Brechtfestival 2016

26.02.2016

Spaß mit der Stasi?

Das Ensemble Bluespots Productions startet am Sonntag zum Festival-Auftakt ein so genanntes „DDR-Spitzel-Spiel“. Mit „Humor“ soll Bertolt Brecht eine Woche lange in der Stadt beschattet werden

Brechts Rückkehr aus dem Exil nach Deutschland und seine Zeit in Ost-Berlin sind Thema des diesjährigen Brechtfestivals vom 28. Februar bis zum 6. März. Das freie Augsburger Theaterensemble Bluespots Productions beteiligt sich daran mit dem „Großen DDR-Spitzel-Spiel“. In der Ankündigung heißt es, dass es sich „um eine spielerische Aktion und eine Schnitzeljagd für alle observierungsbereiten MitbürgerInnen“ handle. Und weiter: „Das Ensemble ruft dazu auf, die eigene Handynummer per E-Mail an stasi@bluespotsproductions.com zu schicken, um sich so beim Ministerium für Staatssicherheit Bluespots Productions als Spitzel anzumelden.“ Überwachungsziel der so gewonnenen Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) soll Bertolt Brecht sein, der sich gerade in Augsburg aufhält. Die angeheuerten Bluespots-Stasi-IMs sollen am Ende entscheiden, ob Brecht ein Staatsfreund oder ein Staatsfeind sei.

Nur, um es einmal kurz in Erinnerung zu rufen: In der DDR bildete das Ministerium für Staatssicherheit eine Geheimpolizei, die zur Unterdrückung und Überwachung der Bevölkerung diente. Zu den Methoden gehörten Einschüchterung und Terror. Verharmlost der Festival-Beitrag von Bluespots Productions die Stasi?

Die Ensemble-Chefin Leonie Pichler sagt dazu auf Nachfrage: „Wir möchten in Brechts Sinne ein schwieriges Thema mit Humor angehen.“ Im Vordergrund stehe Brecht, der über mehrere Tage hinweg in verschiedenen Situationen von den freiwilligen Bluespots-IMs bespitzelt werde. An unterschiedlichen Orten, im Sinn der Idee von Bluespots, Theater an ungewöhnlichen Stellen und Räumen zu zeigen. Gleichzeitig solle deutlich werden, wie Bespitzelung heute aussehen würde. „Jeder, der mitmacht, kann so viel Kritik hineinlegen, wie er möchte. Es soll aber kein moralisches Spiel sein.“

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Mit an der Inszenierung beteiligt ist das Ensemble-Mitglied Linus Förster, der hauptberuflich als SPD-Politiker Mitglied des Bayerischen Landtags ist. Ihm fällt in der Inszenierung die Rolle des Stasi-Hauptchefs zu, der neue Mitarbeiter anwirbt. Er wundere sich, dass ihm in den Inszenierungen immer die bösen Rollen zufallen. „Wenn am Schluss des DDR-Spitzel-Spiels der Eindruck entstehen sollte, dass wir die Stasi verharmlosen, haben wir etwas falsch gemacht“, sagt er. Aber das sei das Risiko der Kunst. Alles werde am Schluss auch einen bitteren Nachgeschmack bekommen. Eine Gefahr sieht er bei den Teilnehmern, die nur ein bisschen hineinschnuppern in die Produktion, sie aber nicht bis zum Schluss verfolgen. „Bei so jemanden haben wir möglicherweise nichts erzielt, dann hat er nur Unterhaltung genossen.“ Die Idee sei aber, in spielerischer Weise das Problem bewusst zu machen. Einen Zwiespalt zwischen der Rolle als Stasi-Chef und seinem Mandat als Bayerischer Landtagsabgeordneter sieht er nicht. Es handele sich um Theater.

Der künstlerische Leiter des Brechtfestivals Joachim Lang sagt, dass so ein spielerischer, leichter Umgang mit dem Thema möglich sein müsse. „Man darf das nicht bierernst nehmen und da politisch nicht zu korrekt sein und sagen, dass es sich bei der Stasi um ein Tabu handele“, sagt Lang. Gleichzeitig verweist er auf Timur Vermeers Hitlersatire „Er ist wieder da“. Da sei ein humorvoller Umgang mit einem ernsten Thema auch gegangen.

Das „große DDR-Spitzel-Spiel“ startet am Sonntag, 28. Februar, zwischen 14 und 18 Uhr in der Festivalzentrale, den ehemaligen Räumen des Stadtarchivs auf dem Stadtmarkt (Eingang über die Fuggerstraße) und endet am 4. März im Rahmen der Langen Brechtnacht.

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