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Augsburg

08.03.2018

Stellenstreichung bei Premium Aerotec: "Wir Arbeiter sind chancenlos"

Am Mittwoch fand im Augsburger Werk von Premium Aerotec in der Haunstetter Straße eine Betriebsversammlung statt. Es wurde auch bekannt, dass Stellen wegfallen.
Bild: Bernd Hohlen

Mitarbeiter äußern sich zur Situation beim Unternehmen Premium Aerotec, das in Augsburg Stellen abbaut. Die Stimmung schwankt zwischen Besorgnis und Zuversicht.

Es ist ein Tag, den die Mitarbeiter bei Premium Aerotec mit gemischten Gefühlen erwartet haben. Am Mittwoch soll klar sein, wie sich der geplante Stellenabbau beim Mutterkonzern Airbus auf den Standort Augsburg auswirkt. Europaweit sollen 3700 Stellen abgebaut werden. Welches Ausmaß konkret für Augsburg zu erwarten ist, bleibt noch offen. Auf einer Betriebsversammlung wurde bekannt, dass in diesem Jahr 300 Leiharbeiter betroffen sein könnten und im nächsten Jahr 150 bis 200 Leiharbeiter. Derzeit hat das Unternehmen in Augsburg rund 4000 Mitarbeiter.

Die Beschäftigten, die mittags am Werksgelände in Haunstetten anzutreffen sind, wirken teils entspannt, teils aber auch sehr nervös und verunsichert. Wer aufs Werksgelände möchte, muss an der Pforte vorbei. Das gesamte Areal ist eine Hochsicherheitszone. Den freien Zugang gibt es auf den großen Betriebsparkplatz mit mehreren hundert Stellplätzen. Dieser große Parkplatz ist gegen 13 Uhr proppenvoll. Zu diesem Zeitpunkt ist aber kaum ein Mensch unterwegs. Nur vereinzelt kommen Beschäftigte aus dem Betrieb. Manche gehen ins Werk.

Selbst nach der Betriebsversammlung werde es für Augsburg vermutlich keine offiziellen Zahlen geben, vermutet ein Mitarbeiter, der auf dem Weg zur Arbeit ist. Er sagt: „Das ist alles nur eine Hinhaltetaktik.“ Er selbst ist seit 15 Jahren bei Aerotec angestellt und sieht die Entwicklung mit Besorgnis. Mit Familie, Haus und Kindern sei die Ungewissheit belastend, sagt der 47-Jährige. „Auf ein Statement vonseiten der Geschäftsleitung warten wir vergebens“, sagt er. Den Gerüchten nach seien im Falle eines Stellenabbaus auch langjährige Mitarbeiter nicht geschützt. Geschäftsführer und Ingenieure müssten sich weniger Sorgen machen, sagt er. „Deren Jobs sind sicher. Wir Arbeiter sind chancenlos.“

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Mitarbeiter: "Menschliche ist abhanden gekommen"

Ein zweiter Mitarbeiter gibt zu bedenken, dass es schwierig werden könne, einen neuen Job zu finden. Nicht nur gebe es in diesem Sektor kaum noch Stellen, auch spiele das Alter eine entscheidende Rolle. Er selbst ist 55 Jahre alt und fürchtet, dass er kaum einen neuen Arbeitsplatz finden werde. Vor zwei Jahren habe das Werk geboomt, berichtet er. „Wir hatten so viel Arbeit, wir mussten sogar an den Wochenenden in den Betrieb kommen“, sagt er. Heute sehe das anders aus. Man müsse sich die Arbeit regelrecht suchen. Der Grund dafür sei einfach: Mit der neuen Geschäftsleitung in Frankreich im Airbus-Konzern wurde immer mehr Arbeit in das Ausland ausgelagert. „Nur wenn es schnell gehen muss, oder das Know-how fehlt, kommt die Arbeit nach Augsburg“, sagt der 55-Jährige.

Dass die neue Führung in Augsburg bisher keinen besonders guten Job gemacht habe, findet ein Mitarbeiter der aus dem Werk kommt. Er ist seit über 40 Jahren als Techniker im Betrieb. „Es ist traurig mit anzusehen, wie das Unternehmen langsam an die Wand gefahren wird“, sagt er. Die Chefs des Konzerns hätten keinen Bezug zu Augsburg und seinen Menschen. „Man wird als Gegenstand behandelt. Das Menschliche ist abhanden gekommen.“ Der Betrieb stelle kaum noch Mitarbeiter fest ein. Stattdessen setze man auf Leiharbeiter. Einige davon hätten bereits 25 Jahre bei MAN gearbeitet, wo die selbe Problematik bestand. Besonders schade finde er, dass in dieser Situation von Politik und Wirtschaft kaum Unterstützung zu erwarten sei.

Trotz bedrückter Stimmung im ganzen Werk, ist Manuel Ristagno noch nicht bereit, den Kopf in den Sand zu stecken. Der Mitarbeiter ist seit dem Jahr 2011 bei Aerotec beschäftigt. „Noch ist die Lage nicht schlecht“, sagt er. Dass es Veränderungen geben werde, ist ihm bewusst. „Der Betriebsrat wird einen Sozialplan ausarbeiten, um Nachteile für die Beschäftigten möglichst gering zu halten“, sagt er.

Premium Aerotec: Politik schaltet sich ein

Die Entwicklung bei Premium Aerotec, einem der größen Arbeitgeber in Augsburg, wird bei der Stadtspitze intensiv begleitet. „Es gibt einen engen Kontakt zu Premium Aerotec und auch zu Airbus“, sagt Wirtschaftsreferentin Eva Weber. Oberbürgermeister Kurt Gribl hatte noch am Wochenende mit einer Führungskraft von Airbus telefoniert. Dass Augsburg von einem Stellenabbau betroffen sein werde, habe man erwarten müssen, sagt Weber. Wer zuletzt die Berichte über die Auftragslage bei Konzern verfolgt habe, musste damit rechnen. Dass zunächst bereits in diesem Jahr 300 Stellen von Leiharbeitern wegfallen sollen, sei sehr betrüblich.

„In diesem Zusammenhang sehe ich es aber als gutes Zeichen, dass der Arbeitsmarkt in der Region sehr gut aufgestellt ist und Fachkräfte von den Unternehmen weiterhin gesucht werden“, sagt die CSU-Politikerin. Dies sollte den Beschäftigten, die nun ihre Stelle bei Premium Aerotec verlieren, etwas Hoffnung machen. Im Übrigen sei der Großraum München, zu dem Augsburg zähle, ein Gebiet mit vielen produzierenden Luftfahrtunternehmen. „Dies kann ebenfalls ein Hoffnungsschimmer für die Beschäftigten sein.“

Stadt: Situation könne nicht mit Ledvance verglichen werden

Die Situation bei Premium Aerotec dürfe aber nicht mit der Firma Ledvance verglichen werden, sagt Eva Weber. Der Leuchtmittelhersteller hatte im Vorjahr bekannt gegeben, dass das Augsburger Werk geschlossen werden soll. Bis Ende 2018 soll der Standort an der Berliner Allee mit 700 Beschäftigten aufgegeben werden. Hinzu kommt die Logistiksparte mit 100 Mitarbeitern, die in der Steinernen Furt sitzt.

Betriebsräte und Gewerkschaft kämpfen um den Erhalt der Arbeitsplätze. „Wir warten derzeit auf die Vorlage eines Gutachtens, das die Fortführung einzelner Arbeitsbereiche zum Inhalt hat“, sagt Weber. Sie will jedenfalls die Hoffnung nicht aufgeben, dass einzelne Bereiche weiterhin am Markt agieren können: „Dies könnte vielleicht dann auch mit einer anderen Firmenstruktur denkbar sein“, so die Referentin.

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Hier lesen Sie unseren Kommentar zur Stellenstreichung.

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