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Augsburg

14.11.2019

Verzweiflungstat in Jakobervorstadt: Wenn Eltern nicht weiter wissen

Für die tote Mutter und ihren toten Sohn stehen Kerzen und Blumen vor der Haustür.
Foto: Silvio Wyszengrad

Plus Eine Mutter hat ihren schwerstbehinderten Sohn und sich selbst getötet. Der Fall wühlt Menschen auf, die in ähnlichen Situationen leben. Betroffene erzählen.

Jemand hat zwei Kerzen aufgestellt, dazu einen kleinen Strauß mit Rosen. Hinter der weißen Haustür in der Jakobervorstadt sind in der Nacht zum Montag zwei Menschen gestorben. Eine 57-jährige Frau hat dort laut Polizei erst ihren schwerstbehinderten, zwölfjährigen Sohn und dann sich selbst getötet. Die Ermittler der Augsburger Kriminalpolizei sprechen von einer Verzweiflungstat und vermuten eine „persönliche Überforderung“. Pflegerinnen, die einen Schlüssel zu der Wohnung hatten, fanden die beiden Leichen am Montagmorgen.

Tötungsfall in Augsburg: Kind war schwerer Pflegefall

Eine Bekannte der 57-Jährigen beschreibt sie als „starke Frau“. Die Alleinerziehende habe sich mit großem Einsatz um ihren Sohn gekümmert. Das Kind war ein schwerer Pflegefall. Es war am ganzen Körper gelähmt, musste beatmet werden. Im Umfeld der Frau heißt es, zuletzt habe sie auch noch einen privaten Schicksalsschlag verkraften müssen. Die Bekannte, die ebenfalls ein behindertes Kind hat und sich zeitweise allein um ihr Kind kümmern musste, sagt, es gebe zwar viele gute Hilfsangebote für Menschen mit Behinderung und deren Angehörige. Diese könnten aber nicht alle Belastungen auffangen und ausgleichen, die man als Betroffene erlebe.

Die Frau erzählt, sie selbst habe besonders darunter gelitten, dass sich Menschen aus ihrem sozialen Umfeld abgewandt hätten. Auch in ihrer Familie habe sie teils vermittelt bekommen, dass ihr behindertes Kind störe und sie unerwünscht sei. Diese sich entwickelnde Einsamkeit sei ein großes Problem. Iris Krämer, Heilpädagogin in der offenen Behindertenarbeit der evangelischen Jugendarbeit in Augsburg, bestätigt das. Das Leben verändere sich mit einem behinderten Kind so massiv, dass oft auch soziale Kontakte darunter leiden. Es kommt vor, dass sich Menschen abwenden, weil sie das Thema verdrängen.

Wie eine Augsburger Mutter für ihren Sohn kämpft

Auch Tanja Schießl weiß, wie es ist, ein schwer krankes Kind zu haben und auf sich allein gestellt zu sein. Ihr neunjähriger Sohn Jerome leidet von Geburt an an einer unheilbaren Erkrankung der Nervenzellen. Die „Spinale Muskelatrophie“ beeinträchtigt alle Muskeln. Der Junge kann sich nicht mehr bewegen, er wird über eine Magensonde ernährt. Eine Maschine beatmet Jerome rund um die Uhr. Schießl kann keiner Arbeit nachgehen. Ihren „Superhelden“ nennt sie Jerome gerne. Dabei muss die zierliche Frau selbst tapfer sein. Jeromes Vater kümmere sich nicht um seinen Sohn, wie sie erzählt. „Ich habe nur eine wahre Freundin.“

Andere Menschen, die sie mal besuchten, kämen, um entweder über ihr eigenes Leben zu lamentieren oder weil sie Gesprächsstoff brauchten. Aber nicht aus Interesse an ihr und ihrem Kind. „Auch durch diese Erfahrungen härtet man ab.“ Wie sie ihr Leben meistert? „Ich funktioniere.“ Ihr Antrieb ist, das Leben ihres Sohnes möglichst angenehm zu gestalten. „Ich liebe ihn abgöttisch.“ Schießl ist sich bewusst, dass Jerome nicht lange leben wird. Manchmal gerät sie an ihre Grenzen.

Die erschütternde Tat bewegt viele Menschen

Wenn etwa der Pflegedienst personellen Engpass hat und niemanden für die nächtliche Betreuung vorbeischicken kann. Dann muss die Mutter die Nachtschichten übernehmen. Wenn sie merkt, dass sie mit ihren Kräften am Ende ist, bittet Schießl beim „Bunten Kreis“ um Hilfe. Seit über 25 Jahren betreut die Einrichtung in der Region Familien mit chronisch- und schwerstkranken Kindern. Der „Bunte Kreis“ wird finanziert durch die Kassen und den Bezirk Schwaben, aber auch durch Spenden. Tanja Schießl bekam über ihn Aufenthalte in einem Hospiz. Für die Mutter bedeuten die Hospiz-Besuche Zeit, um neue Kraft zu schöpfen. „Ich weiß, dass Jerome dann rund um die Uhr versorgt ist. Ich hole viel Schlaf nach oder gehe spazieren.“ Die erschütternde Tat am Kappeneck bewegt die Mutter.

Sie ist auf Facebook Mitglied einer Gruppe von Eltern mit behinderten Kindern. Dort werde gerade rege diskutiert. „Nach diesem Fall schreiben viele über ihre Gedanken und warum sie den Schritt verstehen können.“ Tanja Schießl findet das schlimm. Auch wenn sie selbst Momente der Verzweiflung kennt. Wie neulich, als Jerome an einer Lungenentzündung erkrankte. Für einen kranken Jungen wie ihn kann das ein Todesurteil sein. Es waren Momente des Bangens. Inzwischen sei Jerome auf dem Weg der Besserung. Schießl weiß, sie wird weiterhin viel Kraft brauchen – und Unterstützung.

Wo Eltern Unterstützung erhalten

Diese anzunehmen, müssten viele Eltern erst lernen, ist die Erfahrung von Achim Saar vom Bunten Kreis. „Dies kann ein langer Prozess sein. Denn viele haben den Anspruch, es alleine zu schaffen“, sagt der Verantwortliche für den Kinder- und Jugendhospizdienst. Er appelliert an betroffene Eltern: „Bevor es so weit kommt, wie in dem tragischen Fall, holen Sie sich bitte Hilfe“. Laut Saar gebe es ein gutes Netz an Anlaufstellen für Familien. Das sagt auch Iris Krämer von der evangelischen Jugend. „Wir kommen auch zur Beratung vor Ort vorbei, um es Betroffenen so leicht wie möglich zu machen.“ Offene Behindertenarbeit betreiben in Augsburg auch das Dominikus-Ringeisen-Werk, die Lebenshilfe und die Malteser.

Versorgungslücken gibt es aber immer wieder. „Der Personalmangel bei Pflegediensten ist auch bei der Betreuung kranker Kinder spürbar. Es gibt zu wenige Kinderkrankenschwestern“, sagt Achim Saar. Die Schwierigkeit, einen Pflegedienst zu finden, kennt auch Michael Amberg. Amberg ist im Vorstand des Fritz-Felsenstein-Hauses. Derzeit besuchen rund 270 Körperbehinderte die Schule in Königsbrunn. Auch Tanja Schießls Sohn wird für den Unterricht dort von zuhause abgeholt. „Für Familien und vor allem für Alleinerziehende ist es belastend, ein Kind mit schwerer Behinderung groß zu ziehen“, weiß Amberg. Das Fritz-Felsenstein-Haus biete Gruppen für Eltern, aber auch für Geschwister an.

Hier gibt es Informationen über Angebote für Behinderte und deren Angehörige: www.bezirk-schwaben.de; Fritz-Felsenstein-Haus: Telefon 08231/60040 oder: www.felsenstein.org. Bunter Kreis: Telefon 0821/400-4848 oder: www.bunter-kreis.de.

Lesen Sie dazu auch: Wie dem todkranken Jerome (9) sein großer Wunsch erfüllt wurde

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