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Augsburg

29.06.2019

St. Johannes baut auf die Diakonie

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2 Bilder
Die evangelische Kirche St. Johannes wird in den nächsten Jahren zum Zentrum der Diakonie. Für die Gemeinde wird es darin weiterhin Räume geben. Rechts ist das Diözesanarchiv zu sehen.
Bild: Annette Zoepf

Der Wohlfahrtsverband übernimmt die evangelische Kirche in Oberhausen und wandelt sie in ein Zentrum mit Büros und Beratungsangeboten um. Was die Gemeinde dazu sagt.

Gottesdienst in St. Johannes: 15 Besucher verlieren sich auf den vorderen fünf Bänken der einst für 800 Gläubige erbauten Kirche. Sie lauschen dem brausenden Abschlussspiel von Organist Markus Kiendl. Dann geht’s zum Kirchenkaffee in den luftigen, hellen Gemeindesaal. Pfarrerin Snewit Aujezdsky ist – wie alle hier – realistisch: „Schauen Sie, wie wenige wir sind. Die Situation ist seit Jahren schwierig, und wir wissen schon lange: Wenn nichts passiert, sind wir bald pleite.“

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Augsburger Diakonie übernimmt Kirche in Erbpacht

Doch statt das Licht aus zu machen und die schwere Portaltür abzusperren, begann der Kirchenvorstand vor sechs Jahren nach Lösungen zu suchen: Jugendkirche, Urnenkirche, an die muslimische Ussaki-Gemeinde nebenan verkaufen? Auch wenn noch keine Verträge unterschrieben sind – seit Kurzem ist klar: Die Diakonie wird das Kirchengebäude in Erbpacht übernehmen samt Turm, Gemeindesaal und das angrenzende, vermietete alte Pfarrhaus, umfunktionieren und den Erhalt der Immobilien garantieren.

Und nicht nur das. Auch die Gemeinde wird im Mittelgang des Kirchenraums weiterhin Gottesdienst feiern können. Andere Aktivitäten werden allerdings in Zukunft im Gemeindezentrum in der Eschenhofstraße, das ebenfalls zu St. Johannes gehört, stattfinden müssen.

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Wie Fritz Graßmann, theologischer Vorstand der Diakonie Augsburg, erklärt, wird die Mitte des riesigen Schiffs für die Gemeinde frei bleiben. An den Fenstern entlang der beiden inneren Längswände sind Büros und ein umlaufender Flur geplant. 50 bis 70 Arbeitsplätze sollen in dieser Bürokirche entstehen. Teile der Migrations- und Wohnungslosenbetreuung und des Sozialpsychiatrischen Dienstes werden hier einziehen. Im alten Pfarrhaus werden Wohngruppen einziehen, in den Gemeindesaal die Kleiderkammer.

Ausschreibung für Projekt frühestens 2021

Ins Schwärmen kommt Graßmann beim Turm. Wie eine Feste überragt das für Augsburgs Zwiebeltürme ungewöhnliche rechteckige Gemäuer, in das der Haupteingang integriert ist, das gesamte Gotteshaus. „Spannend wird, was man hier machen kann. Eventuell finden die Architekten einen Weg, Konferenzräume einzurichten, die wir unbedingt brauchen“, erklärt Graßmann. Die Positionen zu Denkmalschutz, Brandschutz und Parkplätzen müssten jetzt noch eingeholt und mit den Zuständigen diskutiert werden. Eine Architektenausschreibung könne es frühestens 2021 geben.

Der Basis beim Kirchencafé ist klar: Die Übernahme durch die Diakonie war die beste aller Möglichkeiten. Karin Hauptkorn, ebenso Barbara Hastenpflug, 82, die selbst 30 Jahre im Kirchenvorstand war, und Kirchenpflegerin Ilona Ruppental freuen sich. Die Älteste in der Runde ist Rosi Haselbeck, 84 Jahre alt und Mitglied der St.-Johannes-Kirche, seit sie denken kann. Sie feierte schon die Konfirmation hier und singt seit 70 Jahren im Chor der Kirche mit. Ihre Zahlen zeigen die Schrumpfung, mit der in Augsburg nicht nur St. Johannes zu kämpfen hat: „1949 ging ich mit 108 weiteren Jugendlichen zur Konfirmation. Heuer, genau 70 Jahre später, waren es neun. Da muss man natürlich reagieren“, sagt sie. Doch bei allem Pragmatismus – sie trauert.

Gemeinde trauert Romantikorgel bereits jetzt nach

Dass die Orgel weichen soll, wie die Pfarrerin Snewit Aujezdsky weiß, kann sie gar nicht glauben. Doch Graßmann bestätigt: „Die Orgel ist für den großen Raum konzipiert. Wenn der nur noch ein Viertel so groß ist, wäre der Klang ohrenbetäubend.“ Das Instrument mit seinen 33 Registern ist eines von nur zweien in Augsburg, die den Krieg überstanden haben. Zudem zählt es zu den seltenen Romantikorgeln, weiß Organist Kiendl. „Wegen ihres dunkleren Klangs lassen sich auf ihnen Werke spielen, die auf herkömmlichen Barockorgeln nicht klingen.“

Hochzeit des einst mit 6000 Mitgliedern lebendigen Gemeindelebens waren die Nachkriegs- und die 1980er-Jahre. Erst kamen aus dem Eschenhof die evangelischen Flüchtlinge aus Siebenbürgen, ihnen folgten Spätaussiedler aus den ehemaligen Sowjetrepubliken. An die Zeit, als der Pfarrer noch zwei Mal predigen musste - einmal in St. Joseph und einmal „drunt“ im Gemeindezentrum beim Eschenhof - kann sich Haselbeck gut erinnern. Die Kirche strahlte damals aus bis Aichach und Zusmarshausen. Sogar eine zweite Kirche war in der Diskussion. „Den Niedergang zu heute mitzuerleben, ist schon hart“, sagt sie.

Draußen vor der Tür hat die neue Zeit schon Einzug gehalten: Der von der Stadt neu gestaltete Platz zwischen St. Johannes und seinem Nachbarn St. Joseph lässt Raum, bindet die Kirchen und den Neubau des Diözesanarchivs aber gleichzeitig enger zusammen. Das wird am 14. Juli gefeiert. Das Archiv nimmt einen Großteil der katholischen Kirche St. Joseph ein. Auch der Gemeinde war das Gotteshaus zu groß und damit zur finanziellen Belastung geworden.

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