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23.02.2013

Taugt Theater überhaupt noch?

Über die Schwerfälligkeit des etablierten Kulturbetriebs, den vielkulturellen Wandel der Stadtgesellschaft und nötige künstlerische Freiräume stritt sich Intendantin Juliane Votteler im Presseclub mit entschiedenen Kritikern

Und wenn es keine einzige Aufführung mehr gäbe am Theater Augsburg – die Beleuchter, Bühnenbauer, Kulissenmaler, Kostümschneider, die Schauspieler, Dramaturgen, Orchestermusiker und Balletttänzer stünden immer noch in Lohn und Brot. 85 Prozent ihres Jahresetats von 23 Millionen Euro seien fix gebunden für Personal und Betrieb, rechnete Intendantin Juliane Votteler beim Podium „Droht der Kulturinfarkt?“ des Presseclubs Augsburg vor. Und wo bleibt der Bühne der finanzielle Freiraum, auf neue gesellschaftliche Entwicklungen künstlerisch-kreativ zu reagieren?

Pius Knüsel, der Direktor der Schweizer Kulturstiftung „Pro Helvetia“ und Mitautor des provokanten Buches „Der Kulturinfarkt“, kam in der Diskussion am Donnerstagabend auf der Brechtbühne immer wieder darauf zurück. Viel zu gemütlich habe sich der öffentliche Kulturbetrieb im „Rechtfertigungskonsens“ eingerichtet, getreu dem Motto: „Hauptsache, der Rubel rollt.“ Doch für wen arbeiten die subventionierten Theater, Konzerthäuser und Museen noch? Erreichen sie mit ihren Angeboten die Jungen, die Migranten, die sozial Deklassierten? Pius Knüsel erinnerte daran, dass bislang alle innovativen kulturellen Ausdrucksformen aus der freien, wilden Szene kamen – sei es der Punk, der Rap oder die Ästhetik der Computerspiele. Der Politik wies der Schweizer die Aufgabe zu, bei der Beratung der finanziellen Ausstattung den Kulturinstitutionen „einen anderen Auftrag“ zu erteilen. Ansonsten sollten sie der Kunst volle Freiheit lassen.

Intendanten-Arroganz: Kunst stört sich nicht am Publikum

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Meinhard Motzko, der als Sozialwissenschaftler deutsche Kultureinrichtungen – derzeit auch die Augsburger Stadtbücherei – berät, forderte von diesen, sich interkulturell auch für andere Bevölkerungskreise zu öffnen. Es gelte, ein Publikum zu entwickeln, das einem Abbild der Gegenwartsgesellschaft entspricht, – „und dann alle Kreativität darauf verwenden, es zu erreichen“. Vorbei sein müssten die Zeiten elitären Anspruchs, für Motzko exemplarisch ausgedrückt im Ausspruch eines arroganten Intendanten: „Kunst stört sich nicht am Publikum.“

Was alles möglich ist, erläuterte Motzko anhand von Erfahrungen des von ihm begleiteten Referats für interkulturelle Bildung der Landesregierung von Nordrhein-Westfalen. Stadttheater schickten ihre Schauspieler hinaus zu Jugendlichen in kaputten Stadtteilen, um diese zu ermutigen, Visionen ihrer Zukunft im Theater darzustellen. Woanders konnte gegen große Widerstände das Treffen der besten Migrantenchöre in den heiligen Hallen des Theaters stattfinden. Zweifel daran, ob die musikalische Darbietung dem Anspruch der Profis gerecht wird, zerstreuten sich beim Auftritt.

Auch das Publikum erhebe einen Anspruch auf Professionalität, erwiderte die Augsburger Intendantin. „Ein hohes c ist ein hohes c und die Sängerin muss es bringen, wenn die Oper es verlangt“, sagte sie. Ein modernes Stadttheater müsse jedoch ein vielfältiges Angebot unterbreiten, sodass einmal die Alten und einmal die Jungen kommen. Allerdings stehe das Haus unter der politischen Vorgabe, einen bestimmten Ertrag zu erwirtschaften. „Längst hat die Ökonomie bei uns Einzug gehalten. Früher hieß es: Kultur macht reich. Heute sagt man: Kultur muss sich rechnen“, erklärte Juliane Votteler. Die Bude muss gut besucht sein.

Die Intendantin wünschte sich einen Konsens unter den Stadtratsfraktionen, was eigentlich Kultur sein soll. „Mein großer Glaube heißt: Kunst, Soziales und Bildung gehören zusammen.“ Deshalb beglücken sie Initiativen wie „Mehr Musik!“ und die Theaterpädagogik, die auch (Schul-)Kinder bildungsferner Schichten erreichen.

Taugt Theater überhaupt noch für heutige Kulturbedürfnisse? Die von Kurt Idrizovic und Horst Thieme moderierte Presseclubdiskussion endete im Grundsätzlichen. Motzko riet den Augsburgern, auf jeden Fall vor der kostspieligen Renovierung des Theaters die Bürger zu befragen, welches Theater sie wollen. „Sonst legen es die Bauleute fest.“ Die Aura eines Hauses entscheide, welches Publikum hineingeht. Den Standort radikal in Frage stellte als Zuhörer Peter Bommas (Kulturpark West): „Warum nicht ein ganz neues Theaterhaus im Textilviertel bauen, anstatt für 100 Millionen den Kulturtempel aufzupolieren?“

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