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Augsburg

22.06.2019

Umstrittenes Kunstwerk: Das erzählt das Gögginger Wandgemälde

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2 Bilder
Dieses Wandbild des Gögginger Malers Franz Hummel (1896–1974) in der Grundschule Göggingen West soll entfernt werden.
Bild: Andreas Zilse

An dem Kunstwerk in der Grundschule Göggingen West scheiden sich die Geister. Soll es verschwinden oder nicht?

Hätte Franz Hummel 1957 mit Ölfarbe und Leinwand oder einer Holztafel gearbeitet, dann wäre der Stadt Augsburg wohl ein Streit erspart geblieben. Aber der Künstler bemalte damals eine Flurwand der damaligen Parkschule (heute Grundschule Göggingen West). Nun wird dieser Platz anderweitig gebraucht, und ein Wandgemälde kann man anders als ein gerahmtes Bild nicht einfach umhängen. Doch einige Gögginger und Heimatfreunde protestieren heftig dagegen, das mehr als 60 Jahre alte Wandgemälde zu entfernen.

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Hummel hat Szenen aus der Geschichte Göggingens und Märchenmotive als Sgrafitti angelegt. Anders als beim Fresko wird dabei nicht Farbe auf die Wand aufgetragen, sondern es werden Farbschichten abgekratzt, bevor die Farbe trocknet. Als freischaffender Künstler hat er das Kunstwerk im Auftrag der damaligen Marktgemeinde Göggingen geschaffen.

Die Verteidigung des Gögginger Turms

Zu sehen ist laut einem Heimatforscher die Verteidigung des Gögginger Turms gegen die Truppen Herzog Ludwigs von Bayern-Landshut 1462. Als „Kampf der acht guten Gesellen“ ist das Motiv in das Wappen Göggingens eingegangen, auch wenn die Befestigung damals eingenommen und das Dorf zerstört wurden. Daneben ist eine Prozession von St. Georg und Michael zur nicht mehr bestehenden Marienkapelle dargestellt. Gebeten wurde dabei in der Regel um Gesundheit des Viehs und Schutz vor Wertachhochwasser. St. Georg der Drachentöter ist als Schutzpatron der Kirche im Hintergrund zu sehen. Die Märchenmotive stammen aus „Sterntaler“, „Schneewittchen“ und „Dornröschen“.

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Nach Jahrzehnten sind diese Darstellungen der Schulgemeinde unverständlich geworden. Schon vor etwa zehn Jahren sollte das Gemälde überdeckt werden; Proteste von Göggingern verhinderten das damals. Jetzt stellt die Schulverwaltung auf Anfrage unserer Zeitung die Entfernung des Wandbilds als unvermeidlich dar. Die Garderoben der Schüler hätten Fluchtwege im Sinne des Brandschutzes verstellt und können angeblich nirgendwo sonst als an dieser Wand wiederaufgebaut werden. Die künstlerische Bedeutung des Gemäldes will man dabei gar nicht beurteilen. Aber auch Gögginger Heimatfreunden fällt es schwer, den Wert des Kunstwerks einzuschätzen. Ein Gesprächspartner, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, fühlt sich an Picasso erinnert. Ein Kunstexperte, der aber ebenfalls nicht genannt werden will, um nicht in den Streit hineingezogen zu werden, sagte, Hummel sei von der klassischen Moderne geprägt, zudem seien noch einzelne Elemente des Jugendstils in seinen Kunstwerken zu entdecken.

Jedenfalls betont dieser Experte, Hummel sei ein respektabler Künstler gewesen, akademisch ausgebildet, der über seine malerischen Mittel souverän verfügt habe. Franz Hummel wurde am 21. Oktober 1896 in Göggingen geboren. Nach der Schule, so geht aus Dokumenten hervor, die der Gögginger Geschichtskreis zusammengetragen hat, absolvierte er eine Ausbildung zum Dekorationsmaler. Die Zeiten machten es ihm allerdings nicht leicht, seinen Wunsch, Kunstmaler zu werden, zu realisieren. Nach dem Ersten Weltkrieg musste er für seine Familie sorgen und hatte kein Geld für ein Studium. Seine Frau Babette, die er 1925 heiratete, unterstützte ihn durch Näharbeiten, sodass er 1933 doch noch die Akademie der Bildenden Künste in München besuchen konnte. Sein Lehrer war der Kirchenmaler Franz Klemmer. Gleichzeitig bildete er sich bei Max Doerner in Techniken der Wandmalerei fort.

Studium nur mittels Fördergeldern

Trotz der eigenen Anstrengungen – in der Akademiezeit war er weiter als Dekorationsmaler tätig – konnte er das Studium nur mithilfe von Fördergeldern finanzieren, was aber zugleich seine Begabung belegt: Auf Vorschlag des vor allem als „Simplicissimus“-Zeichner bekannten Olaf Gulbransson erhielt er den höchsten Akademiepreis, das Mond’sche Stipendium.

1939 wurde er erneut kriegsverpflichtet, diesmal als Militärpolizist in Augsburg. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es so gut wie keine Aufträge mehr – es musste zunächst wiederaufgebaut werden, bevor an die Verschönerung von Gebäuden zu denken war. Etwa zehn Jahre lang hatte Hummel so kaum malerische Praxis und konnte sich künstlerisch nicht weiterentwickeln.

Nach 1949 folgten zunächst vor allem Restaurationsaufträge, so für den Kleinen Goldenen Saal oder die Kirche Herrgottsruh in Friedberg sowie die Neubemalung von Kirchen in Nord- und Mittelschwaben und Altbayern. Auch das Altarbild der Kirche Unsere liebe Frau in Lechhausen stammt von ihm. Als er 1967 mit der Arbeit in Herrgottsruh fertig war, setzte er sich zur Ruhe, widmete sich aber dabei stärker der freien Malerei, die ein weiterer Schwerpunkt seines Schaffens war.

Der ungenannte Kunstexperte kennzeichnet Hummel als einen zurückhaltenden und bescheidenen Menschen. Er habe nie viel Aufhebens um sich gemacht. In ihrem Nachruf schrieb unsere Zeitung am 14. Juni 1974: „Wenn seine Bilder einer alten Bäuerin, die zeitlebens nicht viel mit der Kunst zusammengekommen ist, gefallen haben, so hat er das höher eingeschätzt als ein Lob aus berufenem Munde.“ Damit fehlen aber nun namhafte Verfechter seines Wandgemäldes in der Grundschule Göggingen, sieht man vom ehemaligen Heimatpfleger Hans Frei ab, der sich in unserer Zeitung bereits zu Wort gemeldet hat.

Es gäbe aber vielleicht eine Kompromisslösung für die Schule. Der Kunstexperte sagte im Gespräch, es wäre möglich, das Sgraffito mit einer Trennschicht zu überdecken, was allerdings ein Fachmann machen müsste. Dann könnte das Gemälde ohne Mühe und ohne Einschränkungen später wieder freigelegt werden. Denkbar wäre nach seinen Worten auch, das Gemälde in Stücken von der Wand abzunehmen und an einer anderen Wand wieder anzubringen. Das sei allerdings aufwendig, gehe nicht beschädigungsfrei – und man bräuchte natürlich auch eine geeignete freie Fläche dafür.

Lesen Sie dazu auch: Kampf um historisches Wandgemälde in Gögginger Schule  

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