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Augsburg

01.09.2020

"Viele Künstler, Theater, Kinos und Veranstalter wird es nicht mehr geben"

Das Konzertbüro Augsburg wird von Maria Löffler-Kistler (von links), Erwin Kistler und Tochter Nadine Kistler geleitet.
Bild: Ulrich Wagner

Plus Veranstalter von Shows und Konzerten leiden unter der Coronakrise. Auch das Konzertbüro Augsburg kämpft, hat aber Strategien entwickelt. Was sich die Inhaber wünschen.

Corona hat die Veranstaltungsbranche stark getroffen, immer wieder mussten Shows verschoben oder abgesagt werden. Wie ist das beim Konzertbüro Augsburg?
Nadine Kistler-Engelmann: Bei uns ist das ähnlich. Wir waren leider die letzten Monate fast ausschließlich damit beschäftigt, Hunderte von Shows verschiedener Künstler zu verschieben. Ein Ende ist leider noch nicht in Sicht. Aktuell verschieben wir den großen Teil unserer Veranstaltungen im Herbst.

Oft werden Konzerte und Auftritte von Comedians um ein ganzes Jahr verschoben. Gäbe es da Alternativen?
Nadine Kistler-Engelmann: Zu Beginn der Corona-Pandemie haben wir unsere Shows zum Teil noch in den Sommer geschoben, da wir, vielleicht etwas optimistisch, gehofft haben, dass wir bis dahin wieder spielen können. Mittlerweile verschieben wir die Shows um mindestens ein Jahr, da die Gefahr, nochmals verschieben zu müssen, sonst zu groß ist. Dazu kommt auch noch, dass die Künstler ihre Tournee fast immer in Blöcken spielen und diese Orte dann auch nicht zu weit voneinander entfernt liegen sollten. Daher sind Routing und die Termine der Künstler mit die wichtigen Überlegungen, wohin man einen Termin verschiebt.

Sind Open-Air-Veranstaltungen eine Alternative für Veranstaltungen in Augsburg?

Sie veranstalten im September Harry G und Martina Schwarzmann auf Schloss Scherneck. Welche Regeln gelten dort?
Maria Löffler-Kistler: Aktuell sind bei Open Airs in Bayern 400 Zuschauer erlaubt. Hinzu kommt ein Hygienekonzept – Mindestabstände müssen eingehalten werden, auf dem Weg zum Platz müssen Masken getragen werden, und wir müssen die Nachvollziehbarkeit der Gäste garantieren.

Ihre Agentur hat 21 Angestellte, sie betreut 18 Künstler im Management, sowie weitere als örtlicher Veranstalter. Sind Ihre Mitarbeiter von Kurzarbeit oder anderen Einschränkungen betroffen?
Erwin Kistler: Leider ja. Ein Großteil unserer Mitarbeiter ist noch in Kurzarbeit, da wir so gut wie keine Veranstaltungen haben. Das war mit ein wichtiger Grund, warum wir gemeinsam mit Franz Fischer vom Thalia/Lechflimmern unsere Autokinos an der Messe Augsburg und in Altusried eröffnet haben. Die Kinos und Konzerte sind eine gute Möglichkeit, den Leuten in Corona-Zeiten Kultur zu ermöglichen und einen Teil unserer Mitarbeiter sinnvoll zu beschäftigen.

Gibt es in Deutschland Unterschiede in Bezug auf Anzahl der Gäste, Einlass oder Bewirtung?
Erwin Kistler: Jedes Bundesland hat seine eigenen Bestimmungen, und die einzelnen Städte und Hallen haben zum Teil eigene Beschränkungen entwickelt. Das macht uns die Arbeit umso schwerer, da wir im gesamten deutschsprachigen Raum veranstalten. Wir müssen bei jeder Verschiebung mit den Hallen telefonieren, wie viele Personen wir aktuell reinlassen dürfen und welches Hygienekonzept gilt.

Das Messeflimmern auf der Messe Augsburg kam bei den Besuchern gut an.
Bild: Michael Hochgemuth

Sie buchen auch Termine in Theatern, zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen das Savoy in Düsseldorf. Wie sind da die Regeln?
Nadine Kistler-Engelmann: In Nordrhein-Westfalen sind die Regeln etwas lockerer. Wir dürfen bei Biyon Kattilathu im Savoy in Düsseldorf mit 300 Zuschauern indoor spielen – ohne Abstand aber mit Maske. Das Haus hat ein spezielles Hygienekonzept, wie der Einlass geregelt wird und wie die Zuschauer an ihre Plätze gebracht werden. Hinzu kommt, dass wir ohne Pause etwa 90 Minuten spielen. Die Möglichkeit, indoor vor 300 Zuschauern ohne Abstand zu spielen, ist für unsere Künstler ein Traum.

Konzertbüro Augsburg befürwortet die Maskenpflicht

Wäre eine streng kontrollierte Maskenpflicht auch während der Vorstellung eine Lösung, wieder mehr Konzerte machen zu können?
Erwin Kistler: Auf jeden Fall. Die Maskenpflicht besteht teilweise auch in den Kinos. Die Künstler müssten dann ihre Programme verkürzt und ohne Pause spielen, aber ich denke, dass die Maskenpflicht die einzige Alternative ist, um auch in Bayern wieder Konzerte spielen zu können.

Wie lange kann die Veranstaltungsbranche mit diesen Einschränkungen noch durchhalten?
Maria Löffler-Kistler: Das kann man nicht pauschal beantworten. Viele kleine Firmen, Techniker, Caterer, Security-Unternehmen haben jetzt schon große Probleme. Es gibt auch immer mehr Hallen, die schließen müssen, und es werden sicher im nächsten halben Jahr noch viele dazukommen. Auch viele Künstler, Kabarettisten, Musiker haben große Probleme, das noch länger durchzuhalten. Plötzlich brechen sämtliche Einnahmen weg, und die Zahlung des Freistaats von drei mal 1000 Euro war nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Je nachdem, wie lange die Krise anhält und wie viele Hilfen es noch gibt, könnte es passieren, dass am Ende nur noch einige große Veranstalter auf dem Markt sind. Gerade von der Vielfalt lebt die Veranstaltungsbranche in Deutschland aber. Wenn diese Vielfalt verschwindet, dann geht sehr viel verloren.

Im Bayern sind (derzeit) 200 Besucher in geschlossenen Räumen, 400 im Freien erlaubt. Wie ist das anderswo?
Nadine Kistler-Engelmann: In Nordrhein-Westfalen sind sogar Veranstaltungen mit mehr als 1000 Besuchern erlaubt, ohne Abstand, aber mit Maske. In der Schweiz sind ab September wieder Großveranstaltungen mit Abstand erlaubt. Österreich und die restlichen Bundesländer in Deutschland haben ähnliche Regeln wie in Bayern. Nordrhein-Westfalen ist Vorreiter. Es gab dort schon Hunderte von Veranstaltungen, ohne dass etwas passiert ist. Wir hatten dort schon einige Shows.

Max Raabe ist einer der Künstler, die vom Konzertbüro Augsburg gemanagt werden.
Bild: Helmut Bader (Archivfoto)

Was wünschen Sie sich von der Politik?
Maria Löffler-Kistler: Wir müssen mit dem Virus leben. Die Politik soll aufhören, die Menschen in Angst und Schrecken zu versetzen. Ansonsten wird das zu einer wirtschaftlichen Katastrophe führen.

Was erwarten Sie von der Landespolitik?
Erwin Kistler: Bayern hat die schlechtesten Zahlen in Sachen Pandemie in Deutschland, obwohl wir hier die härtesten Maßnahmen haben. Den Menschen in Bayern wird damit jede Hoffnung auf Besserung genommen. Das ist der falsche Weg.

Was könnte die Augsburger Politik tun?
Erwin Kistler: Die ist an München gebunden, da kann man keine Vorwürfe machen.

Konzertbüro Augsburg sieht Kinos, Theater und Künstler in Gefahr

Die Charité hat eine Studie vorgelegt, dass man mit Vorsichtsmaßnahmen alle Plätze in Theatern und Hallen belegen könnte. Wäre das ein Weg?
Maria Löffler-Kistler: Nordrhein-Westfalen macht es vor und es funktioniert. Ohne Aufhebung der Abstandsregel wird die Branche nicht überleben. Viele Künstler, Theater, Kinos und Veranstalter wird es nächstes Jahr nicht mehr geben. Die Ravensburger Messe hat ihre GmbH aufgelöst, privat geführte Theater wurden geschlossen. Die Steuereinnahmen werden wegbrechen, wir sind in einer Abwärtsspirale. Ohne eine radikale Kehrtwende steuern wir auf eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Katastrophe zu.

Wie lang ist der Atem des Konzertbüros Augsburg?
Maria Löffler-Kistler: Bei uns ist es nicht so schlimm, da wir seit Jahren schon Künstler managen. TV, Netflix und Co. funktionieren noch. Unsere Künstler sind gut gebucht. Einige unserer Klienten veröffentlichen Bücher, einige werden eigene TV-Formate bekommen. Wir sind in Verhandlungen mit einer Produktionsfirma in Los Angeles wegen eines mehrteiligen Formates, das weltweit auf einem der großen Streamingportale gezeigt werden soll. Dann haben wir eine Firma gegründet, die sich auf Onlinemarketing spezialisiert hat. Das läuft gut an. Wir haben noch circa 500 ausverkaufte Shows, die wir hoffentlich irgendwann spielen können. Gottseidank gibt es Nordrhein-Westfalen. Wir buchen dort verstärkt Konzerte.

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