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05.02.2019

Und dann kam die Lawine …

Einsatz Ein Skiklub aus dem Kreis Augsburg ist mit Kindern in Berwang, als Schneemassen vom Berg abgehen. Über dramatische Minuten, das Warten auf die Retter und die Fragen, die bleiben

Augsburg Wie es sich anfühlt, wenn man unglaubliches Glück hatte? Wenn man gerade so einer Lawine entkommen ist – man selbst und das eigene Kind? Auch zwei Tage später kann Doris Wegner diese Frage gar nicht so einfach beantworten. Die 48-Jährige sitzt in ihrem Büro in der Redaktion der Augsburger Allgemeinen und sagt: „Ach!“ Es ist ein nachdenkliches „Ach“, auf das eine Pause folgt. Weil die Dinge bisweilen gar nicht so einfach zu erklären sind. Und weil einem, je mehr Zeit vergeht, erst einmal klar wird, was alles hätte passieren können. Dann sagt sie: „Ich habe nicht mehr dieses Rauschen im Kopf. Aber schon noch einen gehörigen Schock.“

Doris Wegner war mit ihrem zehnjährigen Sohn am Sonntag in Berwang in Tirol. Die DJK Leitershofen (Kreis Augsburg) hält dort, wie immer im Januar, ihren Kinderskikurs ab. Das Skigebiet, das unweit von Reutte liegt, ist beliebt bei Vereinen und Schulen in Schwaben.

Am Sonntag ist das Wetter nicht gut. Es schneit den ganzen Tag stark. 20 Zentimeter Neuschnee kommen allein im Tal zusammen. Nach dem Mittagessen steht im unteren Bereich des Thanellerkarlifts das Abschlussrennen der DJK Leitershofen an. Die Kinder, die schon gut Ski fahren können, sind an der Reihe. Doris Wegner gibt ihrem Sohn Bescheid, dass sie schon mal vorfährt. „Ich seh dich gleich im Ziel“, sagt sie zu ihm.

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Auf halber Strecke merkt sie, dass etwas nicht stimmt. „Plötzlich war so viel Schnee in der Luft, alles war voller Pulverschnee“, erinnert sie sich. Da ahnt sie noch nicht, was los ist. Sie bleibt stehen, hört das Krachen, spürt die Druckwelle. Das passiert binnen Sekunden. „Dann war mir klar – das ist eine Lawine.“

Mittlerweile steht fest: Es waren sogar drei kleine Lawinen, jede davon 20 bis 30 Meter breit. Walter Schimpfössl, Chefinspektor des Bezirkspolizeikommandos in Reutte, erklärt, dass sich zuvor in 300 bis 400 Metern Höhe ein Schneebrett gelöst habe, das dann die Piste und einen Ziehweg trifft.

Doris Wegner erinnert sich noch, dass es still war. Einen schier ewigen Moment lang. Dann schreien Eltern und Kinder. Doris Wegner fragt sich, wo ihr Sohn ist. Sie blickt nach oben, zum Startpunkt des Rennens, und sieht, dass er dort nicht mehr steht. Gedanken rasen ihr durch den Kopf. Die unfassbare Sorge um das eigene Kind. Um die anderen Kinder. Die Tatsache, dass Verschütteten unter den Schneemassen allenfalls 15 Minuten bleiben. Dann klingelt ihr Handy. Ein Mal. Zwei Mal. Es ist ihr Sohn. „Ich bin unten“, sagt er. „Ich hab’s geschafft.“

Was Doris Wegner da nicht weiß: In dem Moment, in dem sich die Lawine in Gang setzt, ist ihr Sohn im Schuss nach unten gefahren. Er überholt seine Mutter, sieht ihre pinke Jacke, realisiert aber, dass er nicht anhalten darf. Dass er jetzt einfach fahren muss, so schnell es geht. Heute sagt Doris Wegner: „Mein Sohn hat das supercool gemanagt.“ Er hat im entscheidenden Moment richtig reagiert.

Die Mutter macht sich auf den Weg nach oben, wo Trainer begonnen haben zu graben. Da ist ihr noch nicht klar, ob die Lawine jemanden verschüttet hat. Wo welche Kinder sind. Mit Handy und Funk gleichen die DJK-Trainer die Listen mit den anwesenden Skischülern ab. Relativ schnell ist klar, dass alle Kinder in Sicherheit sind und niemand ernsthaft verletzt wurde.

Doris Wegner schießen trotzdem Gedanken durch den Kopf: Wie hätte man überhaupt jemanden auf der Skipiste orten sollen? Und womit hätte man graben sollen? Wintersportler, die abseits gesicherter Pisten unterwegs sind, haben im besten Fall wenigstens ein Suchgerät („Pieps“) und eine Schaufel dabei.

Die elf Personen, die die Lawine getroffen hat, schaffen es, sich selbst zu befreien. Bis die Bergwacht mit Suchhunden kommt, dauert es. Betroffene sprechen von fast einer Stunde. Warum das so war? Eine Anfrage bei der Bergrettung Berwang bringt keine Antwort. In Bayern, erklärt Peter Eisenlauer von der Bergwacht Allgäu, müssen die Einsatzkräfte ein bis zwei Minuten, nachdem der Notruf eingegangen ist, einsatzbereit sein. Doch dann hänge es auch vom Wetter vor Ort ab, davon, ob ein Hubschrauber starten könne oder die Retter zu Fuß aufsteigen müssten. In Bayern wird es so gehandhabt: In allen größeren Skigebieten sind ein bis zwei Vertreter der Skiwacht vor Ort, die eine Bergwachtausbildung haben.

Dass eine Lawine auf eine gesicherte Skipiste abgeht, komme immer wieder vor, sagt Chefinspektor Schimpfössl. Dennoch muss die Polizei nun Fragen klären: Etwa, warum die Piste offiziell freigegeben wurde. Und ob die Verantwortlichen der Bergbahnen Berwang richtig gehandelt haben. Dort spricht man von „vielen unglücklichen Umständen“, davon, dass es bei der Beurteilung am Morgen keinen Anlass für Bedenken gegeben habe. Es galt Lawinenwarnstufe 3 von 5 – „erheblich“. Doch während im Tal nur leichter Wind wehte, habe es weiter oben gestürmt, heißt es. Der Wind häufte immer mehr Schnee an.

Seit Montag ist der Thanellerkarlift wieder in Betrieb, die Lawinenkommission hat die Pisten freigegeben. Doris Wegner denkt noch nicht an den nächsten Skiausflug. Sie will erst einmal sacken lassen, was passiert ist. „Es war Gott sei Dank nur eine kleine Lawine. Aber uns hat es gereicht.“

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