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Tödliche Attacke in Augsburg: Es gibt kein Recht auf eigene Fakten

Tödliche Attacke in Augsburg: Es gibt kein Recht auf eigene Fakten
Kommentar Von Gregor Peter Schmitz
13.12.2019

Nach der Tötung eines Mannes mitten in Augsburg standen Medien wie Polizei blitzschnell im Kreuzfeuer. Dabei haben beide nur ihre Arbeit gemacht.

Journalismus ist kein Beruf für Helden. Das soll nicht heißen, dass es nicht durchaus heldenhafte Journalisten gibt. Aber wer diesen Beruf ergreift, um sich jeden Tag als Weltretter feiern zu lassen, hat den Beruf ziemlich sicher verfehlt.

Journalismus ist: in erster Linie Handwerk. Das verbindet uns etwa mit Polizisten. Wir alle müssen Fakten zusammentragen, Fakten auch beschützen, damit diese Gesellschaft funktioniert. Ohne faktentreue Medien klappt Demokratie nicht. Ohne den Fakten verpflichtete Polizisten ebenfalls nicht.

Vor ziemlich genau einer Woche standen all diese Leitlinien auf einmal im Kreuzfeuer. Am späten Abend ereignete sich das furchbare Tötungsdelikt auf dem Augsburger Königsplatz. Schon wenig später war in „sozialen Netzwerken“ vielen ganz vieles klar. Etwa, dass eine Vertuschung der Täternationalität liefe, orchestriert, na klar, von Medien und Polizei.

Tödliche Attacke in Augsburg: Es gibt kein Recht auf eigene Fakten

Tödliche Attacke am Kö: In einem Rechtsstaat zählen die Fakten

Nur, klar war da noch gar nichts. Es wurde ermittelt, es wurden Fakten zusammengetragen, es wurde recherchiert. Man muss – Handwerk! – in solchen Fällen alles untersuchen, alle Fakten prüfen. Man muss in einem demokratischen Rechtsstaat auf der Basis von Fakten handeln, statt mit Vorurteilen oder Vorverurteilungen.

Das ist unsere Währung als freie Presse, genau wie die der Justiz. Und diese verliert auch nicht ihren Wert nach der Festnahme der mutmaßlichen Täter – als manche der zuvor so lauten Beobachter enttäuscht wirkten, dass es sich nicht um „echte“ Flüchtlinge handelte, aber doch erleichtert, dass diese immerhin Migrationshintergrund aufwiesen (es ist übrigens erstaunlich, wie viele sich wahnsinnig für Täter interessieren, für Opfer jedoch erstaunlich wenig).

Feuerwehrmann Königsplatz Tötungsdelikt Polizeipräsenz, starke Polizeipräsenz am Königsplatz nachts am Tatort Gedenken unter Polizeischutz
Bild: Annette Zoepf

Doch was erklärt das genau? Unser Autor Stefan Krog schrieb: „Ob Jugendliche kriminell werden oder nicht, entscheidet nicht der genetische, sondern der soziale Hintergrund. Wer in schwierigen Verhältnissen aufwächst, und das ist bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund etwa aufgrund schlechterer Sprachkenntnisse der Fall, wird nicht automatisch kriminell, aber er hat ein höheres Risiko. Das ist keine Entschuldigung, aber eine Erklärung. Und in einer aufgeklärten Gesellschaft sind Erklärungen der Ansatz für Lösungen.“

Journalisten wägen ab, wie groß das öffentliche Interesse ist

Krog hat dafür Zuschriften bekommen, die ich Ihnen nicht vorenthalten will. Darin steht etwa (für einen so stolzen Deutschen übrigens mit erstaunlich vielen Rechtschreibfehlern, die ich Ihnen hier erspare): Ihr Dreckslumpen von der Müllpresse, macht das Maul zu. Wer wie Ihr sein Vaterland verrät und die eigene Fahne hasst, gehört aus dem Land gejagt. Elende Dreckspresse, in die Tonne mit Euch! Wieso eigentlich habt Ihr Dreckschweine die Nationalitäten der Weihnachtsmarktmörder geheim zu halten versucht? Wenn das Volk in Augsburg aufsteht, wird die Redaktion dieses Drecksblattes brennen und Ihr Journutten werdet das Laufen lernen und doch wird man Euch einholen und der Gerechtigkeit zuführen, Gnade euch Gott. Dann werdet Ihr bezahlen!“

Dazu nur kurz: Weder die Polizei noch wir Medien machen es uns leicht, wenn es um die Nennung von Nationalitäten geht. Polizisten wägen das Ermittlungsinteresse ab, wir das öffentliche Interesse. Uns für derlei Abwägung zu beschimpfen (wie auch den Oberbürgermeister Kurt Gribl, als er es wagte, in einer Traueranzeige für den getöteten Feuerwehrmann Vorverurteilungen zu vermeiden), verhöhnt demokratische Abwägung, die uns gerade von Autokratien unterscheidet.

Viele der wütendsten Zuschriften enden übrigens mit dem Hinweis, auch „alternative Medien“ würden informieren. Es ist natürlich das Recht eines jeden Demokraten, sich eigenen Medien zuzuwenden. Aber es gibt in einer Demokratie kein Recht auf eigene Fakten.

Übersicht: Alle Artikel zur tödlichen Attacke in Augsburg auf einen Blick

In einer aktuellen Folge unseres Podcasts erklärt Reporter Stefan Krog die Hintergründe der Tat am Königsplatz – und erzählt, wie Journalisten mit dem Fall umgehen. Den Podcast "Augsburg, meine Stadt" finden Sie auf Spotify, iTunes und überall sonst, wo es Podcasts gibt.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

16.12.2019

Ich bin sehr dankbar für den Kommentar von Stefan Kroog. Er war mutig und an dieser Stelle mehr als richtig. Die fehlende Empathie unserer Zeit, Sensationsgier, wenn etwas passiert, Hasse und Hetze gegen Menschen, die nicht in die engen Köpfe der Verbreiter passen, das ist beängstigend und beschämend. Und es ist gut, wenn die Zeitung dem nicht nachgibt, sondern durch fundierte Berichterstattug punktet. Es ist nicht wirklich wichtig, welcher Nationalität und welcher Herkunft Täter und Opfer waren – Gewalt gegen Menschen ist immer ein Verbrechen. Die Nationalität spielt keine Rolle.

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16.12.2019

Der Kommentar hat natürlich Recht. Gerade deshalb sollte neben dem aktuellen Fall eine möglichst differenzierte und umfassende Analyse der Kriminalstatistik im Vordergrund der Berichterstattung stehen.
Also: Fakten, Fakten und Fakten!

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13.12.2019

Der aktuelle Fall eines vermutlichen Totschlags am Königsplatz klärte eben auch blitzschnell, dass es in vielen Beiträgen nicht um Stellungnahmen ging, sondern darum, den Fall in ein waffen-ähnliches Konstrukt gegen beliebige Organisationen und Zuständige umzuwandeln. Und damit gegen unsere Rechtsordnung.

Eine Polizei, die in extrem kurzer Zeit den Sachverhalt lösen konnte und auch die Presse, die sehr kurzzeitig über die Entwicklungen berichtet hat, wie auch die AZ, sind diesem Mob zutiefst verachtenswert, da sie einfach ihre Arbeit gemacht haben und die Stimmen der Gosse nicht als gleichberechtigte Partner akzeptiert haben.

Nur, das ist die wehrhafte Demokratie, die von uns erwartet, dass wir gegen die Zerstörung von Gegnern der bestehenden Ordnung Stellung beziehen.

Und die Gegner unseres Grundgesetzes sind zahlreich.

Daneben ist es natürlich richtig, dass im öffentlichen Raum zu oft ein Vorgang verbal retuschiert oder konstruiert wird. Fehlende Distanz ist oftmals beklagenswert, ja, manchmal bis hin zur Manipulation.

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13.12.2019

Da sieht der Chefredakteur wohl einiges durch seine Journalistenbrille. Auch Journalisten, und da meine ich nicht nur die der AZ, ergießen sich manchmal (oder öfters (ich führe kein Buch darüber)) in Mutmaßungen und Verdächtigungen die sich irgendwann als haltlos herausstellen. Und selbst wenn solche Äußerungen noch als Kommentar gekennzeichnet sind, also eine persönliche Meinung des Autors wiedergeben, sollte man doch immer im Hinterkopf haben, daß Kommentare sehr oft als Tatsachen aufgenommen werden.

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14.12.2019

Ich erinnere in dem Zusammenhang an das Video, dass der Anwalt eines der Beschuldigten in die Presse lancieren durfte, nebst seinen Ansichten dazu. Ob diese Art der öffentlichen "Diskussion" der Sache nützt, ist mehr als fraglich. Vielmehr entsteht der Verdacht, dass hier mit scheinbaren Skandalen Zeilen geschunden werden sollen. Der Verfasser des Kommentars hat Recht, wenn er von Abwägen spricht, das sogenannte öffentliche Interesse, d. h. die angenommene Attraktion für den Leser, taugt als moralischer Maßstab sicherlich nicht.

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