Gesellschaft

30.05.2011

Starke Mädchen

Junge Frauen mit Down-Syndrom entwickeln oft schnell eine Vertrautheit zu Fremden, die missverstanden und ausgenutzt werden kann. Ein Projekt von Pro Familia hilft ihnen durch die Pubertät. Wichtigstes Thema: die Sexualaufklärung.
Bild: Foto: Conny Wenk

Ein Projekt von Pro Familia begleitet junge Frauen mit Down-Syndrom durch die Pubertät. Es erhielt den Witty-Förderpreis

Die Treffen beginnen mit einem Lied: „Mein Köper ist mein Freund“. Der Text führt vorsichtig zum eigentlichen Thema hin: Sexualaufklärung. Für alle Pubertierenden ein wichtiges Thema – für Mädchen mit Down-Syndrom sogar ein besonders wichtiges. Die Gefahr, Opfer sexuellen Missbrauchs zu werden, ist bei behinderten Frauen besonders hoch. Das Problem: Behinderte Mädchen entwickeln oft sehr schnell eine Vertrautheit, die missverstanden und ausgenutzt werden kann.

Deshalb wurde das Pilotprojekt gestartet, für das Pro Familia im vergangenen Jahr den Witty-Jugendförderpreis in Höhe von 10000 Euro erhielt. „Ohne dieses Preisgeld hätte sich unser Projekt kaum umsetzen lassen“, sagte Geschäftsführer Guido Sinzel der Beratungsstelle.

Behutsam umkreisen die Sozialpädagogin Adelheid Schur und die Musik- und Tanzpädagogin Sonja Paffrath Themen rund um Sexualität. Die Mädchen legen sich auf den Boden, mit einem Stift werden die Körper auf Packpapier nachgefahren, ausgeschnitten und diskutiert: Wo darf ich angefasst werden? Wo sind die Grenzen? Wo möchte ich gern berührt werden? „Wir fördern spielerisch die Körperwahrnehmung“, berichtet Adelheid Schur.

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Auch wenn bei den samstäglichen Treffen bei Pro Familia in der Hermanstraße 1 gesungen, gemalt und gekocht wird: Das beherrschende Thema ist die Sexualität, mal mehr, mal weniger direkt. Jüngst verbrachten die Mädchen ein gemeinsames Wochenende am Ammersee. So werden sie noch vertrauter untereinander – die Voraussetzung für offene und persönliche Gespräche. „Im Behindertenbereich ist Sexualität oft noch ein Tabu“, hat Sozialpädagogin Adelheid Schur, selbst Mutter eines Kindes mit Down-Syndrom, festgestellt. Mit dem Projekt „Starke Mädchen“ wird seit Herbst gegengesteuert.

Das Konzept scheint aufzugehen. „Meine Erwartungen wurden nicht nur erfüllt, sondern weit übertroffen“, meint Gabriela Thumser. Die Mutter von vier Kindern, darunter Klara, hatte das Projekt angeregt. „Klara hat in der Gruppe an Selbstvertrauen gewonnen. Sie fragt mich oft: Mama, wann ist wieder Mädchengruppe?“ Auch zu Hause höre die 13-Jährige oft das Lied „Mein Körper ist mein Freund“.

Ein gutes Zeichen, auch für Dr. Hubert Witty, den Geschäftsführer der Firma Witty-Chemie aus Dinkelscherben: „Für uns als Familienbetrieb ist es ein gutes Gefühl, ein sinnvolles Projekt in der Region mit dem Preisgeld ermöglicht zu haben.“

Auch bei den Elternabenden war die Resonanz positiv. Darum hofft nicht nur Gabriela Thumser auf eine Fortführung des auf drei Jahre angelegten Präventionsprojekts. Mit dem Witty-Jugendförderpreis konnte „Starke Mädchen“ im ersten Jahr finanziert werden. Jetzt sind neue Sponsoren gefordert. (AZ)

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