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Augsburg

29.07.2019

Vergewaltigt vom besten Freund? Eine Frau kämpft um Gerechtigkeit

Hat Claudia E. K.O.-Tropfen von einem Bekannten gekommen, der sie danach vergewaltigte? Die 25-Jährige kämpft seit knapp einem Jahr um ihr Recht. Von den Behörden fühlt sie sich im Stich gelassen. Doch die Beweislage ist schwierig.
Bild: Angelika Warmuth, dpa (Symbolbild)

Plus Eine 25-Jährige trinkt ein Bier mit einem Freund. Was danach passiert, weiß sie nicht mehr, doch sie wacht in seinem Bett auf und hat überall blaue Flecken.

Was genau an dem Abend passiert ist, wusste Claudia E. (Name geändert) nicht. Sie hatte bei ihrem besten Freund daheim ein Bier getrunken, wachte später in seinem Bett auf. Was dazwischen geschah... Sie hat keinerlei Erinnerung, sagt sie. Aber es ging ihr nicht gut. Daheim entdeckte sie blaue Flecken an sich. Dann der Schock vier Wochen später bei einem Routinetermin bei der Frauenärztin: Die 25-Jährige ist schwanger. Ab da steht für sie fest: Sie wurde an dem Abend vergewaltigt. E. ist überzeugt: Es müssen K.O.-Tropfen gewesen sein, denn sie hatte einen Filmriss. Erst Monate später traut sie sich, ihren einstigen Freund anzuzeigen. Was danach passiert, zieht ihr erneut den Boden unter den Füßen weg.

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Die kleine Nadja sitzt auf dem Schoß der Mutter und quietscht vergnügt. Ein knappes Jahr ist sie jetzt alt. Claudia E. schaut ihre Tochter liebevoll an. „Ich liebe sie über alles. Sie hilft mir auch durch diese Zeit.“ Sie fügt hinzu: „Ich bin froh, dass sie aussieht wie ich und von ihm nichts hat.“ Ihr Gesichtsausdruck versteinert sich. Am liebsten würde sie das Geschehene vergessen. Aber das geht nicht. Vor Kurzem erst wurde ihr mitgeteilt, dass die Ermittlungen gegen den Mann eingestellt wurden, der sie vergewaltigt haben soll. Für sie war das ein zusätzlicher Schlag ins Gesicht, sagt Claudia E.

Nach einem Streit mit den Eltern geht sie zu einem Freund

„Da werden Frauen ermutigt, solche Vorfälle anzuzeigen und dann glaubt man ihnen nicht. Wie erfahre ich denn Gerechtigkeit?“ Zudem fühlt sich die 25-Jährige vom Jugendamt im Stich gelassen. Aber dazu später mehr.

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Zurück zum verhängnisvollen Abend, wie ihn Claudia E. aus ihrer Sicht schildert. Demnach hatte sie mal wieder mit ihren Eltern gestritten. Sie besuchte ihren besten Freund, um abzuschalten. Beide kennen sich seit vielen Jahren, hatten auch schon mal was miteinander, früher. Claudia E. trank mit ihm ein Bier. Sie betont, dass es nur eines war.

„Im Nachhinein, fiel mir auf, dass er das Bier nicht vor mir aufmachte, sondern dazu rausging. Warum wohl?“ Nach dem Getränk habe sie einen Filmriss gehabt. „Ich wachte im Bett auf. Mir ging es nicht gut. Ich wollte nur noch nach Hause.“ Sie habe an ihren Schenkeln und an den Handgelenken blaue Flecken entdeckt. Claudia E. behält es für sich, versucht den Vorfall zu verdrängen. Sie bricht den Kontakt zu dem Bekannten ab. „Ich zog mich insgesamt komplett zurück, ich fühlte mich eklig.“ Sie leidet unter Albträumen, wacht manchmal nachts schreiend auf.

Als ihr ihre Frauenärztin vier Wochen später sagt, sie sei schwanger, bricht für die junge Frau eine Welt zusammen. „Da wusste ich, was er getan hat.“ Claudia E. konfrontiert ihren einstigen Bekannten damit. Das erste Mal redete er nicht mit ihr, das zweite Mal verlangte er von ihr, das Kind wegzumachen – so erzählt sie es. Immer wieder steigen ihr beim Erzählen die Tränen in die Augen. In solchen Momenten wendet sie sich ihrer kleinen Tochter zu. „Es ist vielleicht absurd, aber ich bringe Nadja nicht mit der Tat in Verbindung.“

Die Psychologin sagt, sie verdränge zu viel

Eine Psychologin habe ihr gesagt, sie verdränge zu viel, das sei nicht gesund. Irgendwann wollte Claudia E. aber nicht mehr verdrängen, sondern den Vater des Kindes zur Rechenschaft ziehen. Sie zeigte ihn wegen sexuellen Missbrauchs und sexueller Nötigung unter Ausnützung einer Lage nach mangelnder Willensbildung oder -äußerung an. Doch die Ermittlungen wurden eingestellt. Wie ihr Anwalt Ralf Schönauer berichtet, habe die gegnerische Seite behauptet, der Sex sei einvernehmlich gewesen. Es stehe Aussage gegen Aussage. Claudia E. weiß um die Schwierigkeit der Beweislage. „Ich erwarte nicht, dass er in den Knast kommt. Mir hätte es schon gereicht, dass er als Angeklagter vor Gericht steht, damit er wenigstens einen Denkzettel bekommt.“ So aber fühle sie sich von der Justiz im Stich gelassen.

Die Augsburger Opferanwältin Marion Zech weiß aus ihrer Berufserfahrung, dass eine Beweisführung in solchen Fällen schwierig sein kann. Grundsätzlich sei es aber immer der richtige Weg, Strafanzeige zu stellen. „Nur muss dem- oder derjenigen klar sein, dass das Erzählte nicht als Nachweis einer Tat reichen kann.“ Die Justiz könne dies auch nicht laxer handeln. Sonst seien möglichen Falschbelastungen Tür und Tor geöffnet. „Es ist schlimm, wenn jemand als Unschuldiger ins Fadenkreuz gerät, aber genauso ist es für Opfer schlimm, wenn ihnen nicht geglaubt wird.“

Ihr Verteidiger ärgert sich

Claudia E.s Anwalt Ralf Schönauer hat bei der Staatsanwaltschaft Beschwerde gegen die Einstellung der Ermittlungen eingelegt. Was ihn aber vor allem ärgert ist, dass der 25-Jährigen von Seiten des Jugendamtes nicht genügend geholfen werde. Schließlich geht es auch um die Anerkennung der Vaterschaft, die von der gegnerischen Seite abgestritten wird. Claudia E. erhält keinerlei finanzielle Unterstützung von dem Mann. So lange bekommt sie vom Jugendamt den sogenannten Unterhaltsvorschuss. Sie fühlt sich dennoch von der Behörde im Stich gelassen, was ihr Anwalt nachvollziehen kann. Seine Mandantin erhalte immer nur Briefe. „Aber sie geben ihr keinerlei Tipps, wie sie vorgehen soll. Man muss der jungen Frau doch helfen, eine Klage auf Feststellung der Vaterschaft auf Prozesskostenhilfe einzureichen.“

Claudia E. ist froh, wenn zumindest dieser Punkt geklärt ist. Doch was ihr passiert ist, kann sie nicht vergessen. „Ich war so stark und habe die letzten Monate so viel durchgestanden. Für was?“, fragt sie sich. Die einzige Antwort, die sie findet, ist ihre Tochter. Das Kind, das ihrer Ansicht nach durch eine Vergewaltigung entstanden ist. Das Kind, das sie zunächst abtreiben lassen wollte. „Aber ich brachte das nicht übers Herz. Jetzt ist sie mein Ein und Alles.“

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