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Mordfall Angela Baron

29.01.2019

Verrät dieses Möbelteil den Prostituierten-Mörder?

Es könnte das entscheidende Beweisstück sein: Der Mörder hat die Prostituierte damit geschlagen, womöglich auch vergewaltigt. Zeugen wollen solch ein Holzteil bei Stefan E. gesehen haben.
Bild: Polizei

Stefan E. soll 1993 eine Frau umgebracht haben. Die Ermittler haben viele DNA-Spuren von ihm gefunden - aber auch von anderen Männern.

Er sieht nicht aus wie ein Mörder. Wie ein Mann, der eine Prostituierte mit einem Holzstück vergewaltigt, sie damit schlägt und erwürgt. Schüchtern wirkt Stefan E., 50, wenn er im Gerichtssaal auf der Anklagebank sitzt. Sein Gesichtsausdruck wirkt meist stoisch. Doch was sagt das schon aus über den Mann, der unter Mordverdacht steht? Ein erfahrener Augsburger Ermittler sagt: „Die meisten Mörder sehen ganz normal aus. Wie du und ich.“

Ob Stefan E. wirklich der Mörder der Prostituierten Angelika Baron ist, darüber muss am Ende die Schwurgerichtskammer des Landgerichts entscheiden. Und eine einfache Entscheidung wird es für die Richter wohl nicht werden, so viel zeichnet sich schon jetzt ab. In dem Prozess, der seit Mitte Dezember läuft, geht es jetzt um die DNA-Spuren, die von den Ermittlern gesichert worden sind. Eine Expertin des Münchner Landeskriminalamts hat die genetischen Fingerabdrücke untersucht. An Spuren mangelt es in diesem Fall nicht. Die Frage ist nur, ob sie auch zum Täter führen.

DNA-Spuren von Stefan E. finden sich bei der ermordeten Angelika Baron

DNA-Spuren von Stefan E. finden sich unter anderem an den Leggins, welche Angelika Baron, 36, bei der Arbeit getragen hat. „Anschi“, wie sie in der Szene genannt wurde, arbeitete auf dem Straßenstrich an der Bürgermeister-Ackermann-Straße. Sie stieg zu den Freiern ins Auto. Der Sex spielte sich dann nur wenige Meter entfernt von ihrem Standplatz ab, im Auto des Mannes. Auch an der Unterhose von Angelika Baron wurde DNA von Stefan E. gefunden, ebenso an Socken. „Anschi“ trug immer zwei Socken übereinander, erzählen ehemalige Kolleginnen. Zwischen die Socken steckte sie dann jeweils das Geld, das sie von den Freiern bekam.

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Die Prostituierte Angelika Baron wurde im September 1993 umgebracht.
Bild: Polizei

Die Ermittler vermuten, dass die DNA von Stefan E. an die Socken gekommen ist, als er sie auf der Suche nach Geld abgetastet hat. Das unterscheide seine Spuren nach Ansicht der Ermittler auch von der DNA mehrerer anderer Männer, die an der Leiche und der Kleidung gesichert worden ist. Doch reicht das, um Stefan E. zu verurteilen? Verteidiger Klaus Rödl sagt: Nein. Die DNA von Stefan E., meint er, könne genauso gut durch Angelika Baron selbst an die Socken gekommen sein. Zum Beispiel, als die Frau das von Stefan E. bezahlte Geld dort verstaute. Dass er regelmäßig zu den Frauen ging, die auf dem Straßenstrich an der Auffahrt zur Ackermann-Straße ihren Körper verkauften, gab der Angeklagte bei der Polizei zu. Er habe das auch in den Jahren nach dem Fall getan.

Sperma an Angelika Barons Leiche stammt nicht von Stefan E.

Welche anderen Männer es waren, die bei Angelika Baron ihre Spuren hinterlassen haben, wissen die Ermittler bis heute nicht. Ein Abgleich der gefundenen DNA mit anderen Freiern und mit den Datenbanken der Polizei brachte keine Treffer. Unklar ist somit auch, von wem das Sperma stammt, das die Ermittler in der Scheide der Toten und in einem Kondom, das neben der Leiche lag, sicherten. Von Stefan E. ist es jedenfalls nicht. Dabei waren die Ermittler, die 1993 den Mord untersuchten, stets davon ausgegangen, dass genau dieser genetische Fingerabdruck aus dem Kondom vermutlich von letzten Freier der Prostituierten stammt – und damit vom Mörder.

Von dieser Theorie seien sie damals schnell überzeugt gewesen, erzählt Helmut Falb, 75, der ehemalige Chef des Kommissariats für Tötungsdelikte. Darauf, dass der mutmaßliche Mörder aus dem Rotlichtmilieu stammen und ein Zuhälter sein könnte, habe es keine Hinweise gegeben. Ein Ex-Freund und mutmaßlicher Zuhälter von Angelika Baron hätte zwar von einer Unfallversicherung über 100.000 Mark profitiert. Doch das Geld habe er nie bei der Versicherung abgerufen.

Mit dem Möbelteil wurde Angelika Baron wohl vergewaltigt

Damit bleibt als Beweis ein Möbelteil, das am Fundort der Leiche, an einem Bahndamm bei Gessertshausen, lag. Mit dem Teil, vermutlich der Fuß eines Schranks, wurde „Anschi“ geschlagen. Die Staatsanwaltschaft glaubt zudem, dass sie damit vergewaltigt wurde. Es gibt zwei Zeugen, die sich offenbar daran erinnern, dass in Stefan E.s Auto damals ein solcher Möbelfuß gelegen haben soll.

Spuren des Angeklagten gibt es auf diesem Holzteil nicht. Es wird also davon abhängen, wie glaubwürdig die Zeugen sind. Zumindest einer von ihnen soll sich jahrelang, ebenso wie Stefan E., im Drogen- und Trinkermilieu bewegt haben. Die Zeugen sind im Februar geladen. Es wird ein entscheidender Tag im Mordprozess werden.

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Angelika Baron ist vor 25 Jahren in Augsburg ermordet worden. Ihre Tochter erfuhr davon erst später.
Video: Jörg Heinzle
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