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Ausstellung

22.07.2014

Teppich trifft Plexiglas

Kunstverein Aichach zeigt Arbeiten von Sebastian Kuhn

Die Halle aus den 1930er Jahren ist riesig, schmucklos, weitläufig und leer. Seit die Bundeswehr, die hier unweit der Paar in Aichach ein Sanitätsdepot unterhielt, ausgezogen ist, nutzt der örtliche Kunstverein seit kurzem das von der Stadt überlassene „SanDepot“ für Ausstellungsprojekte. Doch wie bespielt man einen solchen durchaus einschüchternden Riesenraum mit gut 600 Quadratmetern Fläche, meterhoch sich aufwölbend, Betonboden?

Der Kunstverein Aichach, bestehend seit 1984 und derzeit 174 Mitglieder zählend, ist da in keiner Verlegenheit. Auch die aktuelle Ausstellung „Afterglow“ mit neuen Plastiken und großen Installationen von Sebastian Kuhn ist wie geschaffen für diesen Ort. Für Kuhns markante Materialmix-Arbeiten könnte man sich tatsächlich keinen besseren Rahmen wünschen – und es spricht für den Aichacher Kunstverein, dass man sich vom Raumangebot nicht dazu verleiten ließ, zu viel unterzubringen, sondern in Kooperation mit dem Künstler Gespür für Beschränkung und Wirkung bewies. Zwölf Arbeiten, mehr nicht.

Sebastian Kuhn, geboren 1977 in Krumbach, arbeitet seit einigen Jahren in einem großen Atelier auf dem ehemaligen AEG-Gelände in Nürnberg. In Nürnberg hat er auch an der Akademie studiert – bei den Professoren Tim Scott und Klaus Bury. Es folgten Studienaufenthalte in Chile, Japan, England und den USA und diverse Preise und Stipendien. Kuhn ist auch Hobbymusiker. Und ein Gespür für Rhythmus und Musikalität, so findet Kunstvereinsvorsitzender Jakob Steinberger, verraten auch seine Kunstwerke.

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Dieser Bildhauer arbeitet mit Licht und Farbe, Materialien aus der Industrie und ungewöhnlichen Kombinationen von Stoffen, die sich so nur in seinem Werk begegnen. Häufig nimmt Kuhn ein Fundstück aus der Industrie als Ausgangspunkt für seine komplexen und handwerklich ebenso kühnen wie aufwendigen Materialcollagen und abstrakten Gebilde. Aus dem weiß emaillierten Teil eines AEG-Haushaltsgerätes als „Plattform“ beispielsweise lässt der Künstler einen Strauß von in den Raum sich biegenden, krümmenden und spreizenden farbigen Plexiglasstücken wachsen.

Raffiniert spielt Kuhn mit Licht- und Farbeffekten, Spiegelungen und gebrochenen Perspektiven. Viele seiner Werke lassen sich als dynamische Malerei im Raum lesen. Wildwuchs in 3D: Zwischen seinen mal schroffen, mal eleganten Scheiben, Stäben, Spitzen und Bögen verarbeitet Sebastian Kuhn Teppichstücke oder auch einmal Schwammkissen, wie sie in Postämtern zum Anfeuchten der Briefmarken standen. So chaotisch und von auseinanderstrebenden Kräften unter Spannung gehaltenen „Material-Bastarde“ (Ulrike Lorenz, Kunsthalle Mannheim) auch erscheinen mögen – die Plastiken vermitteln durch ihre perfekte Verarbeitung und formale Ausgereiftheit auch Erhabenheit und Eleganz. Kuhn nimmt immer wieder Bezug auf die Kunstgeschichte – von Caravaggio bis Claes Oldenburg.

Raumgreifend und imposant ist die größte Arbeit der Ausstellung: „Counter/ ReliefCorner“ ist eine über vier Meter hohe Stahlwand auf Rädern, die Kuhn als eine Art rechtwinklig abgeknickten Paravant in die Mitte der Halle gestellt hat, wo er von jeder Seite anders zu betrachten ist. Die Stirnseite wirkt wie ein gewaltiges Gemälde von Mondrian. Über die Wand hat der Künstler Bahnen verschiedener Stoffen geworfen – Plastik, Teppich, Seide, Tuch. Zu sehen, wie der 37-Jährige aus Krumbach dieses Monster-„Fundstück“ in ein mehrdimensionales Kunstwerk verwandelt hat, ist allein den Besuch der Halle wert.

Donauwörther Straße 36, Aichach. Geöffnet Sa/ So von 14 bis 18 Uhr und nach Vereinbarung

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