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Stadtentwicklung

30.04.2015

Stadtmarkt war bis 1927 eine Tabakfabrik

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Mit dem Umbau zu Markthallen endete vor 85 Jahren die „Romantik des Straßenmarktes“

Am 25. Juni beginnt auf dem Stadtmarkt ein dreitägiges Fest. Der Anlass: Der Stadtmarkt feiert sein 85-jähriges Bestehen. Seit Oktober 1930 wird im Stadtmarkt verkauft. Dass über einer Stahltür in der Fleischhalle die Jahreszahl 1820 zu lesen ist, mag schon manchen verwundert haben. Es ist das Baujahr dieses Gebäudes. Allerdings sind nur die Keller und ein Teil der Außenmauern 195 Jahre alt. Mehrmalige Umbauten und die Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg haben den zentralen Marktbau verändert.

Errichtet wurde der Blankziegelbau 1820 nicht als Markthalle, sondern Fabrikations- und Lagerhalle. Mehr als ein Jahrhundert lang roch es hier intensiv nach Tabak. Das heutige Stadtmarktareal war die Tabakfabrik Lotzbeck&Cie. Im Jahr 1811 kaufte die Tabakmanufaktur Lotzbeck aus dem badischen Lahr in Augsburg die in Konkurs gegangene Schüle’sche Kattunfabrik vor dem Roten Tor. Darin wurde am 15. Mai 1812 die Augsburger Niederlassung eröffnet. Von hier aus gingen nun Schnupf- und Kautabak, Zigarren und Schnitttabak an bayerische Abnehmer.

1813 übernahm Ludwig Sander die Geschäftsleitung in Augsburg. Er war mit der Lotzbeck-Tochter Henriette verheiratet. Sander setzte auf Expansion und kaufte 1819 fünf Anwesen nördlich der St.-Anna-Kirche inmitten der Stadt. Auf dem Areal entstand 1820 die neue Lotzbeck’sche Tabakfabrik. Inmitten des Grundstücks wurde das mächtige Zentralgebäude platziert. Die alte zweiflügelige Eisentür in der Fleischhalle und die Jahreszahl 1820 sind Relikte aus der Bauzeit.

Im Jahre 1850 wurden dort von rund 100 Beschäftigten über 5000 Zentner Tabak verarbeitet. Ein Teil der aus deutschen und europäischen Anbaugebieten sowie den Kolonien gelieferten Tabakblätter kam in die Tabakmühlen vor der Stadt nahe der Kammgarnspinnerei. Drei vom Schäfflerbach getriebene Wasserräder lieferten die Energie für die Werke, in denen die Blätter zerschnitten und zu Schnupftabak gemahlen wurden. 1923 wurde aus dem Privatunternehmen die Aktiengesellschaft „Rauch-, Kau-, Schnupftabak- und Zigarrenfabriken Lotzbeck&Cie, Augsburg“. 1925 teilte die Geschäftsleitung mit, dass sie ihr Firmengelände in Augsburg verlassen und nach Ingolstadt übersiedeln würde. Für Augsburg bot sich die einmalige Chance, die Tabakfabrik zu erwerben und in einen seit Jahrzehnten gewünschten „Viktualien-Zentralmarkt“ umzubauen. So geschah es dann auch. Am 1. Juni 1927 wurde der Kaufvertrag unterzeichnet, und für 1,45 Millionen Mark kam die Stadt Augsburg in den Besitz des 11 244 Quadratmeter großen Geländes und der Bauten. Das Zentralgebäude mit weiten Tabak-Lagerkellern und Produktionsräumen wurde zur Markthalle samt Marktgaststätte umgebaut. Viel Freigelände stand für andere Marktsegmente zur Verfügung. Als erste zogen am 8. Oktober 1930 die Obsthändler ein. Sie waren bis dahin am Obstmarkt und am Hafnerberg untergebracht. Am 10. Oktober folgten die Metzger aus der Stadtmetzg am Perlachberg.

An diesem Tag fand der Abschieds-Wochenmarkt auf den Straßen statt. An der Theaterstraße standen letztmals die Wagen mit Kraut, Kartoffeln und Gemüse. Auf der Karolinenstraße, der Karlstraße und der Ludwigstraße sowie am Kesselmarkt sorgten zum letzten Mal die Tische, Kisten, Körbe und Karren der Gemüse- und Blumengärtner für ein buntes Bild. „Die Eröffnung der Markthallen raubt uns die Romantik des Straßenmarktes“, bedauerte ein Berichterstatter.

Beim verheerenden Bombenangriff in Augsburgs Schicksalsnacht vom 25. auf den 26. Februar 1944 wurde der Stadtmarkt von schwersten Kalibern getroffen. Das zentrale Marktgebäude brannte bis auf Keller und Erdgeschoss aus. Das Marktgelände war bereits wenige Wochen nach dem Bombardement von Schutt geräumt und wurde weiter genutzt. Einige Jahre blieb es bei Provisorien. Erst im September 1948 konnte Hebauf für den Dachstuhl auf dem Markthauptgebäude gefeiert werden. Im Juli 1950 waren 19 Verkaufsstände in der Fleischhalle wiederhergestellt. Am 8. September 1952 war auch die Viktualienhalle belegbar. Seither wurde der Stadtmarkt in vielen Bauabschnitten den Erfordernissen der Zeit angepasst. 1996 bekam die 1000 Quadratmeter große Viktualienhalle ein Glaskuppeldach und Lichtbänder. Sie ist seither ein einladender Spezialitäten-Einkaufsmarkt und eine Imbiss-Oase mit internationalem Angebot. Zeitgleich ließ die Stadt die Stromversorgung des Marktes auf Vordermann bringen. Die Fleischhalle ist der jüngste Sanierungsbereich. Der 85-jährige Stadtmarkt soll schließlich sein Flair und seine Attraktivität behalten.

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