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Augsburg

19.12.2018

Verkehr verläuft jetzt in geordneten Bahnen

Ausreichend breit ist der neu abmarkierte Fahrstreifen für Radler wie Michaela Buckert, wenn sie stadteinwärts unterwegs sind. Auch Autos sind jetzt nur noch auf einer Spur neben dem öffentlichen Personennahverkehr unterwegs.
Bild: Michael Eichhammer

Neuer Fahrradstreifen in der Neuburger Straße stadteinwärts markiert. Jetzt bewegen sich alle Teilnehmer gleichberechtigt durch den Stadtteil und wissen genau, wo es lang geht. Trotzdem gibt es negative Stimmen

„Mein Mann war total überrascht, dass es plötzlich nur noch einen Fahrstreifen für Autofahrer gab“, berichtet Lisa Haas. Gemeint ist ein Abschnitt an der Neuburger Straße in Lechhausen. Im September begann der Ausbau der Radfahrstreifen. Der nun abgeschlossene Lückenschluss zwischen der Widderstraße und der Lützowstraße stadteinwärts und zwischen der Elisabethstraße und der Blücherstraße stadtauswärts soll Augsburg einen Schritt näher in Richtung Fahrradstadt bringen.

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„Vorher ging es hier total wild zu“, erinnert sich Lisa Haas. „Ich hatte die Strecke immer gemieden und mir alternative Routen gesucht“, so die 29-Jährige. Das Streckennetz kennt sie wie ihre Westentasche: Bei einem Praktikum im Geodatenamt sollte sie für das Projekt Fahrradstadt dabei helfen, das Radwegenetz digital zu erfassen.

Autos halten Abstand

Elisabeth Saupe fährt auf dem Weg zur Uni die gleiche Strecke auf dem Fahrrad. „Bevor es den Radstreifen gab, musste man auf der Straße fahren. Die Autos hielten da auch schon Abstand, aber es war ein komisches Gefühl.“ Die 20-jährige Jurastudentin freut sich, dass sie mit dem Rad schneller ans Ziel kommt als mit dem Auto. Genervt ist sie allerdings von Autos, die mitten auf dem Radweg kurzparken.

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Viel auf dem Fahrrad unterwegs ist auch Michaela Buckert. Die 56-Jährige betreut ambulant Senioren. Zehn bis 20 Kilometer legt sie dafür täglich auf dem Fahrrad zurück. Dass es jetzt einen Fahrradweg an dieser Stelle gibt, findet sie klasse. Die älteren Herrschaften, die sie besucht, sind da anderer Meinung. Denn der Ausbau des Radnetzes brachte einen Haken für die Autofahrer mit sich.

Während die Neuburger Straße zuvor zweispurig genutzt wurde, steht für Autos nun nur noch jeweils ein Fahrstreifen pro Richtung zur Verfügung. „Meine Senioren jammern über den Stau vor ihrem Fenster und den Gestank der Autoabgase.“ Der Nachhaltigkeitsgedanke sei in der Generation noch nicht verbreitet, erklärt sich Buckert diese Sichtweise.

Derzeit läuft der Verkehr auf der Neuburger Straße stadteinwärts wie folgt ab: in der Mitte Straßenbahnen und Busse, rechts davon die Spur für die Autos, direkt daneben die Radler. Rechts vom Radstreifen dann die Parkplätze, dahinter sind die Fußgänger unterwegs. Auf der anderen Seite spiegelt sich das gleiche Bild. Vor dem Radstreifen-Ausbau sei es auf der Neuburger Straße „sehr gefährlich“ gewesen, sagt Michaela Buckert.

Eine passionierte Radlerin

Doch auch heute noch sagt sie: „Ich wäre täglich zwei bis drei Mal tot, wenn ich nicht aufpassen würde.“ Die Autofahrer seien noch nicht sensibilisiert, findet Buckert. Ein Verbesserungsvorschlag der passionierten Radlerin: Wäre der Radweg erhöht, wären die Radfahrer weniger exponiert.“

Doch der nicht erhöhte Radfahrstreifen auf der Fahrbahn ist – so das Tiefbauamt auf unsere Anfrage – „eine sichere und übliche Führungsform für den Radverkehr auf Hauptverkehrsstraßen“. Außerdem hätte ein Radweg mit Höhenversatz auch Nachteile. Janos Korda, der Fahrradbeauftragte der Stadt, erklärt hierzu folgende Überlegung: Es wäre dann schwieriger, Parkplätze daneben anzubieten und Radlern würde außerdem die Möglichkeit genommen, bei einer sich öffnenden Fahrertür im Notfall auf die Straße auszuweichen.

Michaela Buckert hätte auch dafür eine Idee: Ihr würde es besser gefallen, wenn sich der Radstreifen rechts von den Parkplätzen befände. So hätten Radfahrer die parkenden Autos als „Schutzwall“, glaubt Buckert. Die Theorie der Radfahrerin hat allerdings ihre Tücken, wie Janos Korda weiß. „So wie es jetzt ist, haben die Autofahrer die Radler immer im Blickfeld und achten auf diese“, sagt der städtische Radbeauftragte. Bei der anderen Variante dagegen wären die Radler hinter den parkenden Autos versteckt, was bei Grundstückseinfahrten und Kreuzungen problematisch würde. Dazu kämen diverse andere Gewohnheiten: „Beifahrer achten beim Öffnen der Wagentür in der Regel weniger auf den Verkehr als die Fahrer.“

Generell zeigt die Herausforderung, verschiedene Fortbewegungsmittel nebeneinander unter einen Hut beziehungsweise auf eine Straße zu bringen, die tiefe Wahrheit einer Binsenweisheit: Man kann es nicht allen recht machen. Am allerwenigsten, das zeigen unsere Interviews vor Ort, den Autofahrern. Larissa Dider bekennt, dass sie schon mal auf dem neuen Radstreifen geparkt hat.

Nicht mit Absicht, sondern weil sie nicht aufgepasst hätte. „Der Radweg muss doch nicht gar so breit sein“, findet die 52-Jährige. „Die Autofahrer bezahlen Steuern und Benzin und sind immer die, die gezwickt werden.“

Mit dem Auto ist auch Adolf Rezek unterwegs. Man müsse nun immer Angst um die Radfahrer haben, weil die Neuregelung „sehr unübersichtlich“ sei. „Auf der Straße, beim Rechtsabbiegen und beim Aussteigen – überall muss man aufpassen“, sagt Rezek.

Gesteigerte Aufenthaltsqualität in Lechhausen

Walter Wölfle, 57, der stellvertretende Vorsitzende der Aktionsgemeinschaft Lechhausen, räumt ein: „Es gibt derzeit Anfangsschwierigkeiten. Umso mehr braucht es gegenseitige Rücksichtnahme, bis sich die Dinge eingeschliffen haben.“ Das Ziel der Aktionsgemeinschaft ist die Steigerung der Aufenthaltsqualität im Stadtteil. „Bei Änderungen in einer bestehenden Straße jedem Verkehrsteilnehmer gerecht zu werden, ist die Quadratur des Kreises“, sagt Wölfle. „Wir werden die Situation beobachten bis zum Frühjahr und gegebenenfalls an Stellschrauben drehen, um den Verkehrsfluss zu optimieren“, verspricht er.

Eine solche Stellschraube könnte die Taktung der Ampeln sein. Auch könne die Verkehrsüberwachung verstärkt darauf achten, dass der Radweg nicht zum Parken missbraucht wird. „Es wird wohl noch drei, vier Monate dauern, bis der Einzelne lernt, wo und wie er fahren muss“, vermutet Walter Wölfle. Eins haben unsere Gespräche mit den Lechhauser Verkehrsteilnehmern gezeigt: Am meisten gegenseitige Toleranz zeigten diejenigen, welche die Strecke aus beiden Perspektiven kennen: vom Drahtesel aus und hinter dem Lenkrad.

Vielleicht lohnt es sich also, einfach mal umzusatteln und die Verkehrswelt für einen Moment mit anderen Augen zu sehen. Keine Angst vor den winterlichen Temperaturen – Michaela Buckert hat da reichlich Erfahrung: „Nur Weicheier fahren lediglich im Sommer mit dem Fahrrad“, findet sie.

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