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28.06.2020

"Urlaub zuhause": Mit Kindern auf Expedition zu winzigen Tieren

Biologe Norbert Pantel am Zigeunerbach im Augsburger Stadtwald.
Bild: Jan-Luc Treumann

Plus Beim Familienausflug in den Stadtwald kann man Wasserflöhe, Kaulquappen und andere Lebewesen entdecken. Warum am besten ein Küchensieb ins Gepäck gehört.

Flöhe. Oje. Man denkt an die lästigen kleinen Blutsauger, die Hunden und Katzen im Fell sitzen. Es gibt aber auch ganz andere, harmlose Flöhe. Familien mit Kindern können sie auf einem Ausflug in den Stadtwald entdecken. Dort sind die Bäche und Weiher voll von interessanten Lebewesen. Man muss nur die passende Ausrüstung dabeihaben, damit man die Winzlinge richtig sehen kann.

Biologe Norbert Pantel nimmt uns mit auf die Neun-Bäche-Tour durch den Siebentischwald. Sie wird im Programm „WasserLeben“ des städtischen Landschaftspflegeverbandes angeboten. Pantel hat sie aus gutem Grund ausgesucht: Sie macht Kindern und Erwachsenen gleichermaßen Spaß. Einerseits kann man eine kleine Expedition in die heimische Natur unternehmen und Tiere beobachten, die man normalerweise nicht wahrnehmen würde. Andererseits erfährt man auf dem Rundgang, warum der Stadtwald und seine Bäche für das Leben der Menschen in Augsburg schon immer enorm wichtig waren.

Start an der Sportanlage Süd in Augsburg

Unser Ausgangspunkt für die Tour ist die Sportanlage Süd. Nicht weit entfernt verläuft der Zigeunerbach. Er mündet in den Stempflesee und tritt an der Nordseite wieder aus. An der Fußgängerbrücke über den Zigeunerbach kommen kleine Entdecker auf ihre Kosten. Dort befindet sich eine Kescherstation, an der man winzige Wasserlebewesen genauer erkunden kann. Norbert Pantel packt aus seinem Rucksack ein Küchensieb, eine durchsichtige Plastikbox und eine Becherlupe aus der Kinderspielzeugabteilung aus.

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Mit dem Kescher fährt er auf dem Grund des Baches im Schlamm und Kies entlang, dort, wo das meiste Leben ist. Die trübe Brühe kippt er in den Plastikbehälter. Dann kommt der große Moment: Wenn sich der Schlamm vom Wasser abgesetzt hat, kommen unter der Lupe seltsame Tierchen zutage: Köcherfliegenlarven etwa. Sie sind geniale Baumeister. Mit einem Spinnfaden kleben sie aus Sand, Blättern und anderen Materialien einen Köcher zusammen. Jedes dieser Röhrchen sieht anders aus. In der Unterwasser-Behausung wohnten sie und seien darin perfekt getarnt, sagt Pantel. Wer nicht genau weiß, welche Tiere er da vor sich hat, sollte sich auf einer etwas verwitterten Tafel am Bachufer die Bilder ansehen.

Warum heißt der Bach in Augsburg so?

Pantel erzählt, wie es zu dem sonderbaren Namen Zigeunerbach kam. Die wahrscheinlichste Erklärung sei, dass in früheren Jahrhunderten in der Gegend regelmäßig weit gereiste Rinderhirten lagerten. Sie trieben Ochsenherden aus der Puszta zur Fleischversorgung nach Augsburg. Diese bewaffneten Söldner seien in den Augen der Einheimischen seltsam gekleidet gewesen und hätten wohl Lager ähnlich wie das fahrende Volk gehabt. Wir Hobby-Naturforscher schütten unsere Köcherfliegenlarven nun wieder behutsam genau an derselben Stelle ins Wasser zurück, an der wir sie entnommen haben. „Das ist wichtig“, erklärt der Biologe. Denn der Augsburger Stadtwald ist ein großes und wertvolles Naturschutzgebiet und soll bei den Familien-Touren keinen Schaden nehmen.

Biologe Norbert Pantel zeigt am Zigeunerbach, wie man kleine Lebewesen mit einem Sieb aus dem Wasser fischt. Wenn sich der Schlamm im Wasser abgesetzt hat, kann man Köcherfliegenlarven sehen.

Warum der Lochbach so wichtig für Augsburg ist

Interessante Bäche gibt es viele auf dieser Tour – da ist etwa der Lochbach. Er ist eigentlich ein künstlicher Lechkanal und wurde vor Jahrhunderten angelegt, um Augsburger Mühlen, Schmieden und später Wasserkraftwerke zu versorgen. Oder der Brunnenbach. Er gilt als der wohl wichtigste Quellbach in der Geschichte Augsburgs. Bis 1841 floss er direkt und strikt getrennt zu den Lechkanälen bis zu den Wassertürmen am Roten Tor. Von dort aus wurde sein Trinkwasser in die Stadt verteilt.

Mit dem Fahrrad geht es ein Stück weiter auf einen Waldweg, der von den Sieben Tischen an der Sportanlage Süd abzweigt. Dort liegt eine neuere Station auf der Tour – einer der Augsburger Himmelsweiher. Ursprünglich war er ein Bombenkrater aus dem Zweiten Weltkrieg. Im Siebentischwald finden sich noch viele solcher Sprenglöcher. Einige wurden abgedichtet, mit Wasser befüllt und zum Feuchtbiotop umgestaltet. Nun wimmelt es in und an den Himmelsweihern von Amphibien und Kleinlebewesen.

Norbert Pantel vom Landschaftspflegeverband erklärt die Besonderheiten der Neun-Bäche-Tour im Stadtwald
Video: Jan-Luc Treumann, Eva-Maria Knab

Der Galgenablass zählt zu den Welterbe-Stätten

Wenn Pantel mit seinem Küchensieb durchs Wasser fährt, scheint es zu brodeln. Das kommt von den Unmengen an Kaulquappen, die vor dem Kescher flüchten wollen. Unter der Becherlupe ist zu sehen, dass sie schon kleine Vorderbeine ausgebildet haben. Nicht mehr lange, dann werden sie komplett verwandelt als Jungfrösche aus dem Tümpel hüpfen. Auch an dieser Station appelliert Pantel an kleine und große Naturforscher: „Man muss die Kaulquappen zurück ins Wasser setzen und darf sie auf keinen Fall mit nach Hause nehmen.“ Denn auch Amphibien sind geschützt, und einige heimische Arten sind selten geworden. Mit etwas Glück kann man in dem Tümpel auch winzige Wasserflöhe fangen, die mit ihren Ruder-Beinchen lustig aussehen. „Sie beißen nicht und saugen kein Blut, sonder ernähren sich von Plankton“, beruhigt der Biologe.

Biologe Norbert Pantel zeigt am Zigeunerbach, wie man kleine Lebewesen mit einem Sieb aus dem Wasser fischt. Wenn sich der Schlamm im Wasser abgesetzt hat, kann man Köcherfliegenlarven sehen.
Bild: Jan Luc Treumann

Schlimmes lässt die nächste Station auf der Tour befürchten: der Galgenablass am Grenzgraben. Glaubt man Experten, ist an Vermutungen, dort könnte eine mittelalterliche Richtstätte für Verbrecher gelegen haben, allerdings nichts dran. Der Name beschreibt eine Konstruktion des Wasserbaus. An der Stelle befand sich einmal eine Schleuse. Sie regulierte die Wassermenge im Siebenbrunner Bach. Dafür war eine Bretterwand nötig, die an einem Gerüst hing, das einem Galgen glich. Heute ist der Galgenablass aus einem anderen Grund eine besondere Stelle im Stadtwald, wie Pantel erläutert. „Er ist eine der 22 Welterbe-Stationen in Augsburg.“ Das Monument historischer Wasserbaukunst ist eine Kreuzung von zwei Bächen. Der Bemerkenswerte dabei: Ihr Wasser vermischt sich nicht.

Augsburg baute einen Floßhafen

Weiter geht es auf der Rundtour in Richtung Lech. Dort lag der alte Floßhafen. Zum Gütertransport war er einmal ähnlich wichtig wie heute die Autobahn. An der Stelle des Hafens ist heute ein mit Schilf bewachsenes Biotop. Wir sehen eine Entenmutter mit ihren Küken schwimmen. Nicht weit entfernt kann man mit etwas Glück Biber beobachten.

Unser Experte Norbert Pantel lässt mit seinen Geschichten Bilder in unseren Köpfen entstehen – von Augsburg, wie es früher war. Über Jahrhunderte hinweg transportierten Flöße auf dem Lech die unterschiedlichesten Güter von und nach Augsburg. Um das Jahr 1600 legten bis zu 3500 in der Stadt an. Erst im 19. Jahrhundert übernahm nach und nach die Bahn den Gütertransport. Kurios sei dabei vor allem eines gewesen, betont Pantel: Die Flößerei am Lech verlor immer mehr an Bedeutung. Trotzdem baute man in Zeiten der Eisenbahn in Augsburg ab 1910 noch einen Floßhafen.

 

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