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Prozess in Augsburg

26.01.2019

Unschuldiger sitzt ein halbes Jahr in Haft - weil er wie Straftäter aussieht

Blick in eine Zelle des Gablinger Gefängnisses: Ein 29-jähriger Mann aus Rumänien saß dort ein halbes Jahr unschuldig in Untersuchungshaft – weil er ähnlich aussieht wie ein seit Jahren gesuchter Trickdieb.

Plus Weil er einem Straftäter ähnlich sieht, der an einem Trickbetrug in Augsburg beteiligt war, wurde ein 29-jähriger Rumäne im Juni 2018 verhaftet.

Er hatte einfach das Pech, dass er einem gesuchten Straftäter ähnlich sieht. Deswegen saß ein 29-jähriger Rumäne ein halbes Jahr in Untersuchungshaft – obwohl er unschuldig ist. Erst im Prozess vor dem Amtsgericht stellte sich am Freitag der Verdacht als ein Irrtum heraus. Und der Mann kommt sofort aus der Haft frei.

Die große Übereinstimmung von Fotos des Angeklagten, archiviert in einer Datei der bayerischen Polizei, mit den Aufnahmen der Überwachungskamera eines Augsburger Juweliers, hatte zuvor viele beeindruckt. Die Zeugen, den Richter, einen Gutachter, ja selbst den Verteidiger des Rumänen. „Das hat mich nachdenklich gemacht“, stellt Florian Engert in seinem kurzen Plädoyer am Ende des Prozesses fest: „Auch ich habe da eine Ähnlichkeit gesehen.“ Doch zu diesem Zeitpunkt ist sich der Verteidiger mit Staatsanwalt und Richter bereits einig: „Wir haben sachkundig erläutert bekommen, dass der Angeklagte nicht der Täter ist.“

Der Mann saß fast sechs Monate im Gefängnis in Gablingen

Die große Ähnlichkeit hat dem nicht vorbestraften Mann, einen 29-jährigen rumänischen Kfz-Mechaniker, fast sechs Monate Aufenthalt im Gablinger Gefängnis beschert. Am 26. Juli 2018 war er bei Passau festgenommen worden. Die angebliche Tat, für die er zur Fahndung ausgeschrieben war, lag da schon mehr als fünf Jahre zurück. Der Rumäne habe sich im Oktober 2013 an einem Trickdiebstahl bei einem Juwelier in der Augsburger Hermanstraße beteiligt, lautete der Vorwurf. So trägt es Staatsanwalt Johannes Pausch am Freitag auch noch zum Auftakt der Gerichtsverhandlung vor. Mit drei unbekannten Mittätern – zwei Männern und einer Frau – habe sich der 29-Jährige in dem Geschäft in der Augsburger Innenstadt Schmuckstücke vorlegen lassen und dann den Verkäufer abgelenkt, so dass die Frau einen Armreif und eine Halskette im Gesamtwert von 3300 Euro entwenden konnte. Der Angeklagte hat eine Beteiligung an dieser Tat zwar bestritten, doch es gibt die Bilder der Überwachungskamera. Und darauf ist ein Mann zu sehen, der dem Angeklagten sehr ähnlich sieht.

Ein vorläufiges Gutachten, erstellt auf der Basis dieser Aufnahmen, bestätigte die Ähnlichkeit. Das reicht der Justiz allerdings nicht. So hat Amtsrichter Baptist Michale als Gutachter den Münchner Anthropologen Marin Trautmann geladen – und überlässt ihm dann seinen Gerichtssaal für ein ungewöhnliches Fotoshooting. In einer Sitzungspause kann der Wissenschaftler neue Fotos des Angeklagten anfertigen. Um ungefähr die Position der Überwachungskamera nachzustellen, klettert er auf einen der Stühle, die für Zuhörer vorgesehen sind, und dirigiert den Angeklagten in verschiedene Positionen. Da der Rumäne kaum Deutsch spricht, übersetzt eine Dolmetscherin. Der schmächtige Mann soll erst den Körper, dann den Kopf in verschiedene Richtungen drehen, mal die linke Hand zum Kinn führen, mal den Blick wie auf eine Warenauslage vor sich richten. Letztlich will der Gutachter auch noch sehen, wie weit er den Daumen seiner linken Hand nach hinten biegen kann. Etwa zehn Minuten benötigt Marin Trautmann dann noch, um auf seinem Laptop seine Fotos denen der Überwachungskamera gegenüberzustellen.

Ein Gutachter erklärt, warum der Angeklagte nicht der gesuchte Straftäter ist

Als das Gericht wieder zusammentritt, hört es von ihm zuerst grundsätzliche Erläuterungen. Es gebe in der Natur ganz allgemein ein „Individualitätsprinzip“, so der Anthropologe. „Auch eineiige Zwillinge sind unterschiedlich.“ Für eine Bewertung müsse man penibel einzelne „Merkmalsbereiche“ vergleichen. Er erklärt auch, warum erste Eindrücke nicht zuverlässig sind. Der Mensch sei ein soziales Wesen, er müsse von klein auf sein Gegenüber rasch identifizieren. „Deshalb kann unser Gehirn Übereinstimmungen sehr schnell herausfiltern.“ Kleine Unterschiede werden dabei vernachlässigt.

Wie wichtig solche kleinen Unterschiede sein können, ist dann zu erleben. Er vergleicht den Haaransatz beim Mann auf dem Überwachungsvideo und beim Angeklagten. Der Täter habe relativ breite Koteletten und deutlich Stirnecken, beim Angeklagten sind die entsprechenden Partien eher schmal und weniger ausgeprägt. „Haarmerkmale sind allerdings leicht veränderbar“, schränkt er ein. Eine weitere „Unähnlichkeit“ macht der Fachmann an der Stirnpartie aus: Mittelhoch beim Täter, etwas niedriger und schmaler beim Angeklagten. Deutlich seien die Unterschiede aber beim Ohr. Die ovale Form und das „zungenförmige Ohrläppchen“ beim Täter passen nicht zum Ohr des Angeklagten.

Am Ende des Augsburger Prozesses sind sich alle einig: Freispruch

Nach diesen Ausführungen beendet Richter Michale zügig die Verhandlung: „Es gibt eine sehr große Ähnlichkeit des Angeklagten mit dem Täter – aber sehr gute Merkmale, die ihn deutlich ausschließen.“ Daraufhin fordert auch der Staatsanwalt umgehend Freispruch, der Verteidiger schließt sich an. „Die gesamte Justiz muss sich bei Ihnen entschuldigen“, sagt der Richter zum Angeklagten und stellt fest, die knapp sechsmonatige Untersuchungshaft sei „natürlich viel zu lange“ gewesen. Für jeden Tag erhält er 25 Euro Entschädigung.

Der Angeklagte, der sich im Prozess ruhig verhalten hatte, nimmt die Wende zurückhaltend auf, entschuldigt sich fast noch für den Aufwand, den die Justiz seinetwegen betrieben hat. Doch als er beim Gehen der Dolmetscherin Fotos seiner beiden Kinder zeigt, ist er den Tränen nahe. Sie leben bei seiner Lebensgefährtin in England, zu ihnen will er nun schnellstmöglich reisen.

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