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Augsburg

30.08.2018

„Steine des Anstoßes“ im Reese-Areal

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3 Bilder
Birgit und Wolfgang Hauk sind entsetzt über den Stein, der quasi vor ihrer Haustür steht. Sie stören sich nicht nur an seinem Aussehen und seiner Größe, sondern befürchten, dass die „Sitzgelegenheit“ auch das Feierpublikum aus dem Park in die Wohnstraßen lockt.
Bild: Michael Hochgemuth

Die Granitblöcke in Kriegshaber bringen die Anwohner auf. Sie bezeichnen sie als „Barrieren zur Terrorabwehr“. Warum die Stadt die Einbauten für sinnvoll hält.

Birgit und Wolfgang Hauk haben sich vor dreieinhalb Jahren den Traum von den eigenen vier Wänden erfüllt. Ihr Reihenhaus steht in einer ruhigen Straße im Neubaugebiet Reese-Areal, dem Rose-Oehmichen-Weg. Jetzt ist die Freude der Eheleute getrübt. Ihre „Steine des Anstoßes“ sind durchaus wörtlich zu nehmen. Den Hauks missfallen die vor kurzem aufgestellten Sitzsteine im Quartier. „Für uns sehen die tonnenschweren und extrem ausladenden Granitblöcke wie Barrieren zur Terrorabwehr bei Großereignissen aus“, sagt Wolfgang Hauk. Mit zahlreichen Nachbarn ringsum ist er sich einig, dass dadurch das Wohngebiet verschandelt wird. Störend sei nicht nur die Optik, sie seien auch hinderlich. Zur Straßendurchfahrt und zum Rangieren etwa für die Müllabfuhr werde es sehr eng.

Versteck für Kinder

Mit fast dreieinhalb Meter Gesamtlänge scheinen die Hauks den größten Einzelstein direkt vor ihrer Haustür abbekommen zu haben. Nicht nur die Länge, auch die Höhe von 65 Zentimetern ist ihnen ein Dorn im Auge. Kleine Kinder könnten sich hinter den Steinen verstecken und dann unvermittelt auf die Straße springen, sehen sie die Blöcke sogar als Gefahr.

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Insgesamt 27 Einzelsitzsteine zwischen 95 Zentimetern und 3,25 Metern sowie zwei Bögen, die aus mehreren Steinen bestehen, wurden in den verschiedenen Wohnstraßen des Reese-Areals gesetzt. Ausgeführt hat die Arbeiten die Wohnbaugruppe Augsburg, die für die Entwicklung des Reese-Areals zuständig ist. Den Auftrag dazu bekam sie von der Stadt, die sich auf den Bebauungsplan beruft. Dieser sieht zwischen der Reeseallee und dem Reesepark verkehrsberuhigte Bereiche vor. „Die Straßenflächen waren daher so zu gestalten, dass der verkehrsberuhigte Bereich durch baulich markierte Engstellen für jeden Verkehrsteilnehmer deutlich erkennbar ist und ein Kraftfahrzeugfahrer die erforderliche Schrittgeschwindigkeit einhält“, heißt es aus dem Baureferat. Nur so könne eine gefahrlose Nutzung der Flächen für Fußgänger und spielende Kinder sichergestellt werden.

Nicht Einsicht genommen

Die entsprechenden Pläne für die Gestaltung der Spielstraßen wurden laut Bauverwaltung bereits in den Jahren 2011 und 2012 – vor der Veräußerung an die Bauträger – abgestimmt. Die Käufer hätten in diese Einsicht nehmen können, was zum Bedauern der Stadt nicht in Anspruch genommen worden sei.

Die Größe der Steine ist laut Baureferat gewollt, um den gewünschten Effekt – das Langsamerfahren – zu erzielen und ihre Sichtbarkeit im Rückspiegel zu gewährleisten. Dass einige von ihnen direkt vor Bäumen gesetzt wurden, hat ebenfalls seinen Grund. Damit solle vermieden werden, dass die Wuchsbereiche überfahren und beschädigt werden.

Probleme auch in Göggingen und Pfersee

Es ist nicht das erste Mal, dass die Sitzsteine in Wohngebieten auf Widerstand stoßen. Das war im Neubaugebiet an der Friedrich-Ebert-Straße in Göggingen ebenso der Fall wie im Pferseer Sheridan-Areal. Laut Bernd Zitzelsberger, der im Viertel wohnt, hat man sich damit arrangiert. Wegen der besseren Sichtbarkeit seien die Steine mit Reflektoren ausgestattet worden. Aber: „Da sie hintereinander aufgestellt sind, sind die Autofahrer immer noch viel zu schnell unterwegs.“ Besser wäre es gewesen, die Steine verschwenkt anzuordnen, sodass man in Schlangenlinien fahren müsse, so Zitzelsberger. Als Pferseer CSU-Chef tauschte er sich intensiv mit der Stadt über eine mögliche Verkehrsberuhigung aus.

Auch die Hauks und ihre Nachbarn im Reese-Areal setzen jetzt auf die Hilfe von Kommunalpolitikern – um die ungewollten Steine wieder loszuwerden. Ihr Vorschlag zu deren weiterer Verwendung: Die Steine könnten von ihren bisherigen Standorten entfernt und dafür auf dem großen Spielplatz hinter dem Abraxas als Sitzgelegenheit für Eltern und Großeltern platziert werden. Zum Schutz der Baumwurzelbereichs seien normale Randsteine ausreichend.

Sollte es zu einem Ortstermin kommen, könnten die Reese-Bewohner der Stadt und den Politikern noch weitere „Baustellen“ präsentieren. Etwa die Ruhestörungen durch nächtliche Parties auf dem Rodel- beziehungsweise Aussichtshügel sowie Müll und Vandalismus.

Von Brennpunkten will Tanja Bergmann, Chefin der zuständigen Polizeiinspektion 6, nicht sprechen. Seit Mai seien ihre Kollegen wegen Ruhestörungen im Reese-Park elf Mal ausgerückt, hinzu kamen Einsätze im Kulturpark West oder dem Abraxas, wo sich Anwohner an zu lauter, basslastiger Musik störten.

Ordnungsdienst war seit Mai 38 Mal im Einsatz

Den Vorwurf von Anwohnern, der städtische Ordnungsdienst sei nur untertags unterwegs, entgegnet Ordnungsreferent Dirk Wurm. Von Mai bis jetzt seien die Mitarbeiter 38 Mal vor Ort gewesen, davon überwiegend nach Einbruch der Dunkelheit. Gleichwohl ist er sich bewusst, dass nur durch die Präsenz des Ordnungsdienstes Probleme wie Ruhestörung und Vandalismus nicht zu lösen seien. „Die Feiernden sehen auf dem Rodelhügel die Streifen schon von Weitem und verschwinden dann rechtzeitig.“

Wurm will in den nächsten Monaten auch mit Kollegen anderer Referate und Dienststellen überlegen, mit welchen Maßnahmen die Probleme in Griff zu bekommen sind. Er hofft, zum Jahresende ein Konzept präsentieren zu können, das dann im nächsten Jahr greifen soll.

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31.08.2018

Aus den Fotos ist nicht zu entnehmen, dass es zur Straßendurchfahrt zu eng wird.
Ein mäßiges Tempo wird ja "in einer ruhigen Straße im Neubaugebiet" verlangt
werden können (und auch von den Anwohnern gewünscht sein)..
Und dann muß auch noch die Müllabfuhr, die mit ganz anderen Straßendurchfahrten
zurecht kommt, zum Anstoßnehmen herhalten .
Übrigens: Die parkenden Autos, hinter denen sich Kinder verstecken und dann
unvermittelt auf die Straße springen könnten, müßten doch auch weg (aber vielleicht
wäre davon auch mal das eigene Auto betroffen?
Durch das äußerst einladende Umfeld vor den Reihenhäusern wird die "komfortable"
"Sitzgelegenheit" bestimmt der Lieblingstreff des Feierpublikums werden :-)
Probleme gibt`s ......

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30.08.2018

Scheinbar haben sich ja die Steine mittlerweile im Neubaugebiet der Friedrich-Ebert-Straße und im Sheridan-Areal bewährt. Jedenfalls hört man davon keine Klagen mehr. Und irgend etwas braucht es zur Verkehrsberuhigung. Ich finde immer noch Schwellen am Besten, denn da muss wirklich jedes Auto ordentlich abbremsen, aber leider wird sowas ja in Deutschland fast gar nicht mehr verbaut obwohl es sehr wirkungsvoll ist.

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30.08.2018

Den Idealfall einer zweckmäßigen und ästhetisch verträglichen Verkehrsberuhigung kann man wunderbar am Satellittenbild von Google-Maps für die Burgfriedenstraße in Friedberg ansehen. Lästig zu fahren, aber erfüllt ihre Aufgabe und macht einfach auch optisch Freude.

Der Hang zur Steinwüste ist wohl dem Geschmack unseres Baureferenten geschuldet, der ja auch die Fußgängerzone totgepflastert hat. Vllt. auch den Kosten, den die Pflege von grünen Verkehrshindernissen verursacht.

Ich wünsche den Reese-Bewohnern viel Erfolg bei ihrem Kampf gegen die Ödnis.

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