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Vortrag

19.02.2015

Theologe des Kompromisses

Abend in St. Anna würdigt Ernst Troeltsch zum 150. Geburtstag

Thomas Mann bescheinigte ihm, er bemühe sich in „bewundernswürdiger Präzision und überzeugender Weise“ um eine Wiederannäherung des deutschen Geistes an westeuropäisches Denken. Ernst Troeltsch solle man unbedingt lesen.

Kurz nach dem Ersten Weltkrieg war eine solche Empfehlung keine Selbstverständlichkeit. Und der Mann, dem sie galt, war eine Ausnahmeerscheinung unter den deutschen Intellektuellen. Troeltsch, vor 150 Jahren in Haunstetten geboren, entwickelte als evangelischer Theologe eine moderne Ethik des Kompromisses.

Der Vorsitzende der Ernst- Troeltsch-Gesellschaft, Prof. Friedrich Wilhelm Graf, stellte sie an dessen Geburtstag in einem Festvortrag in St. Anna vor. Troeltsch habe den Protestantismus „pluralismusfähig“ gemacht. In Studien arbeitete er heraus, dass es nicht die eine christliche Ethik gibt, sondern ganz unterschiedliche Modelle des guten Zusammenlebens, sei es in einer Amtskirche, in einer Sekte oder im idealistischen Zirkel von Mystikern. Sie alle fußen auf der Bibel und legen die Liebe als ihr Prinzip zugrunde. Die aber ließ sich „in Wirtschaft und Politik der Neuzeit nicht leicht als regulatives Prinzip durchsetzen“, sagte der Münchner Theologe. Also war die protestantische Ethik je nach Einsatzfeld „immer zu Kompromissen genötigt“, so analysierte es damals Troeltsch. Will die Kirche in der Demokratie bestehen, sollte sie sich „elastisch“ für unterschiedliche Frömmigkeitsstile öffnen.

Als einer der wichtigsten Kriegsintellektuellen, so Prof. Graf, nahm Troeltsch eine moderate Position in der erbitterten ideologischen Auseinandersetzung der europäischen Nationen ein. Zwischen der deutschen Idee von Freiheit in sozialen Pflichten und dem englischen Konzept einer liberalen, demokratischen Freiheit versuchte Troeltsch zu vermitteln. Während des Kriegs hielt er Seminare über Marx und las über britische und französische Theoretiker. Seinem Andenken in den 30er Jahren tat es nicht gut: Nachhaltig ächteten die Nationalsozialisten Ernst Troeltsch.

Stadtdekanin Susanne Kasch, die den Festabend eröffnete, erzählte von der Wiederentdeckung: Ihr Vater hatte sich vor über einem halben Jahrhundert als einer der ersten deutschen Theologen neu mit Troeltsch beschäftigt.

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