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Augsburg

22.06.2017

Türkischer Sender hetzt gegen Kindergarten in Augsburg

Teils wird Hetze absurd: Einem türkischen Medienbericht zufolge soll ein Augsburger Kindergarten "Deutschlandbasis" einer Terrororganisation sein.
Bild: Christian Charisius (dpa)

Wenn Medien aus der Türkei zündeln wollen, wird es schon mal absurd. Ein Augsburger Kindergarten soll einem Bericht nach „Deutschlandbasis“ einer Terrororganisation sein.

Der Reporter des türkischen Fernsehkanals A Haber, Rahmi Turan, steht im Dunkeln vor dem Zaun eines Augsburger Kindergartens. Was er ins Mikrofon spricht, klingt dramatisch: "Hier, in dieser getarnten Einrichtung, werden Kinder zu Terroristen erzogen." Laut dem Titel der 20-minütigen Reportage berichtet er "Live von der Deutschlandbasis der Fethullahistischen Terrororganisation (Fetö) in Augsburg".

Absurde Hetze: Kindergarten in türkischen Medien unter Terrorverdacht

Das Logo des Kindergartens ist im Hintergrund deutlich erkennbar. Der Reporter wettert weiter – auch gegen die Stadt Augsburg. "Wegen unzureichender Schülerzahl hätte die Einrichtung eigentlich schließen müssen. Aber die Augsburger Stadtregierung hatte keine Skrupel, nochmals wirtschaftliche Unterstützung zu leisten, sodass die Schüler wieder kommen", sagt der Reporter. "Die vaterlandsliebenden und nationalistischen türkischen Organisationen und Türken sind jedoch entschlossen, sich dagegen zu wehren. Wir müssen ganz klar festhalten: Natürlich wird die Fetö-Terrororganisation in Deutschland geschützt."

Die angeblichen "Fetö-Terroristen" sind für die türkische Öffentlichkeit seit dem Putschversuch in der Türkei alle Anhänger des muslimischen Predigers Fethullah Gülen. In der Türkei ist dieses Netzwerk, das Medienkonzerne, Firmen, Krankenhäuser, Schulen und Nachhilfezentren umfasste, durch zigtausend Verhaftungen und Enteignungen zerschlagen. In Deutschland zählen sich etwa 150.000 Menschen zu den Anhängern von Gülen.

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Der Verein Frohsinn zählt sich zur Gülen-Bewegung

Der türkische Kanal A Haber gehört wie die auflagenstarke Tageszeitung Sabah, für die Reporter Rahmi Turan ebenfalls schreibt, zum regierungsnahen türkischen Çalik-Konzern. Geschäftsführender Vorstand dort ist der Schwiegersohn von Staatspräsident Recep Erdogan. Der Journalist Rahmi Turan lebt in München und ist der deutschen Öffentlichkeit nicht unbekannt. Im März lud ihn die ARD-Talkmasterin Anne Will in ihre Sendung mit dem Thema "Spitzelvorwürfe, Beschimpfungen, Drohungen – Gefährdet Erdogan unseren inneren Frieden?". Turan vertrat dort die türkische Regierungslinie. Er erklärte, der Prediger Fethullah Gülen habe persönlich den Befehl zum Putsch erteilt und bezeichnete den Chef des deutschen Bundesnachrichtendienstes (BND), der zu gegenteiligen Schlüssen gekommen war, als einen "Lügner".

Der Verein Frohsinn zählt sich zur Gülen-Bewegung und betreibt in der Region Augsburg vier interkulturelle Kindertagesstätten, die hauptsächlich von deutschen Kindern besucht und ausschließlich von deutschsprachigem Personal betreut werden. Geschäftsführer Mustafa Güngör hat jetzt Anzeige gegen den TV-Sender erstattet. "Das ist eine unverschämte Verleumdung. Der Reporter bezeichnet uns als Terroristen und ruft zu Gewalt auf. Das geht gar nicht", erklärt der Diplom-Ingenieur. Von den drei Frohsinn-Nachhilfezentren wurde eines nach der türkischen Putschnacht mit Steinwürfen angegriffen. Doch nicht nur Einzelpersonen und türkische Medien beteiligen sich an der Kampagne in der Region. Desinformation und Drohungen kommen auch aus höchsten Regierungskreisen der Türkei.

Türkischer Geheimdienst fordert Auslieferung von 111 Menschen in Bayern

Neben Mustafa Güngör stehen fünf weitere Augsburger auf der Liste mit weit über 300 Namen aus der Gülen-Bewegung, die der türkische Geheimdienst dem Chef des BND überreichte. Für den türkischen Staat sind sie "Fetö-Terroristen", er bittet um deren Auslieferung. Das Bayerische Landeskriminalamt rief die sechs Augsburger Betroffenen wie auch 111 weitere betroffene Menschen in Bayern daraufhin an.

Sie sollten Konsulate und die Türkei selbst meiden, dort drohten ihnen Schikanen oder Festnahmen, lautete die Warnung. "Deutschland nimmt diese Bedrohungen gegen uns sehr ernst, das beruhigt etwas", berichtet Güngör.

Lesen Sie dazu:

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