Auszeichnung

10.11.2012

Tabus gebrochen

FCA-Präsident Walther Seinsch (links) und Oberbürgermeister Kurt Gribl ehrten Beate Lehr-Metzger.
Bild: S. Kerpf

Journalistin Beate Lehr-Metzger erhielt den Augsburger Marion-Samuel-Preis

Gibt es noch Tabus in der Aufarbeitung der NS-Verbrechen? Drei Jahre lang hat die Journalistin Beate Lehr-Metzger die NS-Verbrechen an sowjetischen Kriegsgefangenen unter deutscher Obhut dokumentiert, Zeitzeugen gesammelt, unveröffentlichtes Material zu Goebbels entdeckt und darüber einen Film gedreht. Für ihr Engagement ist die Saarländerin nun mit dem Augsburger Marion-Samuel-Preis ausgezeichnet worden. Doch ihren Film will kein deutscher Sender zeigen.

Dabei geht es Lehr-Metzger wie Christian Streit, auf den sie sich unter anderem in ihrem Film beruft. Als einer der ersten Historiker veröffentlichte Streit 1978 eine Dissertation zu den Massenmorden an sowjetischen Kriegsgefangenen, die zumeist beabsichtigt den Hungertod fanden. Streit ist für diese Forschung stark angefeindet worden, Klagen wurden erwogen, doch die Zahlen – etwa drei Millionen Gefangene und zwei Millionen Tote allein zwischen Juni 1942 und März 1943 – wurden von der Forschung nachträglich sogar nach oben korrigiert.

„Es war organisiertes Verbrechen“, sagt Lehr-Metzger nun an diesem Donnerstagabend zur Preisverleihung im Goldenen Saal. In einer Reihe mit Literatur-Nobelpreisträger Imre Kertesz, Historiker Götz Aly oder, wie im vergangenen Jahr, dem Hanser Verlag steht Lehr-Metzger seit diesem Jahr als vierzehnte Preisträgerin der von Walther und Ingrid Seinsch initiierten Verleihung, die sich gegen das Vergessen von NS-Verbrechen richtet. In seinem Grußwort lobt Oberbürgermeister Kurt Gribl den Mut Lehr-Metzgers, ein nach wie vor tabuisiertes Thema zu behandeln. Doch der Film, der ohne finanzielle Senderbeteiligung entstand, ist bis dato nur im Ausland gezeigt worden. Beschämend sei es, so der anwesende Christian Streit, „dass der Film noch keinen Sender gefunden hat“. Das russische Kulturfernsehen strahlte den Film bereits aus, Kooperationen mit israelischen und lettischen Sendern sind in Planung. Doch in Deutschland hat die Journalistin bislang nur Absagen erhalten. „Der WDR hat mir gesagt, das sei nichts für das Fernsehen, bestenfalls tauge er für Schulbildung. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.“ (jwit)

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