Musik

26.04.2013

Stadt der Geigenbauer

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Die Ausstattung im Geigen-Atelier gleicht der einer Werkstatt.

Antonia Meyer und Jan Finn Bacher machen sich als Klang-Handwerker selbstständig. Augsburg ist für die Zunft ein gutes Pflaster. Vier Betriebe gibt es in der Stadt. Billig-Importe aus Fernost sind für sie kein Problem – im Gegenteil

200 Arbeitsstunden kann es dauern. 200 Stunden, in denen Antonia Meyer in ihrem Atelier im ehemaligen Straßenbahn-Depot am Senkelbach aus grobem Holz ein filigranes kleines Kunstwerk, eine Geige, formt. Der Scheck vom Kunden, den sie dafür bekommt, ist nicht der einzige Lohn. Es ist der Moment, so erzählt sie, wenn der Virtuose im Konzert die Saite anschlägt, wenn ihr Instrument zum ersten Mal erklingt. „Das ist wirklich ein Genuss“, sagt die 27-jährige Augsburgerin.

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Meyer ist Geigenbauerin. Es ist ein Handwerk mit langer Tradition und – was viele unterschätzen – eines mit Zukunft. In Schwaben gibt es 18 Betriebe. Noch heute werden die Instrumente nach jahrhundertealter Praxis hergestellt. Und auch wenn billige Massenware aus Fernost den Markt überschwemmt, reißt der Kundenstrom nicht ab. Denn die Kunden der heimischen Geigenbauer – das sind die Profis am Instrument, echte Virtuosen – lassen in der Regel die Finger von Billig-Importen.

Bei renommierten Geigenbauern im Ausland gelernt

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Gerade Augsburg sei für die Zunft ein gutes Pflaster, heißt es in der Branche. Gleich vier Geigenbaubetriebe gibt es in der Stadt. Der jüngste ist der von Antonia Meyer und ihrem Kollegen Jan Finn Bacher, der heute offiziell eröffnet wird. Beide haben den Beruf an der Geigenbau-Schule in Mittenwald erlernt, viele Jahre im Ausland in renommierten Betrieben Erfahrung gesammelt und im vergangenen Jahr ihre Meisterprüfung abgelegt – Bacher als Bester seines Jahrgangs. Jetzt haben sich der 30-Jährige aus Heidelberg und Meyer in Augsburg selbstständig gemacht.

Die Stadt biete ideale Voraussetzungen: Der international renommierte Leopold-Mozart-Violinwettbewerb, der noch bis Sonntag hier stattfindet, zeigt die Bedeutung des Standorts. Dazu das Theater mit seinem Orchester, die Musikhochschule mit ihren Studenten und Professoren – alles potenzielle Kunden. Das sieht die Konkurrenz auch so. „In Augsburg ist relativ viel los“, sagt Martin Mühlendyck, der gemeinsam mit seinem Kollegen Michael Fabig im Waisengäßchen schon seit 1986 ein Geigenbau-Atelier hat.

Betriebe wie dieser leben vor allem von der Restauration alter Geigen. Denn viele Geigenspieler kauften lieber alte Instrumente von namhaften Erbauern, zum Teil Jahrhunderte alt, und lassen sie herrichten. Das sei in der Szene so üblich, berichtet Mühlendyck. Auch Jung-Geigenbauer Bacher kennt diesen besonderen Reiz am Spiel auf einem alten Instrument, in dem so viel Geschichte steckt. „Dabei ist es oft gar nicht leicht, sie zu spielen.“

Ein neues Instrument kostet mehr als 10000 Euro

Hin und wieder lässt sich ein Kunde ein neues Instrument anfertigen. Bei Mühlendyck & Fabig manchmal nur einmal pro Jahr, Meyer & Bacher hoffen auf etwa zehn Bestellungen. Dafür muss der Kunde tief in die Tasche greifen. Zwischen 10000 und 14000 Euro kostet ein solches Instrument. Lange waren diese hohen Kosten für viele ein Hindernis, berichtet Mühlendyck. „Früher haben hauptsächlich junge Leute aus dem Gymnasium mit dem Geigenspielen begonnen“, erzählt er. Leute mit zahlungskräftigen Eltern. Das habe sich geändert: „Weil es bezahlbarer geworden ist.“ Die Importe aus Fernost, oft ab 500 Euro zu haben, machen es möglich. Nach Auskunft des erfahrenen Geigenbauers seien sie „technisch vertretbar“. Und: „Sie haben vielen den Einstieg erleichtert, die sonst mit dem Spielen nicht angefangen hätten.“ Später als Fortgeschrittene stiegen viele auf hochwertige Instrumente um. Dadurch habe sich auch für die Geigenbauer-Ateliers der Kundenkreis vergrößert.

Leichter geworden ist das Geschäft aber nicht. „Die Leute sind zwar bereit, mehr auszugeben“, berichtet Mühlendyck, „sie haben aber auch höhere Ansprüche.“ Meyer und Bacher wollen es trotzdem mit ihrem eigenen Atelier probieren. Ihre Instrumente sollen keine Kopien der großen Meister sein. „Stilelemente übernehmen wir aber schon“, sagt Meyer. In ihrem Beruf komme es auf handwerkliches Geschick an, Hobel und Schnitzmesser gehören zu ihrem Werkzeug. Genauso wichtig ist aber auch das Gefühl. „Man muss einfach ein Gespür für den Klang haben“, sagt Meyer.

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