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Augsburg

14.07.2015

Trendsport Parkour: Wenn die Innenstadt zum Spielplatz wird

Michael „Mike“ Thümmler zeigt, was Parkour ist: Die Traceure suchen sich eigenwillige und herausfordernde Wege durch die Hindernisse der Stadt.
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Michael „Mike“ Thümmler zeigt, was Parkour ist: Die Traceure suchen sich eigenwillige und herausfordernde Wege durch die Hindernisse der Stadt.
Bild: Michael Eichhammer

Einer junge Trendsport-Bewegung erobert die Augsburger Innenstadt: Wer Parkour betreibt, geht seine eigenen Wege – sogar in der Vertikalen.

Als wäre die ganze Stadt Augsburg nichts anderes als ein überdimensionaler Spielplatz. Sportler, die Parkour betreiben, bewegen sich auf ihren eigenen Wegen in der Innenstadt. Die meisten Menschen reagieren positiv auf die herumtollenden Privat-Akrobaten. „Oft entstehen interessante Gespräche“, sagt Michael Thümmler. In der Augsburger Parkour-Community ist er besser bekannt als Mike. Das Kind im Manne herumtollen zu lassen, ist zwar Teil seiner Philosophie, doch für den 32-Jährigen ist Parkour mehr als nur ein Kinderspiel. „Wenn ich versuche, mich möglichst effizient im urbanen Raum oder der Natur fortzubewegen, lerne ich auch viel über mich selbst“, findet er. Seine Leidenschaft für Parkour hat er zum Beruf gemacht.

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Als Geschäftsführer von Parkour-One Augsburg vermittelt er sein Können und seine Begeisterung an den kletternden und springenden Nachwuchs. Parkour-One ist ein Netzwerk aus Traceuren, das hierzulande neben Augsburg auch in Berlin, Köln, Hannover und Hamburg aktiv ist, außerdem in der Schweiz und in den Niederlanden. Es entstand aus einem Zusammentreffen der deutschsprachigen Pioniere der Szene mit dem Franzosen David Belle, dem geistigen Vater des Parkour.

Parkour als Jugendarbeit in Augsburg

Für Mike ist Parkour ein ideales Werkzeug im Bereich der Jugendarbeit, da Probleme in der Schule oder der Familie auf eine Weise thematisiert werden können, die Jugendliche anspricht. „Parkour lehrt, sich mit Problemen zu beschäftigen und eine Lösung zu finden, anstatt davor wegzulaufen“, sagt er. Die Hindernisse, die es im Training zu überwinden gilt, werden zur Metapher für Hindernisse im Alltag. „Gerade unter Jüngeren ist es tabu, Schwäche zu zeigen.“ Beim Parkour lernen sie, eigene Grenzen zu erkennen und zu überschreiten, aber auch Schwächen zu akzeptieren – nicht nur durch körperliche Erfahrungen, sondern auch durch Gespräche in der familiären Atmosphäre.

Trendsport Parkour: Wenn die Innenstadt zum Spielplatz wird

Der Unterschied zu einem klassischen Sportverein: Jung und Alt trainieren gemeinsam in der gleichen Gruppe. „Das hält jung“, sagt Wolfgang. Der 53-jährige Augsburger ist einer der ältesten Traceure Deutschlands. Mit Parkour ist der Sportbegeisterte spät in Berührung gekommen, doch seitdem ist er nicht zu bremsen: „Man bleibt beweglich – nicht nur körperlich, sondern auch mental.“

Parkour wird im Internet auf halsbrecherische Stunts reduziert

Die Werte, die bei Parkour-One vermittelt werden, wurden zusammen mit Sportwissenschaftlern und Pädagogen erarbeitet. Zum Ehrenkodex der Traceure gehört es, immer respektvoll zu bleiben – anderen gegenüber, aber auch im Hinblick auf den eigenen Körper. Gerade was den letzteren Aspekt angeht, klafft die öffentliche Wahrnehmung von Parkour und die tatsächliche Praxis am weitesten auseinander. Im Kino wird Parkour auf halsbrecherische Stunts reduziert. Kein Wunder also, dass Eltern zunächst oft wenig begeistert sind, wenn die Sprösslinge ihr Interesse kundtun.

Zu Unrecht, wie Philipp (17) findet: „Die Leute, die in Filmen über Häuserschluchten springen, haben jahrelang dafür trainiert. Anfänger fangen klein an – mit Sprüngen aus geringer Höhe.“ Parkour ist auch nicht illegal, sagen die Sportler: Sich im öffentlichen Raum auf eigenwillige Art zu bewegen, ist grundsätzlich nicht verboten. Und da es für die Augsburger Traceure eine Frage der Ehre ist, keine Privatgrundstücke zu betreten, dulden Polizei und Ordnungsamt nach deren Worten den Nischensport meist.

Dass Parkour nicht wettkampforientiert ist, verhindere zudem Konkurrenzdenken und gefährlichen Ehrgeiz. Der 17-jährige Philipp hat zudem ein Argument auf Lager, mit dem die jungen Wilden garantiert jeden Erwachsenen von der Sinnhaftigkeit ihres Sports überzeugen: „Man geht ins Freie, bei jedem Wetter. Das hat etwas Ursprüngliches – gerade in der heutigen Zeit, wo die meisten nur noch in digitalen Welten unterwegs sind“, sagt er.

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