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Konzert in Augsburg

14.11.2018

Tocotronic bescheren Augsburg einen Gänsehautmoment

Rick McPhail und Dirk von Lowtzow (von links) an den Gitarren sowie Arne Zank (Drums) und Jan Müller (Bass) sind Tocotronic.
Bild: Annette Zoepf

Mit dem neuen Album „Die Unendlichkeit“ betreibt Dirk von Lowtzow Biografiearbeit – und sorgt live für einen Gänsehautmoment.

Die nächste Platte ist immer die schwerste – der angeblich intelligentesten deutschen Popband auf dem Niveau von Fußballplatz-Philosophen gegenüberzutreten, klingt erst mal anmaßend. Aber die Tocotronic-Diskografie der vergangenen 25 Jahren spricht nun mal wirklich eine eindeutige Sprache: Die Band macht seit jeher schrammeligen, manchmal etwas strapaziösen Indierock – aber als Gesamtwerk bezeugt jede Platte eine musikalische und persönliche Weiterentwicklung.

Wut und Außenseitertum haben Dirk von Lowtzow und Kollegen in Hamburg in den Probenraum getrieben. Mit dem schnellen Erfolg haben Sturm und Drang etwas nachgelassen. Als Stars, die keine sein wollen, sind die Musiker mit Cordhose und Trainingsjacke weiter marschiert in die Bibliothek des Philosophieseminars. Bevor der selbst geschaffene Elfenbeinturm aus Theorien und Verweisen zum Gefängnis werden drohte, haben sie nun rechtzeitig die Türen wieder aufgestoßen. Ein biografisches Album ist „Die Unendlichkeit“, mit dem Tocotronic seit Anfang des Jahres auf Tour sind und nun endlich wieder einmal in der Augsburger Kantine zu erleben waren.

Um 20.15 Uhr gehen vier Musiker auf die Bühne, sagen höflich guten Tag und legen los – was sich in 25 Jahren Band-Geschichte im Kern nicht verändert hat, ist die schnörkellose Form eines Tocotronic-Konzerts. Mit „Die Unendlichkeit“ und „Electric Guitar“ vom neuen Album beginnt das Set. Biografisch ist die chronologisch geordnete Platte in erster Linie für von Lowtzow, der die Songs geschrieben hat. Aber der altersmilde, abgeklärte Blick auf Kindheit und Jugend in der Provinz, auf die Gefühle von Verlassenheit und Unverstandensein bieten breite Anschlussmöglichkeit.

Es wird geschoben und getanzt wie vor zwanzig Jahren

Direkter – und ob man es will oder nicht – nostalgischer wird die Reise in die Vergangenheit für das Publikum mit dem nächsten Programmblock: „Let there be Rock“, „Drüben auf dem Hügel“, „Hi Freaks“, „Kapitulation“, … – das Durchschnittsalter im ausverkauften Flammensaal dürfte hart an den 40 Jahren kratzen, vor der Bühne wird inzwischen aber geschoben und getanzt wie vor zwanzig Jahren.

Textlastigkeit und Verkopftheit vieler Songs mögen Tocotronic auch im Feuilleton kanonisiert haben. Der Weg dahin ging aber über die Hirnareale, die nicht für das Denken, sondern für das Fühlen verantwortlich sind: ein präzises Schlagwerk, ein treibender Bass und zwei ordentlich verstärkte Gitarren, die sich beim Ackern und Pirouetten drehen blind verstehen – das ist schon mal keine schlechte Voraussetzung für den Erfolg einer Indie-Band. Doch gerade als die Party auf dem Höhepunkt ist, bringt von Lowtzow den Saal zum Schweigen.

Ganz allein, getaucht in blaues Licht und nur begleitet von seiner Gitarre, singt er mit „Unwiederbringlich“ über den Tod eines engen Jugendfreunds: „Dein Tod war angekündigt, das Leben ging dir aus. Unwiederbringlich schlich es aus dir hinaus…“ Ein Gänsehautmoment – der natürlich gleich wieder gekontert wird.

Am Ende bleibt es bei vier Songs aus dem neuen Album. Um 21.30 Uhr ist mit dem Ende von „Letztes Jahr im Sommer“ der Hauptteil des Konzerts vorbei. Als Zugabe gibt es noch „Mein Ruin“ und „Explosion“, zur zweiten Zugaberunde „Explosion“. War das alles? Nicht ganz.

Ein Tocotronic-Konzert ohne „Freiburg“ wäre nicht vollständig. Als die Hälfte des Saals schon leer ist, nur noch die unverbrüchlichsten Fans vor der Bühne ausharren kommen die vier noch einmal rauf zum letzten Akt. Großer Jubel. Die eigenen Songs nie zu wichtig nehmen. Keine Posen. Mit Distanz auf das blicken, was man tut. So kann man alt werden als Band – und im reifen Alter Songs aus der Jugend spielen, ohne peinlich zu werden. Da sind noch mehr Alben drin.

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