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Porträt

09.07.2015

Tagsüber Anne, abends Peggy Sue

Anne Römeth zieht das Publikum sofort auf ihre Seite, wenn sie die Burger-Verkäuferin Peggy Sue spielt.
Bild: Axel Hechelmann

Anne Römeth wuchs in Augsburg auf, konnte dort aber nie Fuß fassen. Nun kehrt sie mit den „Blues Brothers“ zurück – und hat ihren größten Auftritt

Drei Stunden vor der Verwandlung ist Anne Römeth schon ein bisschen unruhig, aber das sieht man ihr nicht an. Sie sitzt am Roten Tor auf einer Bank im Schatten. Aufrecht und ruhig. Dabei könnte sie mit den „Hufen scharren“, sagt sie. Anne Römeth will jetzt Peggy Sue sein.

Einen Tag vorher sahen 2000 Menschen, wie diese Peggy Sue um kurz vor halb neun auf die Freilichtbühne tänzelte. Wallendes rotes Haar, orangene Schürze, schwarze Highheels. Die Burger-Verkäuferin im Musiktheater „Blues Brothers“ ist ein einziges Klischee. Sie wirkt wie aus der Zeit gefallen, wenn sie den Musikern auf der Bühne zuwinkt, mit dem Po wackelt, die Männer anflirtet oder verträumt an einem Tisch sitzt. Aber sie zieht das Publikum sofort auf ihre Seite. Eine extrovertierte Figur, aber kein bisschen emanzipiert. Peggy Sue ist das Gegenteil von Anne Römeth.

Die führt jetzt durch die Kulisse, vorbei an den Autoscootern, die am Abend blinken, und der Bühne, auf der die Blues Brothers später spielen werden. Sie öffnet einen Vorhang zu dem bunten Restaurant mit den trüben Scheiben und dem großen Burger auf dem Dach. Hier zieht sie sich während der Show um, es ist für fünf Wochen ihr Reich. Dass Römeth, die in Augsburg aufgewachsen ist, bei den „Blues Brothers“ mitspielen darf, ist „ein großes Glück“ und das Engagement ein bisschen Zufall, sagt sie. Vor allem aber hat sie sich das erarbeitet.

Tagsüber Anne, abends Peggy Sue

Mit 13 Jahren spielt Römeth ihre erste Rolle am Theater Augsburg. „Mein Herz hat danach Feuer gefangen“, sagt Römeth und lächelt. Am Stettenschen Institut nimmt sie danach jede Rolle an, die sie bekommen kann, macht ihr Abitur, schließt in Dresden eine Ballettausbildung ab, dann in München eine Ausbildung zur Schauspielerin. Der Ehrgeiz treibt Römeth an. Manchmal singt sie so lange, bis sie heiser ist. Auch heute noch.

Das Leben als Schauspielerin fordert sie. Sieben Wochen lang dauerten die Proben für die „Blues Brothers“, acht Stunden jeden Tag. Acht Stunden auf Highheels, acht Stunden Hitze, Regen, Kälte. Vor und nach solchen Engagements muss sie nach Jobs suchen, sich bewerben, vorsprechen. Man glaubt Römeth, wenn sie sagt, dass es ihr bei dem Beruf nicht auf das Geld ankomme. „Das ist Idealismus pur.“

Auf der Bühne richten Arbeiter inzwischen alles für den Abend her, eine Stylistin ordnet die Strähnen an der rote Perücke, die Römeth später tragen wird. Sie ist nach jedem Auftritt zerzaust. Römeth hilft es, auf der Bühne eine Maske zu tragen. Und die hohen Schuhe helfen auch, weil sich durch sie sofort die Körperhaltung ändert. Es ist dann leichter, eine andere Rolle zu spielen. Die Verwandlung von Anne Römeth zu Peggy Sue und zurück ist einfacher. Außerdem saßen bei Römeth noch nie so viele Menschen im Publikum. Sie spielte schon größere Rollen, zum Beispiel an der Bayerischen Staatsoper in München. Aber diesmal werden sie 40000 Menschen gesehen haben, wenn am Abend des 1. August alles vorbei ist. Und das ausgerechnet in Augsburg, der Stadt, in der sie zwar aufgewachsen ist, aber beruflich nie Fuß fassen konnte. „Ich werde schon komisch angeschaut, weil ich kurze Haare habe“, sagt sie. In Dresden, in Berlin? Da spiele das keine Rolle. Und deswegen will sie es jetzt in der Hauptstadt versuchen.

Eine Filmrolle wäre schön. Am besten im Kino, sagt Römeth. Und während sie es sagt, lächelt sie und sieht so aus, als male sie sich die Situation im Kopf aus. Dabei könnte sie es bald schaffen. Nur: Es fehlen noch 20000 US-Dollar für den Film „Fiese Mienen“, die ihr Münchner Filmteam im Internet sammeln will. Dann ist es 18 Uhr, bald muss Römeth in die Maske. Wallendes rotes Haar, cremebrauner Rock, orangene Schürze, schwarze Highheels. Eine dreiviertel Stunde dauert das, dann geht sie auf die Bühne bei knapp 30 Grad Celsius. Tanzt, singt, hüpft, zieht sich schnell im Burger-Restaurant um, weil sie zwischenzeitlich eine Nonne spielt.

Der Auftritt als Peggy Sue wird anders sein als der am Vortag, in ihrer Rolle darf sie viel improvisieren. Trotzdem ist Römeth dann wieder eine andere Person. Gestatten, Peggy Sue, Burger-Verkäuferin. Zumindest für zweieinhalb Stunden.

ist ein Low-Budget-Film mit Anne Römeth, den Crowdfunding (www.indiegogo.com) bezahlen soll

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