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Augsburg

22.04.2015

Überlastetes Jobcenter: Das fehlende Geld raubt Betroffenen den Schlaf

Lange Wartezeiten im Jobcenter machen Menschen, die dort Hilfe benötigen, das Leben schwer.
Bild: Silvio Wyszengrad

Weil das Jobcenter so überlastet ist, bekommen viele Arbeitslose ihr Geld nicht. Eine junge Mutter erzählt, was das für Folgen hat. Was tut die Behörde gegen das Problem?

Das Schlimmste für Laura Hagen* war die Angst, dass man ihr die Kinder wegnimmt. Hagen bezieht Hartz IV; sie ist eines der Opfer der Überlastung des Augsburger Jobcenters. Zwei Monate bekam sie kein Geld, konnte die Miete nicht zahlen, den Strom, Rechnungen. Das Schlimmste: Die junge Frau, die bis 2011 drogenabhängig war, muss Gerichtskosten zurückzahlen. Wenn sie das nicht tut, droht ein Haftbefehl – und damit, dass die Alleinerziehende ihre Kinder nicht mehr versorgen kann.

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Hartz-IV-Empfänger warteten monatelang auf ihr Geld

Die Augsburger Allgemeine hatte bereits Anfang Februar über die Überlastung des Jobcenters berichtet. Wie alle Hartz-IV-Behörden in Deutschland hat es Probleme wegen eines neuen Computersystems und eines Vier-Augen-Kontrollprinzips, die viel Zeit fressen. Damals berichtete die Personalratsvorsitzende Anna Grau, dass Klienten monatelang auf ihr Geld warten müssen. Die Bundesanstalt für Arbeit als übergeordnete Behörde wiegelte ab. Kurz darauf machte die RTL-Sendung „Team Wallraff“ die Probleme in Jobcentern bundesweit publik.

Diplompsychologin Eva Kaminsky ist Therapeutin von Laura Hagen und anderen Klienten des Jobcenters. Therapiestunden verbringt sie damit, sie beim Kampf mit der Behörde zu unterstützen, manchmal hilft sie, „absurde Bewerbungen“ zu formulieren. Was in der Behörde passiert, habe „verheerende Wirkung“ auf die Menschen, sagt sie. Was sie brauchen, ist Stabilität. Was sie laut Kaminsky bekommen: „ein Gefühl existenzgefährdender Hilflosigkeit“.

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In Augsburg hat die Trägerversammlung des Centers, die sich aus Vertretern von Stadt und Arbeitsagentur zusammensetzt, inzwischen reagiert und Personal eingestellt. Außerdem schichtete man intern um. Geschäftsführer Eckart Wieja versichert: „Die Sicherung der Existenzgrundlage ist das Wichtigste.“ Allerdings geht es offenbar erst einmal darum, Rückstände abzutragen. Zwischen 15. Februar und 15. März brachten die Mitarbeiter 2130 Bewilligungsbescheide auf den Weg – im Monat davor waren es 1450. Damit die Mitarbeiter effektiv vorgehen können, hat die Behörde an der Oberhauser August-Wessels-Straße vorerst freitags zu.

Die Jobcenter vertrösteten Betroffene lange

Laura Hagen hat ihr Geld inzwischen bekommen, muss aber immer noch mit ihrem Energieanbieter über die drohende Sperrung des Stromanschlusses verhandeln. Das Jobcenter sei sich nicht bewusst, was an dem Bewilligungsbescheid – alle sechs Monate müssen Klienten einen neuen Antrag stellen – alles hängt: Hort, Tagesmutter, Therapie. Irgendwann bekam Hagen Essensgutscheine. Schulsachen oder Pflegeartikel konnte sie davon aber nicht kaufen. Was sie besonders ärgert: Immer wieder habe man gesagt, ihr Geld sei Ende der Woche auf dem Konto. Nichts passierte. Teilweise verschwanden Unterlagen, die sie zusammen mit der Familienhelferin vom Jugendamt eingereicht hatte. Das Weihnachtsfest war verdorben, die Gier nach Drogen, die sie längst überwunden glaubte, kam durch den Stress wieder hoch. Schließlich beschwerten sich ihre Therapeutin und die Familienhilfe beim Jobcenter – auch über den Umgangston.

Das Team Wallraff deckte in anderen Jobcentern eklatante Missstände auf; angeblich wurden sogar Anträge geschreddert, um sie nicht bearbeiten zu müssen. Für Augsburg schließt Wieja so etwas aus: „Wir sind für die Kunden da.“ Allerdings könne bei großen Aktenmengen durchaus etwas verloren gehen, falsch abgeheftet werden zum Beispiel.

Überbelastung und geschönte Statistiken als Folge von Stress im Jobcenter

Personalratvorsitzende Grau bestätigt – bis auf das Schreddern – die Überlastung und geschönte Statistiken. Der Druck sei durch die Berichterstattung gestiegen. Um Bewilligungsbescheide abzuarbeiten, müssen die Mitarbeiter anderes liegen lassen; trotzdem liege die Wartezeit beim Erstantrag weiter bei acht Wochen. Und es seien zehn neue Kollegen gekommen – doch auch 14 gegangen. „Die Fluktuation ist hoch, weil die Umstände furchtbar sind.“ Stefan Kiefer, als Sozialreferent Vorsitzender der Trägerversammlung, weiß ebenfalls: „Man kämpft um jeden Einzelnen.“ Und: „Wenn sie das eine Loch stopfen, tut sich das andere auf.“ Erst Ende des Jahres werde alles im Lot sein.

Bis dahin hofft Laura Hagen auf Arbeit. Ihr Sohn ist ab September im Kindergarten, dann möchte sie im Elektronikbereich tätig sein. Sie wird nachts nicht mehr von Sorgen wachgehalten, aber ihre Wut auf das Jobcenter ist noch nicht verraucht: „Sie nahmen in Kauf, dass mein ganzes hart erkämpftes ,cleanes‘ Leben von einer auf die andere Minute zusammenfällt und ich alles verloren hätte, was mich am Leben hält“, schrieb sie an die Behörde.

* Name von der Redaktion geändert

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