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Augsburg

30.01.2020

Suizidgedanken: Wie die Telefonseelsorge Augsburg Anrufern hilft

Wenn Menschen nicht mehr weiter wissen, können sie sich bei der Telefonseelsorge Rat und Hilfe holen.
Bild: Alexander Kaya

Rund 13.300 Gespräche hat Telefonseelsorge Augsburg 2019 entgegengenommen. Leiter Franz Schütz erzählt, wie manch angekündigter Suizid verhindert werden konnte.

Die Situation war dramatisch. Der Mann, Vater zweier Töchter, hatte schon mehrere gescheiterte Selbstmordversuche hinter sich. Am Telefon wollte er sich nun endgültig verabschieden, ganz anonym. Doch die Mitarbeiterin der Telefonseelsorge ließ nicht locker. Solche Situationen, sagt Leiter Franz Schütz, nähmen zu. Die Ökumenische Telefonseelsorge Augsburg hat ihren Jahresbericht veröffentlicht. Demnach ist die Zahl der Anrufe und Beratungsgespräche deutlich gestiegen. Das liegt aber auch an einer Neuerung.

Rund 13.300 Anrufe haben die 75 ehrenamtlichen Telefonseelsorgerinnen und -seelsorger in Augsburg im vergangenen Jahr entgegengenommen. Davon mündeten 10.100 in Beratungsgespräche. Für die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die dafür ausgebildet werden, bedeutet dies rund 28 Gespräche am Tag. Auffallend ist, dass bei der Ökumenischen Telefonseelsorge im vergangenen Jahr 2.800 Anrufe mehr eingingen als noch im Jahr zuvor. Das hat einen organisatorischen Grund. Seit einem Jahr, so berichtet Diakon Franz Schütz, sei die Telefonseelsorge Augsburg in ein größeres Netz integriert. Zählten bislang noch Ingolstadt und Passau dazu, seien nun auch München, und die oberbayerischen Städte Wasserburg, Rosenheim und Bad Reichenhall mit im Verbund. Ist die Leitung in Augsburg etwa belegt, wird der anonyme Anruf an eine freie Stelle weitergeleitet. „Das verkürzt die Wartezeiten für die Anrufer“, sagt Schütz, der die Augsburger Telefonseelsorge seit über 20 Jahren leitet. Er beobachtet, dass unabhängig von dieser Erweiterung eines auf jeden Fall bei der Augsburger Telefonseelsorge zugenommen hat.

Telefonseelsorge Augsburg: 63 Anrufer erzählten von Selbstmordversuchen

Das sind die Anrufe aus suizidalen Gründen. Ihre Zahl betrug im vergangenen Jahr 605. 2018 waren es im Vergleich noch 478 Anrufe. 419 Anrufende offenbarten 2019 am Telefon Suizidgedanken, 75 trugen sogar feste Absichten mit sich, 63 erzählten von früheren Selbstmordversuchen, und 50 rangen mit dem Suizid eines nahe stehenden Menschen. Schütz hat beobachtet, dass die extremen Fälle, in denen jemand seinen Tod am Telefon ankündigt, zugenommen haben. Wie etwa der Fall des Familienvaters.

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Eine Ärztin, die zusätzlich ehrenamtlich bei der Telefonseelsorge arbeitet, habe diesen Anruf entgegengenommen. Wie Schütz erzählt, hat sie dem Anrufer nicht nur Hilfsmöglichkeiten nahegebracht und ins Gewissen geredet. Während des Gesprächs versuchte sie geschickt, Anhaltspunkte herausfinden, um den lebensmüden Mann identifizieren zu können. Nach etwas Recherchearbeit konnte der Mann tatsächlich gefunden und vor dem Schlimmsten bewahrt werden. „Wir sehen die Telefonnummern der Anrufer nicht“, erklärt Franz Schütz. Es ist schließlich die Anonymität, auf deren Basis die Telefonseelsorge funktioniert. Doch in derart brenzligen Ausnahmesituationen suchten die Mitarbeiter händeringend nach Informationen, die auf die Person des Anrufers hinweisen. „Wenn jemand bei uns am Telefon einen Mord androht, sind wir verpflichtet, die Polizei zu informieren“, führt Schütz als Beispiel an. Auch das sei schon vorgekommen. „Vor vielen Jahren, als ein Mann aus der Haft entlassen wurde. Er sagte am Telefon, er wolle jemanden umbringen.“ Das habe sich vor Ort dann auch tatsächlich so herausgestellt, die Tat konnte verhindert werden. „Es geht immer darum, Leben zu retten.“ Tatsächlich ist der Grund der meisten Anrufe eigentlich ein anderer.

Hilfe am Telefon: In 40 Prozent der Fälle geht es um Beziehungen

40 Prozent der Anrufer melden sich wegen Beziehungsfragen. An oberster Stelle stehen psychische Probleme der unterschiedlichsten Art. Sie machten im vergangenen Jahr 48,6 Prozent der Beratungsgespräche aus. „Da nehmen wir längst eine andere Stellung ein als noch vor 20 Jahren“, stellt der 60-Jährige fest. Zumal diese Fälle mehr würden. „Wir fangen zwischen Psychotherapie und Psychiatrie inzwischen vieles auf.“ Schütz erzählt von einer etwas jüngeren Frau, die anrief, weil sie in der Wohnung überall Blut sah.

„Sie ist in Behandlung und sie weiß auch, dass das Blut in der Realität nicht vorhanden ist. Doch sie sah es und wollte ihren Mann damit nicht belasten. Lieber rief sie bei uns an.“ Eine Neuerung gibt es noch bei der Ökumenischen Telefonseelsorge Augsburg. Seit einem knappen Jahr wird ein Krisentelefon mit eigener Nummer angeboten. Diese Stelle sei ein reiner Augsburger Anschluss. „Hier wird, wenn er belegt ist, nicht wie bei der Telefonseelsorge in eine andere Stadt weiterverbunden. Beim Krisentelefon haben wir zudem die Möglichkeit, den Anrufer zurückzu- rufen“, erläutert Schütz den Unterschied. Das Bewusstsein, Menschen in Not Hilfe anzubieten, steigt. Am Bezirkskrankenhaus Augsburg befindet sich gerade der sogenannte Krisendienst Schwaben im Aufbau, für den der Bezirk Schwaben verantwortlich ist. Er soll sich aus einer Leitstelle, mobilen Diensten und einem regionalen Versorgungsnetz zusammensetzen und über eine Rufnummer erreichbar sein.

Kontakt: Erreichbar unter 0800/1110111 und 0800/1110222 sowie 116123 (ohne Vorwahl, alle gebührenfrei). Die Nummer des Krisentelefons für Akutkrisen: 0821/3497349. E-Mail und Chatberatung: www.telefonseelsorge.de.

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