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Augsburg

25.04.2017

Streit um Stolpersteine in Augsburg spitzt sich zu

Künstler Gunter Demnig verlegte im Jahr 2014 bereits Stolpersteine auf Privatgrund. Sie erinnern in der Peutingerstraße an Hans und Anna Adlhoch. 
Bild: Anne Wall

Der Künstler Gunter Demnig lehnt einen Kompromiss der Stadt ab. Der Kulturreferent pocht dagegen auf einen Stadtratsbeschluss.

Eigentlich war ein Kompromiss geplant: Am Donnerstag, 4. Mai, sollten zwölf von der Stadt genehmigte Stolpersteine auf Augsburger Straßen und Plätzen verlegt werden, die an Opfer des Nationalsozialismus erinnern. Doch nun will der Kölner Künstler Gunter Demnig, der hinter der Aktion steht, aus Protest auch noch Platzhalter-Steine verlegen. Sie sollen für weitere acht Stolpersteine stehen, die beantragt, aber von der Stadt bislang nicht genehmigt sind. Das kündigte Demnig gegenüber unserer Zeitung an.

In vielen anderen Kommunen tätig

Der Künstler ist mit Vorgaben des Stadtrates nicht einverstanden, die für die Verlegung der Stolpersteine gelten. Zum einen geht es darum, wie an Opfer des Nationalsozialismus erinnert wird, die lange nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs starben. Demnig verlegt Stolpersteine in vielen anderen Kommunen auch für Verfolgte, die das Naziregime überlebt haben. Oder für Kinder, die ihren Eltern von den Nazis weggenommen wurden, für Verfolgte, die das Konzentrationslager überlebt haben, oder für Menschen, die unter Hitler fliehen mussten. Demnig hält eine Einschränkung des Opferbegriffs für nicht zulässig.

In Augsburg gilt jedoch die Regelung, dass Stolpersteine nur für Opfer stehen sollen, die bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs starben, so Kulturreferent Thomas Weitzel. Er verweist auf einen entsprechenden Stadtratsbeschluss, der von allen Beteiligten mitgetragen worden sei – auch von der „Initiative Stolpersteine“. Danach sollen eben nicht alle NS-Opfer auf eine Stufe gestellt werden, so der Kulturreferent. Mit dieser Lösung wolle man auch „dem Eindruck einer inflationären Verlegungspraxis von Stolpersteinen vorbeugen“.

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Für umstrittene Fälle hat der Kulturreferent inzwischen einen Kompromiss vorgeschlagen, der Nachkommen und Opfer-Initiativen entgegenkommen soll. Ein Beispiel: Die Familie Pröll war im Widerstand gegen den Nationalsozialismus vereint. Fritz und Alois Pröll, die im KZ ermordet wurden, sollen deshalb eigene Stolpersteine bekommen. Zusätzlich soll ein sogenannter Kopfstein mit den Namen aller verfolgten Familienmitglieder verlegt werden. Demnig will aber auch dieser Lösung nicht zustimmen: „Dieser faule Kompromiss mit den Kopfsteinen kommt für mich nicht infrage“, teilte der Bildhauer unserer Zeitung mit. Und wie geht es nun weiter?

Weitzel pocht darauf, dass es bei der Stolperstein-Aktion am 4. Mai keine künstlerischen Alleingänge geben dürfe. „Auch für Demnig gilt die Beschlusslage.“ Im öffentlichen Raum dürften nur die von der Stadt genehmigten Steine verlegt werden. Zudem habe Demnig selbst in einem anderen Fall von NS-Opfern einen zusätzlichen Kopfstein vorgeschlagen und konzipiert, und zwar für das jüdische Ehepaar Oberdorfer. Im Fall der Familie Pröll seien Nachkommen mit dieser Lösung ebenfalls einverstanden, sagt Weitzel. „Für uns geht es um eine gute Lösung mit den Angehörigen, nicht um die Lösung eines künstlerischen Problems.“

Erneut in den Stadtrat?

Was bei der Aktion am 4. Mai passieren wird, ist derzeit offen. Weitzel führte am Montag weitere Gespräche. Sollte der mühsam gefundene Kompromiss nicht halten, kündigte Weitzel an, den Streitfall erneut in den Stadtrat zu bringen.

Verlegung Die Stolpersteine werden am Donnerstag, 4. Mai, verlegt. Start ist um 9 Uhr in der Maximilianstraße. Am selben Tag sollen auch die ersten Erinnerungsbänder angebracht werden, als alternative Form des Gedenkens an NS-Opfer.

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25.04.2017

Mehr als 54.000 Stolpersteine wurden in 1600 Orten in Europas bereits von dem Künstler Gunter Demnig verlegt. Die Stolpersteine sind somit das weltweit größte dezentrale Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus. Getragen und finanziert werden die Stolpersteine von den Angehörigen der Opfer des Nazi-Regimes und von engagierten Bürgerinnen und Bürgern. Die Stolpersteine sind ein Element des Augsburger Weges in der Erinnerung an die Verfolgten und Ermordeten durch die Nationalsozialisten. Weitere Elemente des Augsburger Weges sind Stelen und Tafeln (Erinnerungsbänder).

Kaum nachvollziehbar ist für die Angehörigen der Opfer, dass in Augsburg jetzt Stolpersteine nur für die diejenigen Verwandten verlegt werden dürfen, die von den Nazis verfolgt und in Konzentrationslagern und Gefängnissen saßen und getötet wurden, und nicht für diejenigen Verwandten, die auch von den Nazis verfolgt und in Konzentrationslagern und Gefängnissen saßen aber das Kriegsende überlebten. Der Augsburger Weg schließt die zweitgenannte Gruppe von Opfern nicht grundsätzlich aus. Der Fachbeirat der Stadt Augsburg ist jetzt gefordert. Er sollte eine Entscheidung treffen, die sowohl das Anliegen der Angehörigen der Opfer als auch die künstlerischen Vorstellungen von Gunter Demnig berücksichtig. In vielen anderen Städten kann jeder Opfergruppe gleichwertig gedacht werden. Warum sollte dies in Augsburg nicht auch möglich sein?

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25.04.2017

Was ist denn an dem Produkt dieses Künstlers "künstlerisch"?

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