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Prozess in Augsburg

12.07.2017

Syrer sticht auf schlafenden Landsmann ein

Das Augsburger Landgericht untersucht einen Mordversuch in einer Asylunterkunft. Wurde ein 24-Jähriger zum Täter, weil sein Landsmann nicht religiös genug war?
Bild: Ulrich Wagner

Das Augsburger Landgericht untersucht einen Mordversuch in einer Asylunterkunft. Wurde ein 24-Jähriger zum Täter, weil sein Landsmann nicht religiös genug war?

Es war ohne Zweifel ein Mordversuch. Der Täter hatte mit einem 30 Zentimeter langen Küchenmesser auf das schlafende Opfer eingestochen. Der 38 Jahre alte Syrer überlebt den Überfall nur mit viel Glück. Neun Monate nach der Bluttat vom vorigen November, die sich in einer Asylunterkunft in Hurlach im oberbayerischen Landkreis Landsberg abgespielt hat, hat in Augsburg vor dem Landgericht der Prozess gegen den mutmaßlichen Täter begonnen. Der 24 Jahre alte Angeklagte ist ebenfalls Syrer. Er ist in Damaskus geboren, aber palästinensischer Herkunft. Beide Männer sind Kriegsflüchtlinge, beide haben Asylanträge gestellt.

Beweislage scheint eindeutig

Der Prozessauftakt beginnt mit einem Geständnis des Angeklagten. „Es tut mir Leid. Ich habe einen großen Fehler gemacht“, lässt er durch Verteidiger Werner Ruisinger vortragen. Zur Tat und seinem Motiv will er sich nicht äußern. Nur so viel: Der Angeklagte ist nach eigenen Angaben in guten Verhältnissen aufgewachsen. Sein Vater, der 2005 bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam, war Architekt, seine Mutter ist Lehrerin. Noch bevor er mit dem Studium hatte beginnen können, war 2011 in seiner Heimat der Bürgerkrieg ausgebrochen. Der Syrer will in den ersten Jahren bei karitativen Hilfsorganisationen mitgearbeitet haben, bevor im August 2015 das Land verließ. Sein Ziel sei Irland gewesen. Doch in Stuttgart endete seine Reise. Der Syrer wurde auf dem Flughafen festgenommen. Ein gefälschter Ausweis, der ihn als Italiener auswies, wurde ihm zum Verhängnis.

Die Beweislage im Prozess scheint eindeutig. Mitbewohner der Unterkunft waren dem Opfer morgens zu Hilfe geeilt. Spannend ist jedoch eine andere Frage. Vieles spricht dafür, dass der Syrer aus religiösen Gründen gehandelt hat. Könnte der Angeklagte sogar ein Islamist sein? Der Staatsschutz, der sich in die Ermittlungen der Augsburger Kripo eingeschaltet hatte, schließt dies zumindest nicht aus. So soll der Täter, als er auf seinen Landsmann einstach, auf Arabisch „Gott ist groß“ gerufen haben. Aus Sicherheitsgründen hatte die Justiz gestern die Sicherheitskontrollen verschärft. Die wenigen Zuschauer, die gestern zur Verhandlung kommen, werden anders als sonst, von Polizisten kontrolliert. Im Gerichtssaal sind neben den Justizwachmeistern außerdem zwei Polizisten.

Syrer sticht auf schlafenden Landsmann ein

Der lebensgefährlich verletzte Syrer sagt als erster Zeuge aus. „Wir haben zusammen gegessen, eingekauft, es gab überhaupt keine Probleme“, wundert sich der Syrer. Zu dritt hatte man in Hurlach ein Zimmer bewohnt. Anders als seine beiden Mitbewohner habe der 24-Jährige täglich regelmäßig gebetet. „Wir haben dann den Fernseher leiser gestellt.“ Am Vorabend war man sich verbal kurz in die Haare geraten. Gemeinsam hatten sich die Asylbewerber auf AL Jazeera eine Nachrichtensendung angesehen. Eine Bemerkung machte den Angeklagten wütend. Er warf dem Zeugen vor, den Propheten beleidigt zu haben. „Er hat mir mit dem Finger gedroht und gesagt, mache das nicht wieder.“ Danach ging man ins Bett.

Überfall aus heiterem Himmel

Der Überfall geschah am nächsten Morgen wie aus heiterem Himmel. Ihr dritter Mitbewohner hatte da die Unterkunft schon verlassen gehabt und von außen, wie üblich, die Zimmertür abgesperrt. „Als ich die Augen aufmachte, sah ich über mir das Messer.“ Der Stich traf den Syrer in den Hals. Obwohl stark blutend und lebensgefährlich verletzt, gelang es dem 38-Jährigen vom Bett aufzuspringen und dem Täter das Messer zu entwinden. Der jüngere Syrer, inzwischen durch einen Stich in den Bauch selbst schwer verletzt, setzt dennoch den Kampf fort, schlug mit einem Stuhl zu. Der Zeuge erinnert sich, wie der Jüngere ihn dabei mit den Worten beschimpft habe: „Du bist ein Schwein. Ich werde Dich töten, auch wenn ich dafür ins Gefängnis komme“. Andere Heimbewohner, durch die Hilferufe alarmiert, brechen die Zimmertür auf und beenden den Kampf. „Er wollte mich umbringen und bis heute weiß ich nicht warum“, beendet der Syrer seine Aussage. Er ist überzeugt, dass er es „einer Gottesmacht“ zu verdanken hat, dass er noch lebt. Bevor ihn Richterin Susanne Riedel-Mitterwieser entlässt, will sie von dem Zeugen wissen, wie er sich heute fühle. „Ich habe Angst“, erwidert der Syrer dieses Mal auf Deutsch. Der sichtlich traumatisierte Mann weint. „Wenn ich morgens unter der Dusche stehe, habe ich das Gefühl, dass er hinter mir steht.“

Der Prozess findet vor der Achten Strafkammer statt. Das Gericht hat bis zum 27. Juli sechs Verhandlungstage angesetzt.

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