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04.06.2018

Textilfirma Dierig - Von Aufbrüchen, Krisen und Neuanfängen

Diese Aufnahme der Firma Dierig stammt aus den 1950er Jahren. Es entstand in der so genannten Einlegerei. Das Unternehmen zählte damals zu den größten in Westdeutschland.
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Diese Aufnahme der Firma Dierig stammt aus den 1950er Jahren. Es entstand in der so genannten Einlegerei. Das Unternehmen zählte damals zu den größten in Westdeutschland.
Bild: Dierig Holding AG

Plus Vor hundert Jahren kam die Textilerfamilie Dierig nach Augsburg. Sie baute einen der größten Textilkonzerne auf - und sie erlebte den Niedergang der Branche.

An manchen Tagen wurde die Bettwäsche mit Lastern vom Hof gefahren. Auslieferung in Massen. „Das waren gute Zeiten“, sagt Wolfgang Wöcherl. Doch er erlebte auch schlechte: „Als Quelle einging, war das schlimm. Als die Produktion von Textilien immer mehr ins Ausland verlegt wurde, auch. Ich wusste oft nicht, wie lange das im Unternehmen noch geht.“

Dierig entwickelte sich zu einer der größten Textilfirmen bundesweit

Für Wolfgang Wöcherl ging es 40 Jahre – von der Lehre bis zur Rente. Die Dierig Holding AG war für ihn in all der Zeit stets mehr Familie als Firma. Das Unternehmen selbst hält sich trotz wirtschaftlicher Krisen bis heute und ist damit der einzige Augsburger Textilkonzern, der noch in großem Stil im Geschäft ist. Und dieses Jahr kann Dierig sogar feiern: sein 100-Jähriges Bestehen in Augsburg.

Gegründet wurde die Firma bereits früher. Christian Gottlob Dierig war 24, als er 1805 im damals schlesischen Langenbielau mit zehn Talern Startkapital ein eigenes Geschäft begann. Er kaufte Garne, gab sie an Handweber weiter und verkaufte die fertigen Gewebe auf den Märkten umliegender Städte.

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25 Jahre später baute er seine erste Fabrik – ein Meilenstein in der Entwicklung des Familienunternehmens, das heute in siebter Generation geführt wird. 1918 schließlich expandierte Dierig mit der Übernahme der Mechanischen Weberei am Augsburger Mühlbach in den Westen. Im Nachhinein betrachtet der richtige Schritt: 20 Jahre später zählte Dierig mit knapp 18.900 Beschäftigten zu den größten Textilunternehmen Deutschlands.

Seitdem hat das Unternehmen Höhen und Tiefen erlebt. Der Zusammenbruch der deutschen Textilindustrie ging auch an Dierig nicht spurlos vorbei. In den 1990er Jahren wiesen die Konten der Firma 250 Millionen Mark Schulden aus. Die Familie entschied sich zu einem schweren Schritt, verkaufte Maschinen und Anlagen, sechs Wasserkraftwerke und immer wieder Fabrikgebäude. Ein Teil der Einnahmen floss in Sozialpläne für die Mitarbeiter, noch heute bessert die Holding die Renten von fast 1000 ehemaligen Werksangehörigen mit ihren Einnahmen auf.

So blickt die Firma Dierig heute in die Zukunft

Wechsel von der Geschichte in die Gegenwart – oder besser: in die Zukunft. Im Besprechungszimmer der Holding an der Pferseer Kirchbergstraße sind rund um den Konferenztisch einige Sets der aktuellen Bettwäsche-Kollektion ausgestellt. Der Blick aufs Produkt, er ist bei allen Sitzungen präsent. Heute haben nur Ellen Dinges-Dierig und Benjamin Dierig am Tisch Platz genommen – die neue, die siebte Generation. Vor wenigen Wochen sind die beiden in den Vorstand der Dierig Holding AG aufgestiegen. Mit Christian Dierig leiten sie die Firma nun zu dritt.

Die Verantwortung für das Unternehmen und die knapp 200 Mitarbeiter ist den beiden – Cousin und Cousine – bewusst: „Man will ja nicht die Generation sein, die es an die Wand fährt.“ Beide überlegten sich ihren Schritt, in die Führungsetage einzusteigen, genau. Am Ende überzeugte sie etwas, das sie gleichermaßen überraschte: „Wir hatten vorher mit der Firma nie sehr viel zu tun. Als ich zum ersten Mal einen Einblick bekam, war ich erstaunt, weil das Unternehmen nicht so verstaubt war, wie ich es mir immer vorgestellt hatte“, sagt Ellen Dinges-Dierig lachend.

Tatsächlich hat sich die Firma nach dem Niedergang der Textilindustrie neu erfunden: Mit dem Einstieg in die Immobiliensparte schuf sich die Holding ein zweites Standbein. Erst wurden nur eigene Fabrikanlagen umgewandelt, inzwischen kauft Dierig auch Gewerbeimmobilien auf und wandelt sie um.

100 Jahre Dierig in Augsburg - Empfang in Pfersee

Ein Beispiel ist der Augsburger Schlachthof, auf dem in den vergangenen Jahren mehrere Gastronomien, Büros und andere Einrichtungen entstand. Mit dem Einstieg beim Augsburger Makler Peter Wagner wird die Dierig Holding AG ihr Angebot um Serviceleistungen rund um Immobilien erweitern.

Ellen Dinges-Dierig und Benjamin Dierig – sie Wirtschaftsprüferin und Unternehmensberaterin, er studierter Architekt und Betriebswirtschaftler – haben also schon zu Beginn ihrer Aufgabe neue Herausforderungen vor sich.

Das Hundertjährige in Augsburg wird gefeiert: Am Freitag gibt es unter dem Motto „100 Jahre Dierig an Lech & Wertach“ einen Empfang in der Pferseer Kirchbergstraße.

In diesem Rahmen wird auch eine besondere Chronik vorgestellt: Die Geschichte der Dierigs in Augsburg hat der Vorstand im Buch „1918 - 2018: Stoff für Augsburg“ zusammengetragen. Ellen Dinges-Dierig und Benjamin Dierig haben an der Zusammenstellung mitgearbeitet und sich dabei auf Spurensuche begeben – in der Geschichte „ihrer“ neuen Firma und in Augsburg.

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