesetzliche Quote zu erfüllen, wonach unter ihren Mitarbeitern fünf Prozent Menschen mit Behinderung sein müssen.“ Bei der Stadt habe der Beirat beispielsweise durchgesetzt, dass schon unter den Auszubildenden diese Quote erfüllt wird, so Lösch.

Claudia Nickl, Vorsitzende des Gremiums lobt vor allem das Miteinander beim Sozialkaufhaus. Das sei entspannt. „Menschen mit Behinderung wollen nicht permanent über ihre Einschränkung oder Krankheit reden oder spüren, dass sie deswegen anders behandelt werden.“ Nickl hebt noch einen anderen Aspekt hervor, den sie im Kaufhaus bemerkt hat. Die Mitarbeiter können in ihrem Tempo arbeiten. „Das Tempo auf dem ersten Arbeitsmarkt wird immer höher, was es immer schwieriger macht, Menschen mit Behinderung dort wieder zu integrieren.

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