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E-Mobilität

11.05.2019

Unser Leben im Status E: Alles wird elektrisch

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Leben im Status E: Bald machen wir gar nichts mehr ohne elektrische Unterstützung.
Bild: spozzn Adobe Stock

Wenn normale Fahrräder schon „Bio-Räder“ heißen: E-Tretroller sind nur der nächste Schritt in einer Gesellschaft, in der Mobilität und Infantilität einhergehen.

Womit fing es an? Mit der Erfindung des Rads? Oder doch später, mit der elektrischen Pfeffermühle? Der Mensch strebt seit jeher danach, es sich bequemer zu machen. Die Mühsal des Lebens lindern, wo es geht: ein verständliches Bemühen. Körperliche Entlastung! Und: Effektivität steigern – siehe das Fließband als Keilriemen des Konsumzeitalters. Aber kann es sein, dass wir inzwischen an einem Punkt angekommen sind, da sich dieses Streben nach Automatisierung ins Absurde verirrt?

Nichts bleibt von der Elektrifizierung verschont

Dass es schöner ist, die Zentralheizung aufzudrehen statt in einer Höhle unter Fellen bibbernd aus feuchtem Gestrüpp ein Feuerchen zu entzünden, wird nicht bestritten. Aber Fliegen mit einer elektrischen Fliegenpatsche killen? Laub mit einem Lärmbläser aufwirbeln, statt es mit Besen und Rechen zusammenzukehren – geht da die Rechnung von Vorteil und Nachteil noch auf?

In diesen Wochen stehen Tretroller in den Startlöchern der mobilen Gesellschaft, die das Dilemma anschaulich machen. Denn die Roller von heute sind Autoroller, sie haben einen Elektroantrieb, sie sind, wie fast alles, vom Status E.

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Insofern passen die E-Scooter gut in die Reihe, die von E-Commerce über E-Mail bis zur E-Zigarette reicht. Offenkundig gibt es eine Zwangsläufigkeit in der Entwicklung der Welt, wonach in alles Elektro hinein muss. Vor hundert Jahren saßen die Kinder in Matrosenanzügen auf Schaukelpferden, die sich nur bewegten, wenn man sich selbst bewegte. Dann kamen die Pferde und Elefanten mit Münzeinwurf vor den Kaufhäusern. Da saßen die Kinder nur noch drauf, das Geruckel kam auf Knopfdruck. Kleines Beispiel nur – aber es steht sinnbildlich für die Ertüchtigung von Dingen und Geräten, die menschlicher Antriebskraft und Anstrengung nicht mehr bedürfen.

Zwar schieben Kleinkinder noch immer Autos über den Boden und krabbeln hinterher. Aber das hört auf, wenn das ferngesteuerte Auto unterm Weihnachtsbaum liegt. Wobei: Heute muss es schon eher eine Drohne sein. Dass die Janosch-Ente zum Hinterherziehen an der Schnur noch nicht elektrifiziert ist, mag man kaum glauben. Und wieso eigentlich nicht wenigstens ein Kabel statt Schnur?

Wollen 30-Jährige auf E-Tretrollern jetzt bald auch Treppenlifte?

Der Tretroller also: Er steht für die Vermengung von Infantilität und Mobilität im 21. Jahrhundert. Ein Kinderfahrzeug, jetzt aber mit leise surrendem Motor, erobert die smarten Städte. Das tat es schon einmal, als die kleinen, zusammenklappbaren Cityroller aufkamen, mit denen hippe Erwachsene sich fortbewegten wie Riesen auf Spielzeug und Feen mit Spaten. Doch die Welle ebbte ab, die Tretrollerchen verschwanden irgendwo in Kellern und Garagen (deren Tore übrigens auch nicht mehr mit Muskelkraft aufgezogen werden müssen, sondern elektrisch sich öffnen und schließen wie die Klappen der Geldautomaten). Nun, mit E-Antrieb und dem Versprechen, einen die letzte Meile ohne Anstrengung und Transpiration durchstehen zu lassen, kommen sie glorreich wieder. Anders als Segways, die viel zu klobig sind und nur behelmte Touristengruppen noch anstrengungslos vorwärtsbewegen, haben die E-Scooter Potenzial, eine fluide Massenbewegung zu werden.

Mobile Endgeräte sind die Stromfresser, auf die die Menschheit derzeit den größten Appetit hat. Weil das Smartphone zwar einen Akku, aber keine Räder hat, ist der E-Scooter die ideale Ergänzung. Wieder ein Teil mehr, das die Muskelkraft überflüssig macht. Vorwärts kommen, ohne sich selbst bewegen zu müssen: Diese Nummer haben wir wahrhaftig zur Perfektion entwickelt. Es beginnt im Fahrstuhl, es setzt sich auf der Rolltreppe fort – und kulminiert, natürlich, millionenfach im Automobil, das jetzt auch sein E davor bekommt, womit die PS endgültig verabschiedet werden (früher saßen die Leute, die nicht laufen wollten, in Kutschen – aber da rannten immerhin noch die Pferde vorneweg und Indianer hinterher …).

30-Jährige auf E-Tretrollern – werden sie bald heimlich Treppenlifte für ihre Maisonettewohnungen einbauen lassen (und sei es nur, um die vielen Pakete vom Online-Shopping schneller auf die Retourspur zu kriegen)? Dass es noch keine wasserdichten E-Surfbretter gibt, versteht kein Mensch. Dieses mühsame Paddeln zu den Wellen: ätzend. Skateboards werden wahrscheinlich sehr bald aussterben oder nur als E-Boards überleben. Die gibt’s übrigens ebenso wie E-Rollschuhe schon, aber diese Brettchen sehen eher verstümmelt aus. Kunststücke vollführt dagegen, wer sich auf einer dieser aufgestellten Diskusscheiben hält, die als Elektro-Einräder auf dem Markt sind.

In einer alternden Gesellschaft ist der E-Rollator eigentlich unverzichtbar. Wahrscheinlich fährt er schon irgendwo in Hongkong oder San Diego über Flure und Playgrounds und kommt bald zu uns geschnurrt ? Ach, es gibt ihn doch schon längst – inklusive „spezieller Kurvenfahrttechnik“ und USB-Anschluss. Es gibt ja schließlich auch das Gegenstück zum Rollator, den roten Kinderrutscher Bobby Car, als Elektrokarre. 15 Watt, 4 Stundenkilometer schnell. Absurd? Nö, Akku. 6 Volt 4,5 Ampere.

Die technisch überwundene Bewegung muss als bewusster Akt inszeniert werden

Es fehlt ein wichtiges E-Stück in der Kette? Natürlich: Das E-Bike, das in den vergangenen Jahren eine wahnsinnige Blitzkarriere hingelegt hat. Wie weit das Elektrofahrrad gekommen ist, lässt sich daran ablesen, dass es nun sogar ein neues Wort für das olle Fahrrad ohne Motor gibt. Diese klassischen Strampelräder heißen nun „Bio-Räder“. Klingt besser als Steinzeiträder mit 21 Gängen. Anders als Vollautomaten wie Autos und Fahrstühle sind E-Bikes Zwitterwesen: Ein bisschen muss man noch mittreten, die elektrisch zugeschaltete Pedalkraft potenziert sich aber gewaltig. E-Bikes machen uns schnell, sie schalten die Angst vor Anstiegen aus, geben aber trotzdem noch ein bisschen Bio-Feeling.

Weil wir inzwischen nach der Pinkelpause nicht mal mehr den Wasserhahn auf- und zudrehen müssen (Wasser fließt bewegungsmeldergesteuert), immer öfter die Rollläden daheim auf Knopfdruck rauf- und runterlassen und statt hinter dem Rasenmäher herzustapfen einen Automäher selbsttätig kurven lassen, hat Bewegung einen anderen Stellenwert. Sensenschwingen in der Hitze muss niemand glorifizieren. Aber die – technisch überwundene, also überflüssige – Bewegung heute muss als bewusster Akt inszeniert und zelebriert werden.

Geht einer ein paar Meter zu Fuß, sollte das als schrittvermessene Leistung irgendwo in einer Moving Hall of Fame registriert werden. Leute, die im Büro die Treppe statt den Fahrstuhl nehmen, beziehen aus dem verwegenen Außenseitertum Distinktion.

Die Lebensenergie droht, verloren zu gehen

In Fitnessstudios gibt es Dutzende von Geräte, die Bewegungen simulieren und Muskeln stimulieren, welche sich früher nebenbei ereignet haben. Das Bücken und Strecken beim Wäscheaufhängen (Trockner!), das Drehen der Handgelenke beim mechanischen Zähneputzen (lang ist’s her) oder beim Pfeffermühleneinsatz (siehe oben), das Hantieren mit Töpfen und Pfannen (Pizzaservice), das Aufziehen des Weckers …

Weil das Übelste wäre, dem Fortschritt mit letzter Kraft den Stecker zu ziehen und einer rohen Leibesertüchtigungsideologie samt Kaltwasserpumpen das Wort zu reden, ist es sicher das Klügste, der Zukunft und den E-Tretrollern ihren Lauf zu lassen. Die Trittbrettfahrer müssen eben selbst die Balance halten zwischen Bequemlichkeit und dem Gespür für die Erprobung der eigenen Lebensenergie.

So ein E-Body braucht außer den nächtlichen Aufladestunden im Bett und ab und zu mal ein Fertiggericht von der Tanke nicht viel. Seine Reichweite ist beachtlich – und er kann natürlich zum Flitzer werden.

Weil noch nicht alles elektrisch ist: Benzin aus Luft: Kann man Kraftstoff selbst machen?

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