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Augsburg

02.07.2020

Stadtdekan über Corona-Erkrankung: "Eine Vollbremsung aus dem Leben heraus"

Der evangelische Stadtdekan Michael Thoma ist dankbar, dass er nach überstandener Infektion mit dem Coronavirus wieder seiner Arbeit nachgehen kann.
Bild: Klaus Rainer Krieger

Plus Nach einer fünfwöchigen Corona-Auszeit ist der Geistliche Michael Thoma aus Augsburg wieder genesen. Im Interview erklärt er, warum er die bayerische Pandemie-Strategie für richtig hält.

Herr Dekan Thoma, wann und wie haben Sie gemerkt, dass Sie sich mit dem Coronavirus infiziert haben?

Michael Thoma: Von heute auf morgen habe ich Ende März Halsschmerzen bekommen und konnte nicht mehr reden. Da habe ich gemerkt, dass etwas nicht stimmt. Dann kamen Fieber und Schnupfen dazu. Ich wurde getestet und wusste nach einer Woche, dass ich Corona habe. Mit dem Ergebnis habe ich schon gerechnet.

Wissen Sie, bei welcher Gelegenheit Sie sich angesteckt haben?

Michael Thoma: Nein. Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger weiß ich es. Ich hatte in den Wochen zuvor schon weniger Kontakt zu anderen Menschen als gewöhnlich. Krisensitzungen liefen übers Internet, ich arbeitete viel in meinem Büro. Und trotzdem hat es mich erwischt. Es hat mich tatsächlich sehr überrascht.

Insgesamt waren Sie fünf Wochen außer Gefecht gesetzt. Was hat das für Sie und Ihre Familie bedeutet?

Michael Thoma: Es war eine Vollbremsung aus dem Leben heraus. Auch wenn ich nicht im Krankenhaus behandelt werden musste, war ich stark abgeschlagen und sehr müde. Meine Frau und die beiden im Haushalt lebenden Töchter standen ebenfalls unter Quarantäne, sogar noch zwei Wochen länger als ich, also insgesamt sieben Wochen. Sie wurden auch getestet, waren aber nicht infiziert. Meine Frau musste in diesen Wochen alle organisatorischen Dinge übernehmen, ich war nicht mehr denkfähig.

Sie haben Ihre Infektion nicht geheim gehalten. Wie hat Ihr Umfeld auf diese Offenheit reagiert?

Michael Thoma: Anfangs mit einer gewissen Betroffenheit und Fragen nach meinem Befinden. Diese Menschen konnte ich beruhigen und sagen, es ist nicht lustig, aber es geht. Doch als ich nach zwei Wochen das erste Mal in den Garten ging, bin ich anschließend kaum mehr die Treppen in die Wohnung hochgekommen. Da habe ich gemerkt, dass Corona definitiv mehr als ein Schnupfen ist.

Was bedeutete Ihr Ausfall für die Arbeit im Dekanat? Haben Sie einige Dinge im Homeoffice beziehungsweise vom Krankenbett aus geregelt?

Michael Thoma: Da ich sehr abgeschlagen und müde war, konnte ich in den fünf Wochen gar nicht arbeiten und war daher nicht mehr sichtbar. Es hat mir sehr leidgetan, dass ich in der Krisensituation nicht bei den Menschen sein konnte und an Ostern auch keine Gottesdienste, zum Beispiel über Youtube, feiern konnte. Was das Dekanat und St. Anna anbelangt, wusste ich die Arbeit bei meinen Kollegen immer in guten Händen. Auch unser kurz zuvor zusammengestellter Notfallplan hat sehr gut funktioniert.

Wie lange hat es gedauert, bis Sie sich wieder vollständig fit fühlten?

Michael Thoma: Einsatzfähig war ich Anfang Mai nach fünf Wochen, habe aber ein, zwei Wochen noch die Nachwirkungen des Virus gespürt. Dabei gehöre ich keiner Risikogruppe an.

Konnten Sie sich als Erkrankter zur Hochzeit der Pandemie überhaupt die einschlägigen Nachrichten anschauen, etwa die schrecklichen Bilder aus dem italienischen Bergamo?

Michael Thoma: Ich habe die Medien verfolgt, auch aus eigenem Interesse, um mich zu informieren, auf was ich achten muss. Mir wurde dabei bewusst, dass es mich schlimmer hätte treffen können. Da war ich sehr dankbar – gleichzeitig waren und sind meine Gedanken aber auch bei den Menschen hier vor Ort, die unter der Krankheit oder den Einschränkungen leiden.

Danken Sie Gott, dass Sie die Infektion überstanden haben und vermutlich erst mal immun sind?

Michael Thoma: Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich wieder fit bin. Einerseits bin ich ein Stück weit befreiter, weil ich davon ausgehe, dass keine Gefahr von mir ausgeht. Gleichzeitig halte ich mich in der Öffentlichkeit an alle Regeln wie Abstand halten und Maske tragen. Das mache ich aus Solidarität, aber auch, weil ich die Maßnahmen für wichtig halte. In den Gottesdiensten etwa habe ich gemerkt, wie schwer es den Besuchern fällt, die Maske zu tragen. Ich bin froh, dass die aktuelle Situation da jetzt Lockerungen zulässt.

War und ist Corona auch Thema in den Gottesdiensten?

Michael Thoma: Am Anfang war das sehr häufig der Fall, sowohl bei den Kolleginnen und Kollegen als auch bei mir. Langsam kommen wieder andere Themen, ich will nicht mehr jeden Sonntag über Corona predigen.

Wie war die Kirche präsent, bevor Gottesdienste wieder – wenn auch mit Einschränkungen – möglich waren?

Michael Thoma: In Einrichtungen wie Krankenhäusern, Gefängnissen oder auch bei der Polizei ging die Seelsorge weiter. Unsere Seelsorgenden konnten zu den Menschen gehen. In den Kirchengemeinden lief der Kontakt meist per Telefon. Es gab Aktionen wie Maskennähen und Unterstützung beim Einkaufen. Außerdem haben wir unsere Angebote in den sozialen Medien ausgebaut.

Tun sich gläubige Menschen leichter, mit einer derartigen Ausnahmesituation umzugehen?

Michael Thoma: Grundsätzlich bietet der Glaube mehr Halt. Im Gebet, im direkten Kontakt mit Gott findet man Kraft, damit umzugehen. Das heißt nicht, dass es nicht auch Zweifel gäbe. Und doch trägt der Glaube auch in so einer Situation.

Unsere Gesellschaft ist in Sachen Corona gespalten. Die einen akzeptieren die Einschränkungen klaglos, die anderen demonstrieren dagegen. Ohne Regeln wird es trotz Lockerungen auch in den nächsten Monaten nicht gehen. Wie schätzen Sie die aktuelle Situation ein?

Michael Thoma: Wir haben in dieser Woche die Sommerbühne im Annahof eröffnet. Ich habe hier eine starke Befreiung, ein Aufatmen seitens der Künstler und Besucher gespürt. Ich glaube, dass es in Augsburg mit den Lockerungen genügend Möglichkeiten gibt, dass sich die Stimmung entspannt. Gleichzeitig müssen wir die in wirtschaftliche Not Geratenen im Blick behalten. Ihnen muss geholfen werden. Ebenso die Menschen, die arm sind, die kein Obdach haben. Für sie ist beispielsweise die Aktion Gabenzäune in St. Ulrich und St. Anna gedacht, die weiterhin gut angenommen wird.

Von der Kirche zur Politik: Wie schätzen Sie als persönlich Betroffener die bayerische Corona-Strategie von Ministerpräsident Markus Söder und seinem Kabinett ein?

Michael Thoma: Ich sehe, dass sie getragen hat und weiterhin trägt. Lieber vorsichtiger sein als zu schnell lockern und dann einen zweiten Lockdown riskieren. Der wäre sowohl emotional als auch ökonomisch der Super-GAU.

Haben Sie auch die Corona-Warn-App heruntergeladen?

Michael Thoma: Ich habe sie, weil ich mich trotz überstandener Infektion als Teil des Systems sehe.

Und sind Sie trotz der Pandemie in Urlaubslaune und haben schon konkrete Pläne?

Ich brauche nach diesen Monaten eine Auszeit und freue mich wirklich darauf. Wir fahren an die Nordsee, bleiben aber in Deutschland und fahren nicht nach Dänemark hinüber, wie wir es ursprünglich geplant hatten. Das holen wir vielleicht im nächsten Jahr nach.

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